Memphis-Ausstellung

Ein Feuerball raste ins starre Design

Vor gut 40 Jahren sagte die Memphis-Gruppe dem funktionellen Design mit ihren maßlos verspielten Entwürfen den Kampf an. Eine kleine, aber feine Ausstellung in Weil am Rhein weckt gerade jetzt Sehnsucht nach gestalterischem Mut

Wie ein Feuerball rauschte Memphis in die starren Vorgaben des Designs der 1980er-Jahre. Der Legende nach traf man sich an einem Dezemberabend im Jahr 1980 in der Mailänder Wohnung des Designers und Architekten Ettore Sottsass, trank, hörte Musik und rief ganz nebenbei eine neue Design-Ära aus. Eine, die sich gegen die vorherrschende Regel less is more und eine allgemeine Zurückhaltung stellte. Im Hintergrund lief der Song "Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again" von Bob Dylan. So war der Name der eher lose um Sottsass gruppierten Bewegung geboren.

Die besten Entwürfe der Memphis-Gruppe kann gerade im Vitra Design Museum in Weil am Rhein sehen. Unter dem Titel "Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz" sieht man dort weder Kitschiges noch Elegantes, sondern nur eine sehr feine, kluge Auswahl von Möbelstücken, die sich weigern, lediglich funktional zu sein.

Wenn man das Wort Memphis ausspricht, klingt das immer schon ein wenig, als würde man mit vollem Mund reden. Und das passt eigentlich sehr gut, denn das ist es, was die Memphis-Designer getan haben: Den Mund voll nehmen und jede Art von spassbefreitem Understatement hinter sich lassen.

Ein Sofa als Erlebnisraum

Michele De Lucchi, Martine Bedin, Michael Graves, Barbara Radice, Peter Shire, Nathalie Du Pasquier und Shiro Kuramata - sie alle waren in dem Verlangen vereint, etwas zu schaffen, dass das stramme Diktat der Funktionsfähigkeit unterwanderte. Entwürfe, bei denen man den Sessel oder das Sofa nicht als etwas sah, auf dem man die von der Lohnarbeit ermüdeten Beine hochlegen konnte, sondern als einen eigenen Erlebnisraum.

Die Möbel haben ihren ganz eigenen Charakter. Und vermutlich kann man nur in so einem Möbel wirklich entspannen. Einem, bei dem man nicht mehr selbst performen muss, weil der Sessel schon performt. Manchmal sehen die Entwürfe aus, als hätten Kinder Legosteine aufeinandergestapelt und sich im Farbrausch vergriffen. Andere wirken, als würden sie aus einem pastellig-weichgespülten Paralleluniversum direkt in den grauen Spätkapitalismus geschossen kommen.

Die Lampe “Super” von Martine Bedin sieht aus wie ein Igel auf Erkundungstour, der einen Zwischenstopp auf einem Jahrmarkt eingelegt hat und jetzt nicht so recht weiß, wohin mit sich. “Kristall”, der Beistelltisch  von Michele De Lucchi, verneigt sich wie ein unterwürfiger und dennoch ausgebuffter Butler aus einem "Miss Marple"-Film das könnte und sieht dabei mit seinen abgespreizten Beinen gleichzeitig wie ein Ufo aus. Man verweigerte sich der Optimierung und wendete sich ohne Rückhalt der spaßigen Seite des Lebens zu. Sottsass hat einmal gesagt: “Gutes Design beginnt erst weit hinter der Funktionalität”.

Der Modezar adelt das Design

Karl Lagerfeld hat seine gesamte Wohnung, die er in den 80er-Jahren in Monte Carlo hatte, mit Memphis-Design eingerichtet. Die Bilder zeigen den Modeschöpfer mit dunkler Sonnenbrille und khakifarbenem Anzug. Er sieht sehr ernst aus auf diesen Bildern, doch das gehörte zu seinem Image. Man kann davon ausgehen, dass er innerlich vor Freude geplatzt ist, wenn er sich in seiner Wohnung umgesehen hat. Denn an einem schönen Ensemble aus Beige und Metall stört sich der Blick nicht, aber an einem Regal mit Schlangenleder-Aufdruck bleibt man hängen. Und ist nicht diese Art von Aufmerksamkeit eine, die die allseits propagierte “Achtsamkeit” fordert? Dass Dinge einem nicht egal sind und man sie bewusst wahrnimmt? Memphis fordert das ganz ohne große Anstrengung ein. Unbeachtet bleibt sicherlich kein einziger der Entwürfe.

Die Adelung durch den damals schon hochverehrten Lagerfeld verhalf Memphis zum endgültigen Durchbruch. So wurden die 80er-Jahre zu einem Design-Jahrzehnt, das man als schrecklich geschmacksverirrt abtun kann. Doch mit dem Wissen, dass Geschmack sich beständig verändert und fast alles irgendwann ein Revival erlebt, war es vielleicht eines, das am rückhaltlosesten und am lebensbejahendsten war.

Man wünscht sich diese Art von wildem Mut

Und mal ehrlich: Nachdem man im vergangenen Jahr so viel mehr Zeit in seiner eigenen Wohnung verbracht hat, ist man sich wohl sicher, dass nicht der technisch- cleane Designtempel oder die supergemütliche Kuscheloasen für Abwechlsung und Spaß zuhause sorgen, sondern alles, was bunt, laut und vielleicht nicht hundertprozentig funktional ist.

Genauso schnell, wie sie sich gegründet hatte, so schnell und abrupt löste sich die Memphis-Gruppe 1987 wieder auf. Doch ihre Entwürfe hallen nach, und wenn man sich die Ausstellung im Vitra Design Museum anschaut, dann wünscht man sich diese Art von wildem Mut doch auch für die eigenen vier Wände. Die Nützlichkeit und die Sinnhaftigkeit, die zwanghaft hinter allem steckt, einfach mal zu ignorieren und sich lediglich auf Ausgelassenheit und Freude zu konzentrieren. Davon könnte man immer, und jetzt besonders, mehr gebrauchen. Weil am Ende mehr dann eben doch mehr ist.