Forderung der Hohenzollern

Deutschlands erster Clan

Wohnrecht auf Schloss Cecilienhof, Gemälde und Geld - all das fordern die Hohenzollern-Erben. Schon die Begründung dieser Anspruchshaltung ist einen Aufschrei wert. Aber es gäbe da einen Vorschlag zur Güte

Seit einiger Zeit ist viel von kriminellen Clans zu hören. Sie sollen ihr Familienrecht über das bürgerliche Gesetzbuch stellen, Netzwerke aufgebaut haben, die ganze Landstriche kontrollieren, und durch illegale Geschäfte, bei denen nicht selten Gewalt im Spiel ist, großen Reichtum angehäuft haben. Die Existenz solcher Clans ist den Bürgern seit jeher bekannt, fraglich ist, warum sie gerade jetzt so ungeniert aus der Deckung treten. 

Seit fast 1.000 Jahren übt ein solcher Clan seine Herrschaft über Teile von Schwaben und Ostdeutschland aus. Vor allem der ostdeutsche Clan hat sich seit einigen Jahrhunderten brutal festgesetzt und die Geschichtsbücher mit blutigen Kapiteln gefüllt. Im Siebenjährigen Krieg wurde Preußen zu einer europäischen Großmacht, und ihr Clanchef Friedrich trug, obschon eher klein von Statur, seither den Beinamen „der Große“. Im 19. Jahrhundert schließlich führten weitere Kriege zur Gründung des Deutschen Reiches, deren Oberhaupt nicht der halbwegs demokratisch gewählte Reichskanzler war, sondern wiederum der Chef des berüchtigten Clans der Hohenzollern. 

Das Recht, der Welt seinen Willen aufzuzwingen

Nun kannte der Stolz des Clans keine Grenzen mehr, und sein Chef wollte den seit den Tagen des Römischen Reichs wohl edelsten Titel „Kaiser“ tragen. Seinem Enkel bekam dieser Hochmut schlecht und er verwechselte den Titel mit dem Recht, der Welt seinen Willen aufzwingen zu können. Der erste Weltkrieg war die Quittung. Nach der totalen Niederlage musste der Clanchef zu seiner Verwunderung abtreten und reiste mit dutzenden Eisenbahnwaggons voller Hausrat und Kunst ins holländische Exil, wo er die zahlreichen Tage bis zu seinem Tod mit Holzhacken und Jagen verbrachte. Im Unterschied zu den Millionen Toten seines Krieges hatte er es ganz gut getroffen. Sein Sohn wiederum wanzte sich währenddessen an die neuen Herrscher heran. Er wurde zu einem getreuen Helfer Hitlers, dem er nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen Stimmen durch sein offensives Eintreten eingebracht haben will. 

Die anschließende Geschichte ist bekannt. Auch dieser Krieg ging verloren. Das Leid war sehr viel größer als beim ersten Mal und die Netzwerke des Clans wurden wiederum zurechtgestutzt. Durch die Sowjetunion radikal, durch den Westen eher moderat. Man will es kaum glauben, aber der Clan existierte weiter und tritt nun über 70 Jahre nach der letzten durch ihn mitverschuldeten Großkatastrophe ans Licht und beklagt sich, dass er nicht standesgemäß wohnen könne. Ihm fehlen die Schlösser und vor allem die wertvollen Kunstschätze. 

Und da Clans schon immer findig und rücksichtslos im Erhalt ihrer Macht waren, suchte sich sein aktueller Chef Anwälte, die irgendeine ungenaue Stelle in den hektisch aufgesetzten Abdankungserklärungen und Abfindungsvereinbarungen von 1918 ausfindig machen sollten. Natürlich fanden sich solche Stellen, die mit dem juristischen Besteck der Gegenwart zu einem veritablen Prozess taugen. Heute, wo sich jeder Radarfallensünder durch alle Instanzen klagen kann, wundert das nicht. Die Dimension dieses Falles sprengt jedoch in vielerlei Hinsicht alles Dagewesene.

Kriminell zusammengeraffter Reichtum

Ein Familien-Clan, der über tausend Jahre die mitteleuropäische Geschichte mit Kriegen, Vetternwirtschaft und Katastrophen heimgesucht hat, kommt nach den letzten beiden totalen Niederlagen wieder angelaufen und klagt auf die Aushändigung seines kriminell zusammengerafften Reichtums. Sollte es jemals bei den Clans, die sich selbst gerne Adel nennen, so etwas wie Scham, Ehre oder gar Seelenadel gegeben haben, die aktuelle Generation der Hohenzollern ist gänzlich bar davon. 

