Louise Bourgeois in Berlin

Die Sehnsucht nach der großen Beschützerin

Die Spinne als Heilerin und Handwerkerin: Der Berliner Gropius Bau zeigt das textile Oeuvre von Louise Bourgeois - und stellt sich den Dämonen eines Künstlerinnenlebens

Wer unter Arachnophobie, also der Angst vor Spinnen, leidet, sollte den Berliner Gropius Bau in den kommenden Wochen unter Umständen meiden. Denn in einer Retrospektive zeigt das Haus gerade Werke der Fürstin der Spinnen: der 2010 verstorbenen Künstlerin Louise Bourgeois.

Ab 1881 beherbergte das heutige Ausstellungshaus nahe des Potzdamer Platzes das Kunstgewerbemuseum und Teile der Kunstgewerbeschule. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der stark beschädigte Bau entgegen Abrissforderungen wiederaufgebaut. Diese Geschichte im Hinterkopf, erscheint es passend, dass die Louise-Bourgeois-Schau den Fokus auf das Heilen und Reparieren einerseits und die Arbeit mit Textilien andererseits legt.

Die Präsentation, die mit der Londoner Hayward Galerie konzipiert wurde, wird eine der letzten von der derzeitigen Direktorin Stephanie Rosenthal verantworteten Ausstellungen am Gropius Bau sein. Zum 1. September wechselt diese ans Guggenheim Abu Dhabi. Noch ein großer Name zum Abschied also.

Kein Bombast in Berlin

So bombastisch wie einige der letzten Ausstellungen, die sie in Berlin umgesetzt hat (etwa die in den sozialen Medien viel geteilte Punkte-Party von Yayoi Kusama), ist die Bourgeois-Retrospektive nicht - trotz einiger Schlüsselwerke, die gezeigt werden.

Auch der Lichthof, oft Bühne für großformatige Installationen oder Skulpturen, bleibt diesmal (fast) leer. Nur ein kleines, fest umschlungenes Stoff-Paar baumelt an einem zarten Faden von der Decke. Wer ein Handy dabei hat, kann zusätzlich die virtuellen Bienenschwärme der aktuellen Künstlerin in residence Ana Prvački betrachten, viel mehr Physisches ist dort aber nicht zu sehen. Entwarnung also für alle, die befürchteten, bereits im Eingang von einer von Bourgeois' "Mamans" begrüßt zu werden. Der Name jener vielbeinigen Skulpturenreihe kommt nicht von ungefähr: "Die Spinne ist eine Ode an meine Mutter", sagte die Urheberin. "Sie war meine beste Freundin. Wie die Spinne war meine Mutter eine Weberin."

Als solche ist das Tier bei der 1911 geborenen Künstlerin ein wiederkehrendes Motiv – ob in Form ihrer stählernen, übergroßen Skulpturen oder als Aquarell mit Menschenkopf und großen Brüsten, das an Darstellungen der Arachne erinnert, die sich in den griechischen Mythen einen Weberwettstreit mit Athene liefert und im Anschluss von der Göttin in eine Spinne verwandelt wird.  Dabei ist das Tier für Bourgeois, entgegen der mulmigen Gefühle, die ihre Figuren beim Betrachten auslösen können, positiv besetzt: Sie sei geduldig, anmutig, unentbehrlich und nützlich, so die Künstlerin.

Die Arbeit mit Textilien in die Wiege gelegt

Eine von ihnen wacht in Übergröße im Obergeschoss des Gropius Baus über einen riesigen Käfig mit offener Tür. An den Gittern und auf dem leeren Stuhl in der Mitte hängen zerrissene Tapisserien mit kunstvollen Bildern. Die Stofffetzen sind ein Hinweis auf Bourgeois' Herkunft. Die Künstlerin hat die Arbeit mit Textilien praktisch in die Wiege gelegt bekommen: Die Eltern verkauften und restaurierten jene kunstvoll gemusterten Wandteppiche, die junge Louise half schon früh im Familienbetrieb mit.

Lob für ihre Arbeit bedeutete für sie eine Wertschätzung, die sie sich vom Vater, anders als von der Mutter, erst erarbeiten musste. In der Gegensätzlichkeit der Materialien, hartem Metall und weichem Stoff, drücken sich auch die Ambivalenzen aus, die sich durch das Schaffen Bourgeois' ziehen: das gespaltene Verhältnis zu den Menschen um sie herum, das Bedürfnis zugleich nach Abgrenzung und Nähe – aber auch eine Auseinandersetzung mit der weiblichen Konnotation der Arbeit mit Textilien.

