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Advertorial: Künstlerin Iza Tarasewicz im Interview

"Als Künstlerin ist man auch Naturforscherin"

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Wie lassen sich genetische Informationen visualisieren? Wie kann man Datenströme speichern und übertragen? Diese Fragen stellt sich die polnische Künstlerin Iza Tarasewicz mit ihrer Installation "ONCE INFORMATION HAS PASSED INTO PROTEIN", die im Foyer der Bonner Telekom-Zentrale zu sehen ist. Auf der Art Cologne geben derzeit Skizzen und Modelle Einblick in den Entstehungsprozess des eindrücklichen Werks. Wir sprachen mit der Künstlerin über ihre Arbeit und die aufstrebende Kunstszene Osteuropas

Iza Tarasewicz, was war die Idee für die Arbeit "ONCE INFORMATION HAS PASSED INTO PROTEIN", die Sie eigens für die Art Collection Telekom entwickelt haben?
Das Projekt für die Telekom führt mein Interesse für Modelle und Visualisierungen, die Wissen systematisieren und das Zusammenspiel verschiedener naturwissenschaftlicher Phänomene beschreiben, fort. Die Arbeit "ONCE INFORMATION HAS PASSED INTO PROTEIN" basiert auf einer Analyse der Informationstheorie, genauer auf der Geschichte der DNA-Forschung. Der Titel ist tatsächlich ein Zitat von Francis Crick, der diese Aussage 1958 formulierte. Damit wollte er beweisen, dass es zwar möglich ist, genetische Informationen von einer Nukleinsäure zur anderen oder von Nukleinsäuren zu Proteinen zu übermitteln, nicht aber von Protein zu Protein oder andersrum, von Protein zu Nukleinsäure. Im Kern sagt er, dass die genetischen Informationen in der DNA nur in eine Richtung fließen können. Er nannte diese Hypothese das "zentrale Dogma" der Molekularbiologie. Heute wissen wir, dass dies nicht die ganze Wahrheit ist. Für die Installation habe ich eine modulare hexagonale Struktur benutzt, angelehnt an chemische Verbindungen, in deren Kern sich ein dreidimensionales Diagramm einer DNA-Sequenz befindet. Die kleineren modularen Bausteine bestehen aus Kupfer, ein Material, mit dem ich vorher noch nicht gearbeitet habe, das ich hier aber sehr passend finde, weil es als Kanal und Leiter für Energie fungiert. Die ganze Installation wird von zehn Motoren betrieben, die auf einer programmierten Software basieren.

Chaos-Theorie, Molekularbiologie, der Teilchenbeschleuniger CERN – Ihre Arbeiten drehen sich um zentrale Fragen der naturwissenschaftlichen Forschung. Was unterscheidet Ihre Arbeitsweise von der eines Naturwissenschaftlers?
Mich interessiert besonders die Chaos-Theorie und das Konzept, dass die kleinste Abweichung eines Systems einen enormen Effekt auf das größere Ganze ausüben kann. Mich interessiert auch der Hylozoismus, der besagt, dass alle Dinge in gewisser Weise "lebendig" sind. Alle diese Theorien werden normalerweise in einem mathematischen, physischen oder philosophischen Rahmen diskutiert; ich nähere mich ihnen eher unter ästhetischen Ansätzen, in Form von komplexen Installationen, Zeichnungen, Diagrammen, Skizzen und Modellen. Die Installation "ONCE INFORMATION HAS PASSED INTO PROTEIN" bezieht sich auf die historische Verbindung zwischen Informationstheorie und Biologie und zeigt die Parallelen von natürlichen und kommunikativen Netzwerken, die alle auf denselben Prinzipien des Austauschs, der Übermittlung und Übersetzung von Informationen beruhen, sowohl ganz faktisch wie auch im übertragenen Sinn. Für mich ist die Kunst ein besonderer Moment, wo ganz verschiedene Bereiche und Interessen verschmelzen, und meine Arbeit ist ein Beispiel für diese Kombination von verschiedenen Ideen, die sowohl aus dem kulturellen als auch aus dem naturwissenschaftlichen Bereich kommen.

