Museumserweiterungen

Ist Wachstum alternativlos?

Vom MoMA übers New Museum bis zur Fondation Beyeler: Der Trend zu spektakulären Museumserweiterungen hält an. Mehr Platz für Kunst ist gut, aber der offensichtliche Wachstumsdruck wirft auch Fragen auf

Das New Museum ist im Vergleich zu den Kunsttankern New Yorks ein relativ kleines Haus in der Bowery, gestapelte Kuben, sieben Stockwerke hoch. Seine Ausstellungen kann man an einen Vormittag gut bewältigen, die verspielte Architektur des japanischen Büros SANAA macht jedes Mal aufs Neue gute Laune. Der Bau ist so ikonisch, dass seine Silhouette auch als Logo des Museums herhält. Doch damit ist bald Schluss: Am Mittwoch verschickte die Institution erste Entwürfe für einen geplanten Ergänzungsbau, der sich wie ein müder Sancho Pansa an den dynamischen Don Quijote lehnt.

Der Entwurf stammt aus Rem Koolhaas Büro OMA und wird von dessen New Yorker Leiter Shohei Shigematsu ausgeführt. Er ist wie fast alle OMA-Bauten natürlich unendlich smart; wie hier etwa wieder üblicherweise nebensächliche Zugangswege - nämlich die Treppen - als etwas Dramatisches inszeniert werden! Und doch verwässert der neue Teil die ikonische Präsenz des gerade erst 2007 eröffneten Ursprungbaus, der jetzt schon wieder zu klein sein soll.

In den letzten Jahren haben Einrichtungen wie das Lenbachhaus, die Tate Modern, das Sprengel Museum oder das Kunstmuseum Basel spektakuläre An- und Neubauten eröffnet, in naher Zukunft werden unter anderem das MoMA und das New Museum in New York, die Schweizer Fondation Beyeler und das Berliner Bauhaus-Archiv ihre Ausstellungsfläche erweitern, in Oslo wird das bisher gemütliche Munch-Museum in einen Mega-Klotz am Hafen ziehen.

Aus welchen Gründen wachsen Museen?

Die Kunstgeschichte hält einfach nicht an: Es ist immer mehr Kunst in der Welt, die Sammlung der Museen wachsen, sie brauchen mehr Platz, nicht nur Ausstellungsfläche, sondern auch für Konservatoren, Administration, Lagerung und Vermittlung. Die ökonomische Bedeutung von Cafés und Shops steigt, restauratorische Anforderungen verschärfen sich, Veranstaltungsräume fehlen. Parallel dazu wachsen die Besucherzahlen der Kunstmuseen, zuletzt in Deutschland um 13 Prozent. Diesen Ansturm gilt es zu bewältigen.

Zudem stellen Museen sich zunehmend die Frage nach der Erweiterung des Kanons: Wie kann man Kunstgeschichte anders erzählen? Auch dafür brauchen sie Platz, weil eine Veränderung des Kanons nicht bedeuten soll, dass man bislang als "Meisterwerke" apostrophierte Kunst nicht mehr zeigt, sondern zusätzlich vorherige Nebenwegen ausbaut. Im erweiterten MoMA wird man weiterhin Van Goghs "Sternennacht" sehen, aber vielleicht auch mehr Kunst von Frauen und Nicht-Weißen. Der Kunstbegriff erweitert sich weiter, Performances etwa werden wichtiger und brauchen eine flexiblere Architektur als Malerei und Skulptur (das MoMA richtet für Performancekunst einen eigenen Raum ein).

Es gibt offenbar Wachstumsbedarf und auch die Mittel dafür. Und doch bleibt der Eindruck eines irrsinnigen Wettrennens. Ein Museumsneubau oder -anbau muss heute aussehen wie sein eigenes 3D-Rendering: alterslos, clean, fit, auffällig. Und von einem Stararchitekt entworfen natürlich. Diese Fitness entspricht einer Investoren- und Erlebnisarchitektur, die unsere heutigen neoliberale Städte prägt. Aber sollten Museen nicht eher ein Ort des Anderen sein, in dem Widerständgkeit geprobt und erlebt und ausgehalten wird?

Im Falle des New Museums und des MoMAs waren es kleinere Museen, die für die Anbauten weichen mussten, man darf also auch fragen, wessen Platz Erweiterungsbauten in einer ohnehin verdichteten Stadt wegnehmen.

Was wäre die Alternative?

Dabei können Museen in bestehende Projekträume oder Viertel gehen, raus zu ihrem Publikum - und es somit unterstützen. Es bedarf Aufwand für eine in festen öffentlichen Verwaltungsstrukturen eingebundene Einrichtung: Wer versichert Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Kunst, wer bezahlt die zusätzliche Aufsicht, wer die Extra-Wege. Aber es ist möglich! Das MOCA in Los Angeles ging eine Kooperation mit dem Projektraum Underground Museum ein und zeigte so Teile seiner Sammlung in dem vorwiegend von Latinos und Afroamerikanern bewohnten Stadtteil Arlington Heights, weit außerhalb der etablierten Kunstwelt. Das Museum Ludwig in Köln realisiert Projekte in privaten Wohnungen, das S.M.A.K. in Gent beteiligte sich bei einer Triennale in Kathmandu.

Man sollte Wachstum als etwas verstehen, das mehr ist als reines Art & Crowd Management. Kuratieren bedeutet Auswahl und nicht nur das Aufeinanderstapeln von Möglichkeiten. Das LACMA in Los Angeles macht es (eher unfreiwillig vor): Nach dem Abriss von vier Gebäuden, die durch einen Neubau des Ateliers Peter Zumthor & Partner ersetzt werden sollten, der nun aber viel kleiner wird als ursprünglich geplant, sinkt die Ausstellungsfläche des Museums um fast tausend Quadratmeter. Jetzt kann sich zeigen, wie ein Museum wirklich kreativ arbeitet.

Hier hören Sie Daniel Völzke zum Thema bei Detektor.fm: