Kunstbetrachtung

Lieber allein ins Museum

Besucherin des New Yorker Metropolitan Museum of Art in einem stillen Moment
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Besucherin des New Yorker Metropolitan Museum of Art in einem stillen Moment

Die Kunst und ich, wir haben etwas zu besprechen – unter vier Augen. Plädoyer für den Alleingang ins Museum

Ich mache mir nicht gerade Freunde mit meinem Unwillen, Kunst in der Gruppe zu genießen, das ist mir klar. Die einen nehmen es persönlich und unterstellen mir, ihre Gesellschaft nicht zu schätzen. Die anderen diagnostizieren mir eine soziophobe Störung. Alles falsch!

Ich mag meine Freunde und mag es, mit ihnen etwas zu unternehmen. Zusammen kochen, zusammen einkaufen, zusammen abwaschen, zusammen an den See – ich bin dabei. Nur ist es mir ein Rätsel, dass ausgerechnet Museumsbesuche von so vielen Menschen als idealer Anlass betrachtet werden, endlich mal wieder etwas Schönes miteinander zu unternehmen.

Kunst zu betrachten ist für mich etwas Intimes, ein heiliger, meditativer Akt. Etwas, das unberechenbar viel Zeit und großer Stille bedarf. Schlimm genug, dass man Museen überhaupt mit fremden Menschen teilen muss! Aber Fremde sprechen mich wenigstens nicht an, vor ihnen kann ich unbemerkt in andere Säle fliehen, sie zeitlich abpassen. Unter der Woche am späten Mittag in eine Ausstellung zu gehen zum Beispiel, wenn die Schulklassen schon wieder weg sind und alle anderen noch beim Mittagessen oder schon wieder im Büro. Freunde und Bekannte lassen sich in einer Ausstellung nicht so einfach abhängen. Und selbst wenn, warum wollte man dann überhaupt mit ihnen hingehen?

So wie sich mir Literatur auch erst in ihrer Intensität erschließt, wenn ich sie allein und im eigenen Tempo lese, wirkt Kunst erst, wenn ich allein mit ihr bin und das Tempo selbst vorgebe. Wenn mich ein Werk interessiert, bleibe ich bei ihm, bis ich es erkenne und bis es, ich kann es nicht anders beschreiben, auch mich erkennt. Ich kehre beim Gang durch die Ausstellung vielleicht sogar mehrere Male zu ihm zurück und sehe jedes Mal etwas anderes darin. Ich will mich dafür nicht mit meinen Freunden absprechen müssen, will mich nicht erklären.

Ich mag über Kunst nicht sprechen

Nichts macht mich mehr immun gegen die Sprache der Kunst, als meine Freunde im Auge behalten zu müssen, auf sie zu warten, ihnen hinterherzueilen oder irgendetwas zu beschreiben, für das ich gar keine Worte habe.

Ich mag über Kunst nicht sprechen, mochte ich noch nie, schon gar nicht im Moment der direkten Begegnung. Schon in der Schule fand ich es grauenhaft, meine gezeichneten oder gemalten Werke erklären zu müssen, egal ob Nebensitzern, Lehrern, Eltern oder Großeltern. Ich will auch nicht ständig irgendwo mit "Das musst du dir mal anschauen" herbeigerufen werden. Ich will keine sarkastischen Kommentare anhören von jemandem, dem etwas nicht gefällt, und auch kein beiläufiges Geplapper ertragen.

Nichts grauenhafter als Äußerungen wie "Oh, was ist das denn?", "Hm, wie findest du das jetzt so?", "Aha, was glaubst du, was soll das sein?" irgendeines Begleiters. Sie reißen mich aus dem Erleben der Werke wie aus einem schönen Traum, in den man danach nie wieder zurückfindet.

Ist das nicht die große Kraft der Kunst: dass sie mich in meinem tiefsten Inneren ergreifen und mich von dort aus in Sphären entführen kann, die mit dem rationalen Verstand kaum zu fassen, die in Sprache nicht zu übersetzen sind? Schon gleich gar nicht in eine alltagstaugliche? Kunst kann einen Flow auslösen, so schön und fragil wie eine Seifenblase, die in den Himmel aufsteigt. Wer mit dem Finger hineinsticht, zerstört sie.

