Kunst aus dem Auto

"Ich folge dem, was ich sehe"

Die Künstlerin Heike Gallmeier reist mit einem Transporter entlang der deutschen Außengrenzen und schafft spontane Installationen vor Ort. Ein Gespräch über das Unterwegssein und undurchlässige Grenzen in Zeiten der Pandemie

Für das Projekt "Outlines" reist Heike Gallmeier im Mobile Art Space, einem zum Wohnatelier umgebauten Transporter, entlang der deutschen Außengrenzen. Während der Reise entstehen Fotografien, temporäre Installationen aus gefundenen Objekten und malerischen Eingriffen sowie ein schriftlicher und filmischer Reisebericht. Wir haben mit der Künstlerin gesprochen.
 

Frau Gallmeier, in einem umgebauten Transporter sind Sie letztes Jahr zwei Monate auf der Grenzlinie um Deutschland herum gereist. Wie lautet denn ihr aktueller Kilometerstand?

Bis jetzt bin ich entlang der Grenze um die 2500 km gefahren.

Fundstücke von unterwegs inszenierten Sie dabei in Ihrem fahrbaren Atelier.  Was haben Sie immer im Gepäck mit dabei?

Meine Farben, Pinsel und Werkzeuge. Der mobile art space ist in zwei Bereiche unterteilt. Vorne habe ich ungefähr zwei Quadratmeter als Wohnbereich ausgebaut. Dort verstaue ich meine Kleider und Essen. Hier kann ich auch schlafen. Dafür habe ich einen Tisch, den ich als Bett umfunktionieren kann. Im Laderaum ist der als "White Cube" ausgebaute Atelierbereich.

Sie komplettieren gerade Ihre dritte Ausstellungsreise. Wie kam es denn zu dieser Idee?

Ich bin sehr nahe der deutsch-tschechischen Grenze aufgewachsen, wirklich nur ein paar Meter davon entfernt. Seither hat mich das Thema der Grenze immer wieder beschäftigt. Ich fand es interessant, dass sie einerseits unsichtbar ist, aber auf der anderen Seite sehr spürbar. Die Grenze bildet eine Linie, die man auf der Karte sieht, aber nicht in der Landschaft. Mich interessieren die Zwischenräume und Übergangszonen zwischen den Ländern. Sie wollte ich mit "Outlines" erkunden. Im letzten Jahr habe ich mir dann einen Transporter gekauft und mit Hilfe eines Freundes zum mobilen Atelier umgebaut.

Wie suchen Sie dann genau die Orte aus, an die Sie wollen?

Tag für Tag versuche ich mich so nah wie möglich an der Grenze entlang zu schlängeln. Ich fahre durch die Orte, die an der Grenze liegen. Auf dem Weg fotografiere ich oder arbeite an temporären Installationen. Also ist die Vorgabe eigentlich immer: Folge der Linie, und was dabei passiert, kann man nicht vorhersehen.

Wenn Sie Ihre Installationen bauen, sind diese dann beeinflusst von dem erlebten Tag und Ihren Emotionen?

Unterwegs sammle ich Farben und Formen, ich führe ein fotografisches Tagebuch. Diese Fotos heißen „Trouvaillen“, also Fundstücke. Elemente darauf fließen mit in die Installationen ein. Auch Objekte, die ich unterwegs finde und die Landschaft, in der der mobile art space steht, haben einen starken Einfluss.

Die Landschaft auf den Fotos hat keinen bestimmten Wiedererkennungswert. Warum nehmen Sie dann so viele Kilometer auf sich?

Man sieht auf den Fotos schon deutlich, dass es sehr unterschiedliche Landschaften sind: der Rhein, ein Parkplatz am Rand von Feldern, Weinberge, ein Wald. Der Hintergrund für die temporären Installationen sollte aber zurückhaltend sein. Es geht um Linien und Horizonte. Ich reagiere intuitiv auf die Landschaft und schaffe mit der abstrakten Installation eine Verbindung zu ihr, eine Gesamtkomposition. Der mobile art space steht immer gleich im Bild, sodass, wenn man sich die Bilder hintereinander anschaut, die Landschaft dahinter wechselt.

Der Prozess des Findens ist somit der wichtigste Teil ihrer Arbeit. Wie läuft das dann genau ab?

Ich entdecke einen Ort für die temporären Installationen beim Vorbeifahren, oft suche ich mir die Stelle schon einen Tag vorher aus. Die Installationen entstehen immer an einem Tag, also muss ich den Ort relativ früh finden, damit ich genug Zeit zum Arbeiten habe. Ich muss auch auf die Himmelsrichtung und das Licht achten. Der Stand der Sonne ändert sich im Lauf des Tages und ich darf nicht ins Gegenlicht kommen, sonst kann ich die Installation am Schluss nicht fotografieren.

Also planen Sie alles vor Ort?

Genau, es ist prozesshaft. Und das ist es, was die Reise für mich interessant macht. Dass ich quasi nur an dieser Linie der Grenze entlangfahre und nichts weiter plane. Ich folge dem, was ich sehe und was passiert. Dadurch wird die Aufmerksamkeit sehr erhöht, man ist im Moment drin. Ich lebe in einem Rhythmus mit den äußeren Gegebenheiten und bin diesen ausgesetzt. Das heißt, ich muss mich immer wieder auf das Wetter, das Licht, die Landschaft und die Begegnungen einstellen, das war in dieser Form neu für mich.


Und wie entscheiden Sie, welche Gegenstände sie an dem Tag inszenieren wollen?

