Mach’s noch einmal: Michael Riedel bezog sich in Hamburg auf sich selbst

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Der beste Gag der inzwischen aufgelösten Hamburger Gruppe Studio Braun ist ein Ein-Wort-Telefonscherz. Eine Kinderstimme meldet sich mit dem Familiennamen: „Langenhagen?“ Der Anrufer antwortet mit absichtlich idiotischem Tonfall: „Langenhagen?“ Auf Wiederholungen reagieren Menschen meist gereizt, und der Nachäffer bleibt der Überlegene. Die Kunst von Michael Riedel erinnert daran, dass das Wiederholen von gerade Geschehenem etwas Bloßstellendes, aber natürlich auch Pointiertes hat. Riedel, 1972 geborener Absolvent des Frankfurter Städels, verfolgt dieses Prinzip schon seit einiger Zeit: Nach jeder Portikus-Eröffnung gab es ein unmittelbares reenactment in seinem schräg gegenüber gelegenen Projektraum in der Oskarvon- Miller-Straße. Und seit mehr als zehn Jahren schneidet Riedel Partygerede oder Gesprächsrunden mit, transkribiert sie ohne Punkt und Komma und verarbeitet sie zu Büchern und Ausstellungen. Für eine bei seiner New Yorker Galerie David Zwirner im Anschluss an eine Neo-Rauch-Schau montierte er abfotografierte, zerteilte Kopien von Rauchs Gemälden auf mobile Displays, die von den Besuchern neu arrangiert werden konnten. In einer Serie, die sich mittlerweile in der Sammlung des Museum of Modern Art befindet, versuchte er, verschiedene Kunstzeitschriften ins quadratische Format des „Artforum“-Covers zu übertragen. Jetzt hat Riedel seine Suche ins Internet ausgeweitet, der größten Reproduktionsmaschine von allen. Er verwertet dort ebenjene MoMA-Seite weiter, die seine Werke zeigt – inklusive Quelltexten. Im Hamburger Kunstverein präsentierte er unter dem Titel „The quick brown fox jumps over the lazy dog“ zehn großformatige Tableaus, auf denen die Texte aus dem Netz lose verteilt sind. Grafische Kreiselemente erinnerten an Nachladesymbole am Computer. Lesen wollte man das nicht mehr, doch darum geht es nicht. Das System Riedel ist selbstbezüglich und bewundernswert konsequent, dabei aber schwer ausstellbar; die Buchform scheint dieser Kunst angemessener. Sie kümmert sich nicht um Theorien zu Kopie und Original, und sie verzichtet auch auf genaue Archivierungssarbeit. Eher wirkt sie wie ein anonymer Anruf eines sehr wachsamen Zeitzeugen.

Kunstverein Hamburg, 10. Juli bis 8. August. Mitte September im Foyer des Thalia Theaters, Hamburg: Textperformance nach dem Stück „Große Freiheit Nr. 7“

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