Interview mit dem Galeristen-Duo Thomas

"Man sollte nicht zu euphorisch sein"

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Hat das Modell Galerie eine Zukunft in einer digitalisierten, globalisierten Kultur? Kann es neben Auktionshäusern, Galerie-Imperien und Spekulanten bestehen?  Die Münchener Galeristen Raimund Thomas und seine Tochter Silke Thomas machen sich keine Illusionen, sind aber zuversichtlich

Silke Thomas und Raimund Thomas, herzlichen Glückwunsch zum 50. und 5. Jubiläum Ihrer Galerien. Würden Sie diesen Beruf heute wieder wählen?
Raimund Thomas: Ja, sofort.
Silke Thomas: Ja, ich auch.

Und warum?
ST: Weil es Spaß macht.
RT: Und weil es immer noch eine vielschichtige Tätigkeit mit vielen verschiedenen Aspekten ist. Ich habe immer gesagt: Als Galerist bist du Bankier, Handwerker, Innenarchitekt, Designer, Eheberater im Falle von Bilderverkäufen und vieles mehr. Das sind unendlich viele Details, die in diesem Beruf zusammenfließen, ihn abwechslungsreich und spannend machen. Wir arbeiten an zwei verschiedenen Orten, aber auch darüber hinaus in der Welt, an den unterschiedlichsten Messeplätzen – also, was will man mehr?

Was muss man für diesen Beruf mitbringen?
RT: Wenig Hoffnung. Man sollte nicht zu euphorisch sein. Mit Begeisterung zu arbeiten, ist natürlich sehr schön, aber man sollte auf dem Boden der Tatsachen bleiben und sich sehr genau überlegen: Wo sind die Risiken? Wie wird sich ein Künstler entwickeln? Wie formt sich der Markt? Wieweit darf man sich in seinem Programm einengen und – von Trends – verleiten lassen? Das sind viele Dinge, die mit der Einstellung "wird schon" nicht zu klären sind.

Herr Thomas, Sie haben die Galerie 1964 gegründet. Wie haben sich die Anforderungen an einen Galeristen in dieser Zeit verändert?
RT: In den 60ern, 70ern, bis weit in die 80er hinein gab es persönliche Bindungen zwischen Galerie, Kunstinteressenten und Sammlern. Das ist in dieser Form heute nicht mehr zu erwarten. Durch die Kommunikationsflut, die Internationalität und die Mobilität hat sich das Verhältnis in andere Richtungen entwickelt. Das ist etwas, was sich nach meinem Empfinden dramatisch verändert hat. Darüber braucht man sich keine Illusionen zu machen.

Und wie reagieren Sie auf diese neuen Entwicklungen?
RT: Mit dem Gegenteil! Den direkten Kontakt pflegen. Und zwar erst recht.

Frau Thomas, vor fünf Jahren gründeten Sie die Galerie Thomas Modern mit Ihrem Vater. Warum haben Sie sich dabei für zeitgenössische Kunst entschieden?
ST: Seit vielen Jahren sind wir im klassischen – insbesondere im expressionistischen Bereich – auf internationalem Niveau erfolgreich tätig. Der Wunsch, nochmal in das aktuelle, zeitnahe Geschehen einzusteigen, existierte aber immer. Schon während ihrer Gründung war die Galerie als Avantgarde-Galerie ausgerichtet, was sich ja dann hauptsächlich in den 80ern und 90ern als zweite Schiene auf den Expressionismus konzentrierte. Wir haben also mit der Gründung der Moderne letztendlich nur das aufgegriffen und reaktiviert, was seit Gründung schon da war. Das war unter anderem der Wunsch, beides kenntlich zu trennen. Also klarer zu sagen: Der Expressionismus findet hier statt und die zeitgenössische Kunst ist an dieser Stelle verortet.

Frau Thomas, gehen Sie in Ihrer Arbeit als Galeristin planvoll vor, oder eher intuitiv?
ST: Nein, wir gehen planvoll vor. Das müssen wir auch: Zahlreiche Ausstellungen, Messen und Mitarbeiter sind zu koordinieren. Es geht schließlich um langfristige Beziehungen zu den Künstlern, Nachlässen, Kollegen und Kunden. Das bedarf eines orientierten Arbeitens. Natürlich hat die persönliche Begeisterung, die Intuition ihren Platz – oder: Sie verschafft sich den, sagen wir es mal so. Aber im Großen und Ganzen muss all das natürlich schon Konzept haben.

Wie wirkt sich Ihre besondere Konstellation, das "Vater-Tochter-Gespann", auf die Arbeitssituation aus?
ST: Das grundlegende Verständnis und Vertrauen ist auf jeden Fall gegeben. Wir wissen auch ohne viele Worte und langes Üben, was der andere meint. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Das heißt allerdings nicht, dass wir immer übereinstimmen. Selbstverständlich diskutieren wir und setzen uns auseinander.  Nicht umsonst gibt es im Kunsthandel einige Familienkonstellationen, die erfolgreich zusammenarbeiten. Seit 25 Jahren arbeiten wir zusammen, jeder hat seine Bereiche, macht seine Sachen, immer mit der Gewissheit, dass es im Sinne des anderen ist.