Ausstellungsräume sind meine Kathedralen

In den düstersten Momenten meines Lebens haben Alleingänge ins Museum mich gerettet. Mit 19 bin ich allein durch Australien gereist, in Melbourne war ich melancholisch bis an die Grenze der Depression. Das Einzige, was half, war das Museum.

Jeden Tag bin ich in die zeitgenössische Abteilung des Ian Potter Centre und in die Galerien des ACMI gegangen und habe dort zwischen Video-und Lichtinstallationen Ruhe, Zuversicht und Inspiration gefunden wie andere Leute bei der Meditation, beim Yoga oder in der Kirche. Ausstellungsräume sind meine Kathedralen.

Denn nirgends ist hinterfragen, zweifeln, wundern, alles auf den Kopf stellen und daran halb wahnsinnig werden so normal wie im Rahmen der Kunst – alles, was hier an den Wänden hängt, wurde aus der Kraft der Fassungslosigkeit angesichts der eigenen Existenz geschaffen. Aus der Weigerung, das kindliche Wundern jemals abzulegen. Und aus der sich daraus ergebenden Not, das Wundern zum Beruf zu machen.

Alles Wissen wird durch die Kunst fragil, alle Autoritäten erscheinen lächerlich. Jede Grenze wird nichtig, sogar die zwischen Körper und Ding löst sich im besten Fall für kurze Zeit auf. Wie oft hat mir die Begegnung mit Kunst schon aus dem Gefühl der Isolation in meinem Hirn geholfen! Plötzlich schien für einige Momente alles in perfekter Harmonie und Verbindung. Alles an seinem Platz.

In eine andere Erlebniswelt

In der Pinakothek der Moderne in München, die ich für ihre Helligkeit liebe und dafür, dass ich mich unerklärlicherweise auch nach Jahren immer noch in ihr verlaufe, gab es jahrelang einen Raum mit einer Installation von Fred Sandback. Sie hieß "Mikado" und bestand aus dünnen Fäden, die von der Wand über den Boden durch den Raum gespannt waren. Alle paar Wochen musste ich diesen Raum besuchen. Ich habe kein Interesse, irgendjemandem zu erklären, was mich daran so berührte. Und das Schöne ist: Ich muss es niemandem erklären.

Es reicht, dass ich es weiß. Ich ging einfach hinein, und ein paar Minuten stand oder hockte ich zwischen den Schnüren herum, und etwas passierte mit mir. Dieses Etwas passierte nie, wenn ich jemanden mitnahm, um ihm oder ihr den Raum zu zeigen. Mit jemandem im Schlepptau fand ich das Tor nicht, durch das ich während meiner Alleingänge in eine andere Erlebniswelt eintreten konnte.

Bitte haltet euch fern!

Und wer jetzt sagt: "Aber bitte, man kann sich doch unter Freunden auch absprechen, gemeinsam reingehen und sich später am Ausgang wiedertreffen …", dem sage ich: Es hat gar keinen Sinn, freundliche Kompromissregeln für den gemeinsamen Museumsbesuch mit mir aufzustellen. Sie würden doch nur lauten: Bitte haltet euch in den Ausstellungsräumen von mir fern, sprecht mich zu keinem Zeitpunkt an, beobachtet mich nicht. Wartet am Ausgang auf mich, aber wundert euch nicht, wenn ich eineinhalb Stunden später herauskomme als ihr. Oder eineinhalb Stunden früher und deshalb schon weg bin.

Fragt mich auf keinen Fall, wie ich die Ausstellung fand oder welches Werk am besten. Möglicherweise möchte ich danach auch eine Weile lang überhaupt nicht mehr sprechen. Oder erst mal jemanden anrufen, mit dem ich seit Jahren nicht gesprochen habe. Musik hören. In den Himmel starren. Mich hinsetzen und etwas schreiben, das nur ich verstehe.

Wer mir dafür jetzt den Vogel zeigt, der war noch nie allein in einer Ausstellung, die ihn bewegt hat.

Dieser Essay ist ursprünglich in Monopol 11/2018 erschienen