Die Chaos-Theorie besagt, dass der kleinste Flügelschlag unvorstellbar große Auswirkungen auf das ganze System haben kann. Welchen "Schmetterlingseffekt" haben Sie oder Ihr Werk auf das System, in dem Sie leben?
Ich versuche, mich Situationen anzupassen. Die modularen Systeme, mit denen ich mich seit vielen Jahren beschäftige, können unendlich verändert werden und mutieren. Das ist eine Eigenschaft, die in all meinen Arbeiten steckt. Ich versuche aber auch, Verbindungen zwischen den kleinsten und den größten Phänomenen herzustellen und sichtbar zu machen, in jeder meiner größeren Arbeiten stecken also auch zahlreiche kleinste Details, aber sie folgen derselben materiellen Logik wie das große Ganze.

Sie leben und arbeiten auf dem Land in Polen, weit weg von kulturellen oder technischen Ballungsräumen. Hat das einen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Ich bin am Rand von Blalystok aufgewachsen, in dem kleinen Dorf Kolonia Koplany, im östlichen Polen, nahe der Grenze zu Belarus und Litauen. Das hat mein Leben definitiv enorm beeinflusst. Die Natur ist die größte Autorität und die perfekte Architektin. Die Phänomene und Diversität zu beobachten, die sie hervorbringt, war immer schon meine größte Inspiration, seit meiner Kindheit. In gewisser Weise ist man als Künstlerin auch eine Naturforscherin oder ein Reisende, die die Welt auf ihre Weise erklärt. In meinem Dorf war ich wie eine Forschungsreisende, die ihre Umgebung entdeckt, das hat mein späteres Interesse für Kunst sicher geprägt. Das Grundstück gehört seit Generationen meiner Familie, meine Eltern haben es bewirtschaftet, aber seit mindestens 13 Jahren gibt es dort keine Spur mehr von ihrem früheren Bauernhof. Meine Familie ist wie in der Region Podlachien üblich ein Mix aus Belarussischen Polen mit orthodoxen, katholischen und heidnischen Wurzeln. Die repetitiven Techniken, die ich in fast allen meinen Arbeiten verwende, habe ich alle von meiner Mutter und meiner Großmutter gelernt, während mein Vater und Großvater mir beigebracht haben, mit Metall und anderen Konstruktionsarten zu arbeiten. Auch ihre alten Werkzeuge verwende ich immer noch.

Es ist bemerkenswert, dass eine eher junge Kunstsammlung wie die der Telekom sich entschließt, den Fokus auf junge, zeitgenössische Kunst aus Osteuropa zu legen. Die Kunstszene in Polen, Rumänien, dem Baltikum ist sehr lebendig, dennoch schauen wir von unserem westlichen Standpunkt aus häufig eher nach Westen als nach Osten, wenn es um Sammlungen, Ausstellungen und Kunstmessen geht. Wie beobachten Sie die junge Kunstszene in Osteuropa und Polen im Speziellen?
Vielleicht kann man sagen, dass die Kunstszene in Polen sich eher isoliert entwickelt hat, aber tatsächlich haben wir neben großartigen Museen über 25 öffentlich geförderte Institutionen für zeitgenössische Kunst in verschiedenen kleineren Städten. Die Kunstkritik und der Kunstdiskurs haben eine lange und renommierte Tradition und gefühlt täglich erscheinen neue Galerien, Sammlungen, Publikationen und Organisationen auf der Bildfläche, besonders in Warschau, wo auch der Kunstmarkt wirklich Form annimmt. Während viele osteuropäische Länder sich eher mit dem Westen verglichen haben, ist Polen meiner Meinung nach ziemlich autonom und hat seine eigenen komplexen Kunstgeschichten. Gleichzeitig finde ich es ziemlich spannend, wie viele osteuropäische Länder ihre eigenen Verbindungen unabhängig vom Westen als Bindeglied etablieren. Das Engagement der Art Collection Telekom für Ost- und Mitteleuropa schätze ich sehr. Sicherlich gibt es dafür auch ökonomische und geopolitische Gründe, aber es ist ein sehr durchdachter Schachzug, um Gegenden zu unterstützen, die im globalen Kunstgeschehen noch unterrepräsentiert sind und eine tolle Gelegenheit, um Künstler und Institutionen in der Region zu vernetzen.

Foto: Anna HansenFoto: Anna Hansen
"ONCE INFORMATION HAS PASSED INTO PROTEIN" (2017) von Iza Tarasewicz im Foyer der Bonner Telekom-Zentrale.
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