Kritiker Jerry Saltz schrieb vom drohenden Tod der Galerieausstellungen. Sie seien eine von vielen Speichen im globalen Rad. Teilen Sie seine Befürchtung?
ST: Auf der einen Seite kann ich den Gedanken verstehen. Auf der anderen Seite ist auch zu überlegen: Wer verkauft denn auf der Messe, wenn nicht die Galerien? Klar, die Kunstmesse ist eine Messe, aber wer diese betreibt, dort ausstellt und verkauft, sind doch letztendlich die Galerien. Ich sehe das nicht so sehr als Bedrohung. Die Problematik der Ausstellungen, das sehe ich schon. Die Möglichkeit, gute Ausstellungen, gerade im klassischen-expressionistischen Bereich zu machen, wird immer schwieriger. Viele Werke sind einfach nicht verfügbar. Daraus resultiert die Tendenz zu thematischen Ausstellungen mit Leihgaben, was früher selten gemacht wurde. Es gibt insofern immer Galerien, dazu gehören wir, die Ausstellungen mit einem musealen Anspruch konzipieren, um die entsprechende Aufmerksamkeit von Ihnen, Ihren Kollegen und anderen zu bekommen.

Herr Thomas, Kunstkäufe werden immer häufiger online mithilfe von JPEG-Dateien oder Sammler-Apps getätigt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
RT: Das wird seinen Platz einnehmen, das ist gar keine Frage. Offen ist noch die Frage nach der Spezifizierung. Ich glaube, es wird nach wie vor beides geben: Den direkten Verkauf und den Onlinemarkt. Es hieße ja auch mal, es gebe keine Malerei in der Kunst mehr. Das ist natürlich auch Unsinn gewesen. Das Verhältnis ist eben die Frage: Welche Art von Kunst wird es online geben und welche eben nicht? Das muss sich einspielen und wird von der Einstellung des Käufers maßgeblich beeinflusst: inwieweit er sich zutraut, ohne das direkte Gespräch, ohne die direkte Information, aufgrund von schriftlichen Erläuterungen oder wahrscheinlich doch etwas mangelhaften optischen Übertragungen Geld auszugeben.

Auf Ihrer Künstlerliste ist Gerhard Richter. Wie haben Sie zueinander gefunden?
RT: Das weiß ich – ehrlich gesagt – nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich Anfang der 60er-Jahre nach Italien gefahren bin, weil ich seine damalige, auf die Fotokunst zurückzuführende Kunst als sehr interessant empfand. Und es absolut „in“ und zukunftsträchtig war. Persönlich habe ich ihn nicht kennengelernt. Den Zugang zu ihm habe ich über sein Werk gefunden.

Nach einigen Jahren haben viele Ihrer Künstler einen Status erlangt, in dem sie immer mehr Produktions-, Transport- und Versicherungskosten verschlingen. Wächst Ihnen da nicht der eine oder andere schon mal über den Kopf?
RT: Na klar, die ganzen Unkosten wachsen einem ja permanent über den Kopf. Logisch. Der Raum für die Kalkulationen wird doch heute von beiden Seiten eingeengt, sowohl seitens des Verkäufers als auch seitens des Käufers. Als Maßstab glaubt man, den Auktionspreis ansetzen zu können. An diese Zahl, ich nenne mal 100.000, hält sich der Verkäufer und sagt, diese Summe ist erzielt worden – also will ich das auch haben. Und an diese Zahl hält sich der Käufer, der sagt, das ist erzielt worden, mehr will ich nicht zahlen. So, dazwischen findet der Kunsthandel statt. Dann machen Sie es mal!

Was war Ihre größte Niederlage in den 50 Jahren?
RT: Die Erfahrung des 1986 – mit  großer Euphorie und sehr großem Aufwand – erstellten Ausstellungshauses, das "A 11 Art Forum", mit 2.000 Quadratmetern. Das war im Grunde eine private Kunsthalle. Viel Geld habe ich da reingesteckt, und dann kam der große Kollaps: Mit der Öffnung der DDR wendete sich das Interesse stark nach Leipzig und Dresden. Neben dieser Interessenverschiebung, dem wirtschaftlichen Zusammenbruch während des Niedergangs und einem doppelten Niedergang des Kunstmarktes, der in den Jahren zuvor unverhältnismäßig hoch gepusht worden war, kamen mehrere Faktoren zu sehr ungünstigen Konstellationen zusammen, woraufhin ich aus Vernunftgründen und gegen meine Absicht das "A 11 Art Forum" aufgeben musste. Daraufhin habe ich mich wieder sehr stark auf den gefestigteren Bereich des Expressionismus und der klassischen Moderne zurückgezogen. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte das Haus weiterführen können. Das wäre in München sicherlich ein fantastischer Ort geworden.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
ST: Ich würde die Galerie gerne in dieser vielseitigen Form, wie sie jetzt besteht, weiterführen. Der Expressionismus und die klassische Moderne als essentielle Bestandteile der Galerie sind mir natürlich genauso ans Herz gewachsen. Weiterhin will ich selbstverständlich im modernen Bereich aktiv bleiben, dort ein gutes Programm machen, und die Kunden, die wir über die Jahre akquiriert haben, treu halten.
RT: Ich werde meine Erfahrung weiterhin meiner Tochter zur Verfügung zu stellen.

Lesen Sie zum Thema auch online Interviews mit den Galeristen Christine König, Jörg Johnen, Matthias Arndt und Jan Wentrup,

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