Der Titel der Ausstellung "The Woven Child" ist mehreren Arbeiten desselben Namens entliehen, die das Thema Mutterschaft behandeln. Ihr eigenes Muttersein war für die in Paris geborene und später nach New York emigrierte Künstlerin eher negativ belegt, trotz Sehnsucht nach bedingungsloser Nähe fremdelte sie nach eigener Aussage mit ihren Kindern.

"Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll", kommentierte sie einmal eine Zeichnung, auf der eine Mutter ihr Kind verschling. Im Gropius Bau geht es vor allem um Bourgeois' Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter Joséphine.

Eintauchen in dunkle Gefilde

Es sind Arbeiten aus der letzten Phase des sieben Jahrzehnte umspannenden Schaffens der erst im Alter zu Ruhm gekommenen Künstlerin. Sie geht darin zurück zu ihren Wurzeln, beschäftigt sich mit dem Unterbewussten und dem Verdrängten. Beeinflusst von ihrer Faszination für die Psychoanalyse taucht Bourgeois in der letzten Phase ihres Lebens nochmal in die dunkelsten Gefilde ihrer eigenen Geschichte ein, drückt in Büchern aus Stoff aus, was sie in sich trägt.

Louise Bourgeois "The Good Mother (Detail)", 2003
Foto: The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Christopher Burke

Louise Bourgeois "The Good Mother (Detail)", 2003


In Reihen hängen die Seiten an den Wänden, darauf ab und an ein Wort, das die Formen kontextualisiert. Auf einer steht zwischen Riegen aus Mustern und Formen: "Ode à l'oubli", Ode ans Vergessen, auf einer anderen "I had a flashback of something that never exited", eine Reihe darunter: "The return of the repressed".

Bourgeois näht in ihren Werken unverheilte Wunden zusammen und schneidet sie wieder auf, der Reparaturprozess ist zentral in ihrer Kunst. Heilung ist Teil des Lebens, Sichtbarmachung von Schmerz ebenso. Verletzte Körper suggerieren Zerrissenheit, Gliedmaßen hängen und liegen einzeln oder zusammengesetzt im Raum. Einige der Stofffiguren laufen auf Krücken, tragen Prothesen, ein Paar aus bandagierten Köpfen ertastet sich gegenseitig mit den Zungenspitzen. Die groben Nähte zeigen wie Narben die Wunden der Geschundenen, machen aber auch ihren Heilungsprozess sichtbar.

Eine 16-teilige Stoffarbeit ist der namensgebenden Protagonistin in Balzacs "Eugénie Grandet" gewidmet. Deren Rachegelüste gegen den eigenen Vater werden von der Künstlerin nachempfunden. In einer weiteren Serie kleinerer Stoffarbeiten aus alten Taschen- und Geschirrtüchern, die abstrakte blaue und bunte Muster tragen, reist sie zurück an die Bièvre, den Nebenfluss der Seine, an dem sie mit ihren Eltern und den beiden Geschwistern lebte. Der Fluss wird zur Metapher, wie vieles in der Schau.

Die Uhren stehen still

Immer wieder begegnet man auch gemalten und gestickten Ziffernblättern. Zeit wird etwas Abstraktes, die Uhren stehen still, während sich das Leben im Kreis dreht. Diese eher zurückhaltenden, kontemplativen Arbeiten sind es, die die Erwartungen an die Ausstellung brechen. Die Räume des Gropius Baus, die sich wie Kammern zueinander öffnen und in denen die Werke thematisch geordnet sind, unterstreichen das Gefühl der Introspektive.

In der Ausstellung "Beirut and the Golden Sixties" war die Architektur zuletzt ausgefüllt und von der Kunst eingenommen worden, nun wirken die Zimmerchen beinahe bedrückend: Eine Reminiszenz an die familiäre Beengtheit, aus der die Künstlerin als 27-Jährige durch ihren Umzug in die USA entfloh - und in die sie mit der Gründung der eigenen Familie dann doch wieder zurückgeholt wurde.