Ich fahre viele kleine Straßen entlang, wo man Liegengelassenes finden kann. Betongebilde, Autofenster oder Dinge, die eine bestimmte Farbigkeit oder Haptik haben, die mich anspricht. Die nehme ich dann als Material für Installationen mit. Es entstehen ein bis zwei Installationen während einer Woche. Was ich jeden Tag gemacht habe, war das Fotografieren unterwegs. Häuser, Orte, Landschaft, Farben, Strukturen. Das sind Eindrücke, visuelle Fundstücke, die ich sammele, die "Trouvaillen".

Grenzen sind durch Corona wieder ein großes Thema geworden. Inwiefern hat das ihre Arbeit beeinflusst?

Die Idee für "Outlines" war schon lange da, ich war letztes Jahr quasi abfahrbereit, als überraschenderweise alle innereuropäischen Grenzen geschlossen wurden. Ich habe nicht wirklich verstanden, wie man ein Virus bekämpfen kann, indem man die Grenzen schließt. Das war eher ein psychologisches Moment, würde ich sagen, weil in Zeiten der Globalisierung das Virus sich so nicht dauerhaft aufhalten lässt. Während meines Projekts habe ich immer wieder Leute interviewt. An der deutsch-französischen Grenzen wurde zum Beispiel gesagt, dass die Feindseligkeit sich bei einer erneuten Schließung der Grenzen verstärken würde, weil man dann das Gefühl habe, der andere sei schuld. In Dänemark wurden extra wieder neue Grenzbefestigungen installiert. Aber auch in den Köpfen manifestieren sich die Grenzen dadurch. Das Nationalistische ist ja ohnehin ein Thema im Moment.

Hat sich ihre Definition von Grenzen durch das Projekt verändert?

Interessant war das Verschieben der eigenen Grenzen, auch weil ich allein unterwegs bin. Wetter, Landschaft, Menschen – alles, was im Außen ist, betrifft einen unmittelbar, man ist mittendrin und dennoch in seiner Kapsel in dem mobilen Atelier. Die Reise hat mir gezeigt, dass ich ziemlich autark sein kann. Außerdem habe ich gelernt, auf engstem Raum und mit wenig Privatsphäre zu leben.

Sie haben auch mit einigen dort lebenden Menschen über Grenzen gesprochen. Was habe sie dafür Erfahrungen gemacht?

Ich habe mit Mädchen in Polen gesprochen, für die die Grenze keine große Rolle spielt, dann mit dem Direktor des "Freedom Museum" in den Niederlanden, wo es um die Befreiung von der deutschen Besetzung ging. Außerdem habe ich ein Interview mit dem Sprecher der MERU (Maharishi European Research University) über spirituelle und körperliche Grenzen geführt. Es war spannend, über die verschiedenen Aspekte von Grenzen zu sprechen.

Sie mussten ihr Projekt coronabedingt früher abbrechen. Wie war es, zurück zu kommen?

Als ich nach Berlin zurückkam, war dort Lockdown. Was ich dann eigentlich gerne gemacht hätte, Freunde sehen, eine kleine Willkommensfeier machen, war natürlich nicht möglich. Und von der Abgeschlossenheit der Reise in eine andere Art von Abgeschlossenheit zu kommen, war auch eine merkwürdige Erfahrung. Auf meiner Reise hatte ich nicht das Gefühl von Einsamkeit, weil ich immer in meinen eigenen künstlerischen Prozessen war. Ich habe dauernd etwas Neues gesehen, gesucht, gearbeitet und einen Reisebericht geschrieben. Eine ganz asketische Lebensform, die auf das Nötigste beschränkt war, aber dennoch Fülle hatte. Aber mit der zweiten Welle im letzten Herbst hat das Nachdenken darüber, was man darf und was man nicht darf, was man sollte oder nicht sollte, viel Energie genommen, weswegen ich mich dann auch dazu entschieden habe, das Projekt später zu Ende zu führen.

Der Begriff des "nomadischen Subjekts" von Rosi Braidotti hat Ihre Prozesse, Ihre Arbeit sehr beeinflusst. Was bedeutet das?

Die Identität des nomadischen Subjekts formiert sich laut Braidotti durch die Auseinandersetzung mit dem Anderen und der Außenwelt immer wieder neu. Sie nennt es auch das "Subjekt im Werden", das fand ich für diese Reise sehr passend, weil man sich durch die ständige Veränderung der Außenwelt an die neuen Gegebenheiten anpassen muss. Dabei jedoch seinen Kern zu behalten, darum geht es in ihrem tollen Buch "Politik der Affirmation", das ich zusammen mit Michel de Certeaus "Kunst des Handelns" im Gepäck hatte. Für e Certeau kann die Bewegung im Raum eine künstlerische Handlung sein, mit der man sich artikuliert. Er unterscheidet zwischen geografischen Orten und Räumen. Räume sind für ihn Orte, in denen gehandelt wird, also Orte, an denen etwas passiert und die sich dadurch auch verändern.

Ist man dann Ihrer Auffassung nach auch niemals fertig?

Ich glaube, man ist niemals fertig. Man befindet sich ja immer wieder in Situationen die einen neu fordern. Auf meine Arbeit bezogen kann ich sagen, dass sie in einem bestimmten Moment fertig ist, jedoch mit dem Wissen darum, dass ich sie wieder verändern kann. Auch der mobile art space kann sehr unterschiedlich genutzt werden. Er ist Atelier aber auch Ausstellungsraum, in den ich auch andere Künstlerinnen und Künstler einlade, auf den Außenraum zu reagieren. Im September kuratiere ich gemeinsam mit der Künstlerin Annette Gödde die Ausstellungsreihe "Daily Interventions" im Berliner Stadtraum. Aber jetzt bin ich erst einmal sehr gespannt auf die letzte Etappe meiner Reise.