Erfinder Lou Ottens gestorben

Lob der Kompaktkassette

Mit der Einführung der Audiokassette ist Pop explodiert: Endlich konnten sich Musikfans einfach eigene Mix-Alben zusammenstellen. Jetzt ist der Erfinder dieses einst so beliebten Tonträgers gestorben. Wir spulen kurz das Band zurück

Meine Teilnahme an der Popkultur begann mit einer Kompaktkassette: ein Produkt aus der Filmfabrik Wolfen. Ich war neun Jahre alt und interessierte mich null für Musik. Da ich aber nun einmal diese "ORWO K60" von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, wollte ich die die 60 Minuten Leere auch bespielen und saß deshalb jetzt länger vor dem Radio, um Songs aufzunehmen. Bald hatte ich Lieblingssendungen: Radio Luxemburg mit dem "Musikduell" (leider Mittelwelle und Moderator Tommi Ohrner quatsche immer in die Lieder), die wöchentlichen Charts auf Rias 2 (instabiler Empfang) und Lutz Betrams Sendung beim DDR-Jugendsender DT64, der jede Woche fünf Titel am Stück spielte, damit man sie mitschneiden konnte. 

In der DDR waren Kassetten vielleicht noch wichtiger als im Westen, wo eine mächtige Musikbranche jede Woche neue Schallplatten auf den Markt warf. DT64 spielte gnädigerweise ganze Alben ohne Zwischenmoderation, und dann konnte man ja noch von Tape zu Tape Musik transferieren. Aber Alben interessiertem mich ohnehin kaum: Es kam vielmehr darauf an, selbst die besten Mix-Alben zu erstellen. 

Menschen in aller Welt teilten diese Leidenschaft. Schließlich konnte man eigens erstellte Mixkassetten auch verschenken und damit einem angehimmelten Menschen mehr oder weniger versteckte Botschaften und einen Ausweis des eigenen Geschmacks zukommen lassen.

So manche zarte Liebe hat der Ingenieur Lou Ottens deshalb mit dem von ihn erfundenen Tonträger auf die Spur gebracht, und allein dafür gebührt dem am Samstag im Alter von 94 Jahren verstorbenen Niederländer Dank. Er hat uns die Möglichkeit gegeben, unseren passiven Musikkonsum wenigsten ein bisschen zu erweitern, indem wir Auswahl und Reihenfolge der Songs bestimmen konnten. Damit bereite er uns vor auf unser heutiges digitales Bubbledasein mit seinen restlos individuell zurechtgeschnittenen Hörerlebnissen. 

Gregor Hildebrandt, "Caven Kasten" (Detail), 2020, ink jet print, inlays and plastic boxes in wooden case, 159 x 112 x 8.5 cm 
Courtesy the artist and Wentrup, Berlin, Foto: Roman März

Gregor Hildebrandt, "Caven Kasten" (Detail), 2020, ink jet print, inlays and plastic boxes in wooden case, 159 x 112 x 8.5 cm 

Die Kassette war der nächste Schritt nach den großen Spulentonbändern, die zwar eine hohe Tonqualität lieferten, aber für den Heimgebrauch zu klobig und teuer waren. Lou Ottens tüftelte seit den 1960er-Jahren an einer Kompaktversion, als er im belgischen Hasselt Leiter der Entwicklungsabteilung für das niederländische Technologieunternehmen Philips wurde. 1963 stellte die Firma ein immer noch klobiges Kassettenabspielgerät auf der Funkausstellung in Westberlin vor. 

Nachdem die Kassetten irgendwann dann tatsächlich eine heimtaugliches Format hatten, trugen sie zur weiteren Verästelung der Jugendkulturen bei. Jeder konnte jetzt Musik selbst aufnehmen, mixen, tauschen, überschreiben, auf die Straße bringen, im Auto spielen, im Walkman (leider von Sony und nicht von Philips erfunden, was Ottens wurmte) bei sich tragen. 

Selbst in der bildenden Kunst hat die Musikkassette Spuren hinterlassen. Eine wunderbare Kassettenmalerin ist etwa Kerstin Drechsel, die in unaufgeräumten Jugendzimmer der  frühen Internet-Zeit ihre Motive findet. Sie nähert sich in vielen Bildern abwesenden Bewohner in immer neuen Anläufen und in unterschiedlicher Intensität und Genauigkeit. Filmposter, Bücher, Video- und eben Audiokassetten lassen dabei genaue Rückschlüsse auf Stammeszugehörigkeiten zu. Wie so ein Zimmer wohl heute aussieht, ohne diese popkulturellen Relikte?

Gregor Hildebrandt schafft mit Kassetten und Kassettenband Bilder und Wandskulpturen. Doch mit nostalgischen Pop-Dude-Erinnerungen rund um diesen Tonträger muss man dem Berliner Künstler nicht kommen, er hat ein nüchternes Verhältnis zu seinem künstlerischen Material: "Ich benutze Kassettenbänder und -hüllen wie andere Ölfarbe", sagte der 47-Jährige (eigentlich doch ein schönes Kassetten-Nostalgie-Alter). 

Darin ähnelt der Künstler dem Techniker Ottens (den Hildebrandt bis zu unserem Anruf gar nicht kannte), der ebenso unsentimental in Bezug auf seine Erfindung war, die laut Schätzungen doch immerhin zu etwa 100 Milliarden verkauften Kassetten geführt hatte. "In einer Karriere, die der Suche nach höherer Klangtreue und dem Fortschritt der Technologie gewidmet war, tat Ottens Kassetten als primitiv und anfällig für Rauschen und Verzerrungen ab", schreibt "NPR" in einem Nachruf. 

Dabei war die Aufnahmequalität doch zweitrangig. Allein die materiellen Eigenschaften einer Kassette: wie sie in der Hand lag, der synthetische Geruch, die Etiketten, mit denen man sie bekleben konnte, wie die kleinen Plättchen an der oberen Kante wegflogen, wenn man sie mit Hebelwirkung herausbrach, um ein Überspielen zu verhindern, wie man die Löcher dann doch wieder zuklebte, um die Kassette neu zu bespielen, welche Gestaltungsmöglichkeiten die Hülle bot, das Geräusch beim Spulen ... Ottens war später noch an der Entwicklung der CD beteiligt, die jedoch längst nicht solche sinnlichen Reize hatte. 

Wie kann man da nicht nostalgisch werden in einer digitalen Welt, in der Musik grenzenlos verfügbar ist? Heute bedarf es keiner Anstrengung mehr, um an Musik zu kommen, sie ist immateriell und flüchtig geworden. In der Kassette hatte Musik die perfekte Form angenommen. Kein Wunder also, dass junge Bands inzwischen Tape-Editionen auflegen und alte Bands frühe Demotape versteigern. Die Kassette fehlt einfach.

Gregor Hildebrandt "The Figurehead", 2000, cassette tape and acrylic on canvas, 155 x 150 cm / 61 x 59 in
Courtesy the artist and Wentrup, Berlin

Gregor Hildebrandt "The Figurehead", 2000, cassette tape and acrylic on canvas, 155 x 150 cm / 61 x 59 in