Ästhetik der Kapitol-Stürmer

"Mit jedem Like und jeder Story werden sie ikonischer"

Wikinger-Helme, Fellmützen, Zottelbärte: Einige Erstürmer des Kapitols inszenierten sich mit bizarren Outfits. Dahinter steckt eine gefährliche Strategie, meint die Künstlerin Henrike Naumann. Sie sieht Parallelen zu Bewegungen in Deutschland

Henrike Naumann, Sie haben sich in Ihrer Arbeit immer wieder mit der Ästhetik des zeitgenössischen  Faschismus in Deutschland beschäftigt. Sehen Sie Parallelen zu einigen Gestalten, die vergangene Woche das Kapitol erstürmt haben?

Als ich die Bilder von der Stürmung des Kapitols gesehen habe, hat mich zuallererst beschäftigt, mit welchem Selbstbewusstsein die Menschen den Ort betreten und temporär eingenommen haben. Im zweiten Moment hat mich die ästhetische Inszenierung fasziniert, und dabei habe ich durchaus Parallelen zu Vertreter:innen von Verschwörungsideologien hierzulande erkennen können. Im dritten Schritt kam bei mir Verstörung darüber auf, wie die Bilder geteilt und kommentiert wurden.

Der "QAnon-Schamane", dieser Typ mit Fellmütze und Hörnern, dann ein fellbekleideter Brillenträger und einige langhaarige und bärtige Zottel bleiben von der Erstürmung des Kapitols besonders in Erinnerung. Warum inszenieren sich diese Leute so karnevalesk? 

In gewisser Weise haben sie sich tatsächlich verkleidet, man kann sagen, es handelt sich um costume design zur Alt-Right-Memeproduktion. Und dabei waren sie sehr erfolgreich. Sieht man sich Gemälde des amerikanischen Bürgerkriegs an, so erscheint ihre Kostümierung und Inszenierung überhaupt nicht übertrieben. Sie haben sich an der Darstellung der Südstaaten-Kämpfer orientiert, und diese geupdated mit Bezügen zur Internet-, Rave- und Gaming-Kultur.

Riskieren sie mit dieser Kostümierung nicht auch, dass ihre politischen Gegner:innen sich lustig über sie machen?

Ich denke, das ist ihre geringste Sorge. Es könnte sie sogar eher motivieren. Und für ihre Memes spielt es keine Rolle, ob sie im Ernst oder ironisch geteilt werden. Das Wichtige ist das Schaffen ikonischer Bilder und die Verbreitung eines Mythos, der als Grundlage für politische Ziele verwendet werden kann. Ob ihre politischen Gegner:innen über sie lachen oder nicht, ihre Botschaft erreicht ihre Anhänger:innen in jedem Fall. Und mit jedem Like und jeder Story werden sie ikonischer. Was sie mit ihren politischen Gegner:innen vorhaben am "Tag X" der Machtübernahme, kann man überall nachlesen. Die Gefahr besteht, so lang über sie zu lachen, bis man von ihnen an die Wand gestellt wird.

Den Hang zur seltsamen Kostümierung sehen wir auch bei sogenannten "Querdenker:innen, die sich gegen die Coronamaßnahmen wenden: Sie eignen sich etwa den Vorwurf der Paranoia ironisch an, indem sie Aluhütte tragen. Sehen Sie hier die gleiche Strategie am Werk?

Zum einen werden auch hier erfolgreich Bilder mit einem starken Wiedererkennungswert produziert, und sie bleiben tagesaktuell im Gespräch. Zugleich werden sie von ihren politischen Gegner:innen belächelt und unterschätzt. Also ja, leider die gleiche Strategie.

Bewegungen wie QAnon, Querdenken und Reichsbürger nehmen für sich in Anspruch, das "Volk" zu repräsentieren. Durch versponnene Inszenierungen überzeichnen sie jedoch ihren Außenseiter-Status, anstatt an der Mitte anzudocken. Warum haben sie dennoch Erfolg?

Ich denke, sie sind in gewisser Weise die "Life Action Role Play"–Variante der AfD-Abgeordneten im Bundestag. Und die sitzen als gewählte Volksvertreter:innen im Reichstag und machen ganz konkrete Politik. Beide verbindet eine Agenda, die rassistisch, völkisch und white-supremacist ist. Die einen stehen davor, die anderen sitzen drin. Wir müssen beide gleich ernst nehmen.

