Maria Loboda in Berlin

Aus den Sternen in die Grabkammer

Maria Loboda "Woman Looking At The Alpha Persei Cluster"
Foto: Stefan Haehnel

Maria Loboda "Woman Looking At The Alpha Persei Cluster"

Die Künstlerin Maria Loboda bespielt gerade das schönste Kunstschaufenster Berlins. In der Galerie Thomas Schulte baut sie ein archäologisch-astronomisches Labyrinth, in dem man sich herrlich verirren kann 

Ein goldener Becher aus der Bronzezeit, ein Sternhaufen im Sternbild Perseus, die Cheops-Pyramide: All das und viel mehr lässt Maria Loboda in ihre Installation bei Thomas Schulte einfließen. Die Berliner Galerie verfügt über das herrlichste Kunstschaufenster der Stadt: Drei hohe Bogenfenster in einer dekorativ verzierten Travertin-Fassade, die Hermann Muthesius, Pionier der Architekturmoderne, 1913 fertigstellte. Damals mutierte ein Hotel zum "Haus der Moden" in der zentralen Kaufstraße Berlins. Heute würde man die Leipziger Straße "Shoppingmeile" nennen, wenn es denn noch zuträfe. Was es nicht tut.

Die Glanzzeit des Viertels ist lange her, doch Maria Loboda greift mit ihrer Installation für den neun Meter hohen "Corner Space" hinter den Schaufenstern noch weiter in die Vergangenheit. "Woman observing the Alpha Persei Cluster" nennt die 1979 in Krakau geborene und an der Frankfurter Städelschule ausgebildete Künstlerin ihre Soloschau. 50 bis 70 Millionen Jahre ist die genannte Konstellation im Sternbild Perseus alt, die sich in Form von Wandlichtern im Galerieraum wiederfindet.

Hintersinnige Collagen aus Natur und Kultur

Maria Loboda, die an Carolyn Christov-Bakargievs Documenta 13 teilnahm und bis Jahresbeginn 2019 eine Soloausstellung an der Frankfurter Schirn hatte, bringt Naturphänomene und Kulturgeschichte zu hintersinnigen Collagen zusammen. In Lobodas Premiere bei Schulte scheint es nicht zuletzt um die Frage zu gehen, welche Spuren Frauen in der (Kultur-)Geschichte hinterlassen. Männer sind, wie der mythische Perseus, Krieger und Macher, Frauen schauen zu? Entspricht dieses Ungleichgewicht historischen Tatsachen oder ist über den Einfluss von Frauen einfach nur zuwenig bekannt? In Lobodas Ausstellung kommen solche Fragen auf. Beantwortet werden sie natürlich nicht. Stattdessen webt die Künstlerin ein rätselhaftes Beziehungsgeflecht aus kulturhistorischen Stoffen. Einige Motive hat Loboda bereits in früheren Arbeiten eingesetzt, darunter die Figur der Hetepheres, deren Existenz im Dunkeln liegt.

Bei der Eröffnung im November ließ sie eine mit militärischen Attributen versehene Performerin auftreten, die in Fantasy-Comics blätterte. Drumherum richtete die Künstlerin eine Art Wohnzimmer aus verschiedensten Referenzen ein. So blinken die Sternen-Lichter auf einer Wandzeichnung, in der sich eine Architekturskizze von Robert Mallet Stevens mit Mustern von Jacques-Émile Ruhlmann verbindet. Neben den zwei französischen Gestaltern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt noch Karl Gräser eine Rolle, Mitbegründer der Reformsiedlung Monte Verità bei Ascona und Schöpfer eines "Naturstuhls" aus miteinander verflochtenen Wurzeln. Loboda hat den Stuhl nachgebaut, einen alten Eichentisch dazugestellt und das Ensemble – verwirrenderweise – "The Chair of Hetepheres, Mother of Khufu" betitelt. Damit verweist sie auf die Grabkammer einer altägyptischen Königin.

Die Ausstellung als Grabkammer?

Als das Grab der Hetepheres 1925 geöffnet wurde, fand man einen Stuhl, anderes Mobiliar und einen leeren Sarkophag. Das Fehlen der Mumie bleibt bis heute rätselhaft. Frau als Phantom. Es ranken sich verschiedene Verschwörungstheorien um die Königin, die Mutter von Cheops, für den die große Pyramide von Gizeh errichtet wurde. Von dem einzig erhaltenen der Sieben Weltwunder der Antike aus mag das von Loboda gesäte Rhizom weiterwachsen, etwa hin zu fragwürdigen pyramidologischen Studien, in denen ein Zusammenhang der Gizeh-Pyramiden mit Sternbildern behauptet wird.

Als der französische Archäologe Jean-Pierre Adam in Paris einen Zeitungskiosk vermaß, entdeckte er in den Zahlen und Zahlenverhältnissen die Distanz der Erde zur Sonne, den griechischen Mondzyklus, das Datum der Schlacht von Tours und Poitiers und die chemische Formel von Naphthalin. Das war nicht ernst, sondern als ironischer Seitenhieb auf Pseudo-Wissenschaftler gemeint. Zu lauter Trugschlüssen lädt wohl auch Maria Loboda ein, deren Ausstellungstitel "Woman observing..." übrigens von einer Zeitungs-Bildunterschrift stammt. Doch Kunst ist nicht Wissenschaft, sie irrt nie. Allerdings können Künstlerinnen ihr Publikum sehr wohl in die Irre führen. Ob sie sich im Labyrinth der Motive, Bedeutungen und Andeutungen wohl fühlen – das ist das Problem der Betrachter.