Der brandenburgische Finanzminister Christian Görke hat darum ein Gerichtsverfahren, das zwischenzeitlich unterbrochen worden war, wieder aufnehmen lassen. In diesem Verfahren soll geklärt werden, inwieweit die Hohenzollern maßgebliche Helfer für Hitlers Machtergreifung gewesen sind. Sollte das Gericht die historisch belegte Mitschuld bestätigen, wäre jede Art der Entschädigung ausgeschlossen.

Dass nun historische Gutachten eingeholt werden, ist verständlich. Das Gutachten, dass der Clan eingeholt hat, birgt eine besondere Pointe. In ihm erklärt ein renommierter Historiker, dass der Hitlerkollaborateur Wilhelm intellektuell gar nicht in der Lage gewesen sei, politische Sachverhalte zu überblicken. Das schlägt dem Fass nun endgültig den Boden aus. Erst wird die Welt in Schutt und Asche gelegt, dann will man sich bestätigen lassen, dass man zu blöd für den Job war, um sich danach eine riesige Entschädigung zu erquengeln. 

Pointe von der feudalen Dummheit

Die Pointe von der feudalen Dummheit hat natürlich noch eine ironische Seite. Die Behauptung, jemand sei zu blöd für den Faschismus gewesen, kann nur ein versteckter Hinweis auf die Idiotie des ganzen Verfahrens sein. Denn zu blöd für den Faschismus zu sein, ist qua Faschismusdefinition ausgeschlossen. 

Dass heute der Urenkel dieser Geistesleuchte die Öffentlichkeit mit einstudierten Anekdoten aus seinen Kindertagen für sich einnehmen will, grenzt wiederum an eine Dummheitsschwelle, die die deutsche Öffentlichkeit nicht überschreiten sollte. Und dass er bei den Verhandlungen wohl noch immer mit „Seine kaiserliche Hoheit“ angesprochen wird, wäre einen Aufschrei wert, der zumindest die Verhandlungsseite des Staates von diesem Quatsch befreit. 

Auf die zentrale Forderung, wieder in Schloss Cecilienhof oder einem anderen repräsentativen Gebäude auf Staatskosten residieren zu können, gäbe es von mir einen praktikablen Gegenvorschlag. Ich plädiere dafür, im neugebauten Berliner Stadtschloss ein bis zwei Zimmer dem Clan-Chef und seiner Familie zu überlassen. 

Die völkerkundliche Sammlung, die das Schloss beziehen soll, ist im Moment vor allem mit der Frage beschäftigt, ob Völkerkunde überhaupt noch zeitgemäß ist. Würde man einen deutschen Traditions-Clan dort als lebendiges Exponat ausstellen, hätte man gleich mehrere Probleme gelöst. 

Artgerechtes Anschauungsobjekt

Die armen Clan-Adeligen hätten eine standesgemäße Adresse, die Besucher eine lebendige Begegnung mit den Abgründen deutscher Geschichte, und die Tradition der Völkerausstellungen, bei denen früher die Einwohner von kolonialisierten Ländern als menschliche Readymades ausgestellt wurden, hätte eine historisch spannende Wendung gefunden. Denn schließlich war der Vorfahr des jetzigen Familienoberhaupts ein überzeugter Kolonialherr, der vor Völkermord nicht zurückschreckte, um seinen Platz an der Sonne zu erobern. Wenn nun sein Nachkomme in der artgerechten Umwelt eines Schlosses als Anschauungsobjekt dient, wie so etwas enden kann, hätte er doch noch eine sinnvolle Aufgabe gefunden. 

Immerhin ist durch den neu zur Schau gestellten Hochmut des ältesten deutschen Clans eines klar geworden: Clan-Kriminalität ist eine Pest, gegen die der Staat das Machtmonopol seiner Anti-Mafia-Gesetze in Stellung bringen muss. Und solange dieser schrille Fall hausgemachten Irrsinns die Gerichte beschäftigt, sollte man den Mund bei anderen kriminellen Clans nicht allzu voll nehmen. Im Gegensatz zu dieser Mutter aller kriminellen Clans sind sie kleine Fische.