Humor und Ironie spielt in diesen Bewegungen offenbar eine Rolle, obwohl sie von Wut durchsetzt sind. Wie geht das zusammen?

Das sind klassische Methoden der Alt-Right-Memekultur. Humor wird zu einem Motor, der die Verbreitung der Inhalte ermöglicht. Wenn die Memes dann ironisch geteilt werden, sind sie schon im doppelten Sinne ironisch gebrochen und die eigentliche Bedeutung nur noch sehr schwer zu entziffern. Und für die Verbreitung der Inhalte spielt die Agenda des Teilenden am Ende keine Rolle mehr. Die Botschaft findet immer ihren Weg zu offenen Ohren. Und der Bereich des "Teilbaren" wird immer brutaler erweitert.

Mit Ihrer Installation "Das Reich" haben Sie 2017 ein Szenario geschaffen, in der Reichsbürger das Kronprinzenpalais in Berlin übernommen haben und dort eine Notstandsregierung eingerichtet haben innerhalb hässlicher Möbel, die offenbar in einer kultischen Formation angeordnet sind. Den Hang zur Esoterik, Schamanismus und New Age sehen wir sowohl bei Leuten wie dem "QAnon-Schamanen" als auch bei meditierenden "Querdenker:innen". Dabei zielt Transzendenz doch eigentlich auf eine außerpolitische Sphäre, hier aber wird sie politisch eingesetzt. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?

Ich habe mich seit 2014 mit der sogenannten Reichsbürgerbewegung beschäftigt. Ein Beitrag von mir zu dem Thema findet sich in der Publikation "'Reichsbürger' und Souveränisten" der Amadeu-Antonio-Stiftung, welche einen sehr guten Einstieg in die Thematik bietet. Bei meiner Recherche für die Arbeit "Das Reich" hat mich immer wieder irritiert, dass faktische Ungereimtheiten von den Anhänger:innen der Verschwörungsideologie so kritiklos hingenommen wurden. Erst später habe ich verstanden, dass die inhaltlichen Widersprüche mit Emotionen überbrückt werden. Wenn ich von einer Verschwörung und einer Ungerechtigkeit emotional überzeugt bin, dann bin ich bereit, vieles zu glauben und hinzunehmen. So habe ich dann in meiner Videoarbeit mit extrem emotionaler Musik gearbeitet und so die Besucher:innen mitgenommen in das Mindset der "Reichsbürger". Und wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei den Anhänger:innen dieser Verschwörungstheorien um völkische, rassistische und antisemitische Bewegungen handelt. Wenn man sich mit denen solidarisiert, zum Beispiel im Zuge von Coronademos, unterstützt man die Bewegung. Und wenn man sich nur lustig macht und das Ganze damit verharmlost, unterstützt man das unfreiwillig gleich mit.

Welchen Umgang empfehlen Sie also Massenmedien und Nutzer:innen sozialer Netzwerke mit diesen Bildern? Kann man sie ausblenden?

Ich denke, es ist wichtig zu verstehen, dass die Bilder immer die gleiche Macht haben, egal ob sie von Anhänger:innen der Bewegung oder von kritischen Gegner:innen oder sogar von "unpolitischen" Memeseiten geteilt werden. Ich finde es absolut wichtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie kritisch zu kommentieren und diese Beobachtungen mit dem eigenen Following zu teilen.

Was kann Kunst ausrichten im Umgang mit diesen Bildern?

Meine Arbeit ist für mich eine Möglichkeit, diesen Bildern etwas entgegenzusetzen. Meine Methode ist, die Bilder nicht zu reproduzieren, sondern Wege zu finden, sie zur Diskussion zu stellen, ohne sie weiter zu verbreiten. Hierfür habe ich verschiedene Techniken entwickelt. Zum Beispiel baue ich problematische Bilder nach, aus Möbeln und Haushaltsobjekten. Oder ich nehme den Sound eines politisch aufgeladenen Videos und kombiniere es mit anderen Bildern. So suche ich immer wieder nach Möglichkeiten, die Themen und Ereignisse zu kommentieren, ohne die Agenda der Produzent:innen unfreiwillig zu unterstützen.