Kunstskandal

Hunderte deutsche Kunstwerke in China verschwunden

Markus Lüpertz im September 2019 in Monheim 
Foto: dpa

Markus Lüpertz im September 2019 in Monheim 

In China sind Kunstwerke in Millionenwert von Markus Lüpertz, Anselm Kiefer und Renate Graf verschollen. Ein dubioser Geschäftsmann, der damit Ausstellungen organisiert hat, soll sie entführt haben   

Gelangweilt sitzt Markus Lüpertz im maßgeschneiderten Anzug, vergoldetem Spazierstock und Monokel vor den anwesenden Journalisten im Konferenzsaal eines Pekinger Hotels. Ungeachtet des Geredes um ihn herum kritzelt der Maler Engel-Skizzen in einen Notizblock. Niemand würde auf die Idee kommen, dass jener teilnahmslose Mann der Protagonist in einem der größten Kunstskandale der Gegenwart ist - und deshalb extra nach China gereist. 152 Werke des 78-jährigen Künstlers sind seit Monaten spurlos verschwunden, genau wie weitere 90 Arbeiten von Anselm Kiefer und 103 Werke der Fotografin Renate Graf. Wie in Luft aufgelöst: Kunst im Wert von rund 300 Millionen Euro. Der Fall liest sich wie ein Kriminalplot voller dubioser Figuren, und er spielt in China.

"Die Kunstwerke werden als Geiselnahme hier gehalten" sagt Lüpertz, nun plötzlich aufgebracht: "Ich bin beunruhigt, weil ich nicht weiß wo die Arbeiten sind und wo sie gelagert werden". Es handele sich um Exponate aus seinem Frühwerk, teils über 40 Jahre alt. Diese seien überaus wasserempfindlich und müssten trocken gelagert werden. "Wenn dies nicht der Fall ist, dann wäre das für meine Arbeiten unter Umständen katastrophal", sagt Lüpertz.

Deutsche Maler sind beliebt in China: Vor rund drei Jahren hatten Lüpertz wie Kiefer überaus populäre Ausstellungen in den staatlichen Museen der großen Metropolen des Landes. Die Werke sind alle im Besitz der in Taiwan geborenen, seit ihrem zehnten Jahr in Bremen lebenden Millionärin und Sammlerin Maria Chen-Tu. 

Bedeutende Ausstellungen als Köder

Chen-Tu hat eine der größten Kunstsammlungen der Gegenwart zusammengetragen, ist jedoch gleichzeitig auf dem Kunstmarkt nahezu unbekannt. Wer sie googelt, wird lediglich auf einen Linked-In Account verwiesen. Taiwanesische Quellen bringen sie mit Waffenhandel in Verbindung, was sie abstreitet. Dass sich Chen-Tu überhaupt an die Öffentlichkeit wendet, hat mit ihrer verzweifelten Lage zu tun.

Die Tragödie begann, als sich ein Chinese namens Ma Yue, der die mittlerweile liquidierte Galerie Bell Art in Hamburg geführt hat, an Chen-Tu wendete. Er stellte ihr in Aussicht, mit der Kunstsammlung von Lüpertz und Kiefer weitere bedeutende Ausstellungen in China an Land zu ziehen. Die Kunstliebhaberin willigte schließlich unter mehreren Bedingungen ein: Wie in der Branche üblich, mussten sowohl der Kurator als auch der Ausstellungsleiter stets bei der Einlagerung der Kunstwerke anwesend sein. Alle halbe Jahre müssen die Exponate zudem ins Ausland verfrachtet werden, da sonst Zollgebühren fällig würden.

Bei Herrn Ma handelt es sich um einen Geschäftsmann und mutmaßlichem Hochstapler, der mit verschiedenen Unternehmungen vom Rohstoffhandel bis zu Fußmassage-Salons in Deutschland zu Geld kommen wollte. Vor einigen Jahren kam er auf die Idee mit der Kunst, schließlich gibt es im Reich der Mitte auf dem noch jungen Kunstmarkt eine extrem wohlhabende Käuferschicht.

Keine Verträge, nur Chat-Protokolle

Ma schlug vor, selbst für ein kostengünstigeres Lager zu sorgen. Diese Situation nutzte er - so lautet der Vorwurf - schließlich aus: Er änderte beim Zoll die Papiere und gab die Ladung von nun an als eigenen Besitz an. Im Frühjahr dieses Jahres schließlich forderte Chen-Tu schließlich die Werke zurück nach Deutschland ein, da sie bei der Lüpertz-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst gezeigt werden sollten. "Er kam meiner Bitte jedoch nicht nach, sondern hat meine Fristsetzungen immer wieder ignoriert", sagt Chen-Tu im Pekinger Konferenzsaal. 

Das vielleicht absurdeste Detail in diesem ohnehin spektakulären Unterschlagungsfall: Maria Chen-Tu hat mit ihrem Mittelsmann Ma Yue zu keiner Zeit schriftliche Verträge abgeschlossen. Alles, was sie vorweisen kann, sind Chat-Protokolle der chinesischen Smartphone-App "Wechat". 

In Europa würden die Behörden bei einer vergleichbaren Gegebenheit zunächst dafür sorgen, die Kunstwerke zu konfiszieren und deren Zustand zu prüfen. Nicht jedoch in China: Die Kriminalbeamten erklärten Maria Chen-Tu nach einer im Juli diesen Jahres erbrachten Strafanzeige, dass ihnen die Hände gebunden seien. Solange die Kunstwerke nicht bereits verkauft wurden, liege nämlich noch keine Straftat vor.

Kein Mitspracherecht für Kiefer

Dabei hat Herr Ma bereits auf mehreren Wegen versucht, sein Diebesgut zu Geld zu machen, unter anderem in Taiwan. Bislang jedoch anscheinend vergebens. Chen-Tu weiß weiterhin nicht, wo ihre Werke genau lagern und wie sie sie wiederbekommen kann.

Anselm Kiefer hatte bereits seit der ersten Ausstellung seiner Werke durch die Firma Bell Art in China 2016 keinen guten Kontakt mehr zu seiner Sammlerin Maria Chen-Tu. Damals hatte er scharf kritisiert, dass eine große Retrospektive mit seinen Werken im renommierten CAFA-Museum in Peking eingerichtet wird, ohne dass ihm irgendwelches Mitspracherecht eingeräumt wird – gezeigt wurden damals genau jene Werke aus der Sammlung Chen-Tu, die heute verschwunden sind. Und jetzt erweist sich die China-Verbindung auch für Lüpertz als fatal.

Ihm geht es nicht ums Geld, schließlich gehören ihm die betroffenen Werke nicht. Doch er sieht Teile seines Lebenswerks in Gefahr: "Ich habe mich bislang in China sehr gut aufgehoben gefühlt, aber das ist Kindermist. Dass er die Kunstwerke einfach versteckt hält damit so lange durchkommt, ohne in die Pflicht genommen zu werden, finde ich beunruhigend.“