Ihr eigenes Frausein behandelt die Künstlerin in mehreren Stoffpuppen. Die weiblichen Körper sind auf ihre Grundelemente heruntergebrochen, auf ihre Geschlechtsteile reduziert. An einigen ist an Stelle einer Vulva ein martialischer Schnitt im Textil. Fragmentiert und gliedlos liegt in einer Vitrine ein Torso, der eigentlich nur aus einem dunkelbraunen Quader mit großen Stoffballonbrüsten besteht.

Die Tochter ist für den Vater defizitär

Das schmales Loch an der Unterseite zeugt davon, was nicht da ist. Von dem, was der Tochter nach Meinung des Vaters, der sich an ihrer statt einen Sohn gewünscht hatte, fehlt. Für ihn ist sie defizitär. Das ohnehin schlechte Verhältnis zum Erzeuger findet in einem unverzeihlichen Vertrauensbruch seinen Tiefpunkt: Seine Affäre mit dem Kindermädchen, die von der Mutter schweigend hingenommen wird, lässt die junge Louise erschüttert zurück.

Die Enttäuschung über die drei Personen drückt sich in einer Installation im ersten Raum der Ausstellung aus: An einem Mobile aus Rinderknochen hängt durchschimmernde Nachtwäsche, auf dem Sockel sind die Worte "Seamstress, Mistress, Distress, Stress" zu lesen. Die feinen Kleidungsstücke wirken im Kontrast zu den groben Knochen noch zarter, noch vergänglicher. Ein Lufthauch erweckt sie für einen kurzen Moment wieder zum Leben.

Kleider haben für Louise Bourgeois einen besonderen Wert: Nah an der Haut fühlen sie Situationen mit, saugen die Gerüche und die Körperflüssigkeiten der Menschen auf, die sie tragen, und beherbergen diese zum Teil über deren Tod hinaus. Vielleicht ist das der Grund, warum die Künstlerin, die sowohl die eigenen Kleider als auch die anderer ein Leben lang aufbewahrte und in ihren Kunstwerken verarbeitete, stets davor zurückschreckte, die Klamotten ihrer Mutter im künstlerischen Prozess zu zerschneiden oder zu zerstören.

"Ich vermisse meine Mutter. Ich bin eine Mutter"

Die Sehnsucht nach der großen Beschützerin ist immer präsent: "Wenn wir also über die Mutter sprechen, dann oszillieren wir zeitlich vor- und rückwärts. Ich vermisse meine Mutter. Ich bin eine Mutter. Ich suche nach einer Mutter."

In ihren Arbeiten versucht Louise Bourgeois, die Themen aus ihrer Kindheit aufzuarbeiten und sich den Dämonen zu stellen. Die Werke sind in vielerlei Hinsicht eine Verbildlichung ihrer Gefühlswelt und zugleich Katalysator für ihre Wut und ihr Temperament, eine Form der Therapie und, ausgehend von ihrer Auseinandersetzung mit Freuds Theorien zur Psychoanalyse, Darstellungsweisen des Unbewussten.

"Spiral Woman", eine gewundene von der Decke hängende Form mit zwei Beinen sei eine Darstellung ihrer Gefühle für die Affäre ihres Vaters, sagte sie einmal: "Als Kind habe ich die Tapisserien im Fluss gewaschen und ausgewrungen. Später habe ich von der Geliebten meines Vaters geträumt. In meinen Träumen habe ich ihr den Hals umgedreht."

"Louise Bourgeois: The Woven Child", Installationsansicht, Gropius Bau (2022)
Foto: Luca Girardini. Courtesy The Easton Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

"Louise Bourgeois: The Woven Child", Installationsansicht, Gropius Bau (2022)


Es ist schwer, bei all den Wunden und all den Verlustängsten, mit denen man in der Ausstellung konfrontiert ist, nicht zu vergessen, dass es Louise Bourgeois dabei selbst vor allem um Wiederherstellung geht und auch um Wiedergutmachung und Versöhnung. "Ich stamme aus einer Familie von Reparateuren", sagte die Künstlerin einmal.

"Wenn man in ein Spinnennetz schlägt, wird die Spinne nicht wütend. Sie webt weiter und repariert es." Etwas zu flicken bedeutet also nicht nur, etwas für andere zu tun, nach außen heile, ganz oder unverletzt zu wirken, sondern vor allem, Frieden mit sich selbst zu schließen. Das Leben als Faden, der durch die Hände fließt, ist bei Bourgeois so bildlich wie bei den mythischen Moiren, sie folgt ihm kurz vor dem Schnitt bis zur Spindel, bis zum Ursprung zurück.