Nick Brandt über sein neues Megaprojekt

"Es gibt immer einen Weg, Wut in etwas Positives umzusetzen"

Foto: Nick Brandt
Foto: Nick Brandt
Ein Produktionsfoto zur "This Empty World"-Serie: "Zuerst haben wir einige Teile der Kulisse inklusive der Kameras aufgebaut. Während der nächsten Wochen und Monate konnten sich die Tiere an diese künstliche Umgebung gewöhnen und in den Bildausschnitt laufen, wo die Kameras automatisch auslösten", erzählt Nick Brandt

Zweieinhalb Jahre und Unmengen Geld investierte der britische Fotograf Nick Brandt in sein neuestes Projekt. In den 45 Motiven von "This Empty World" zeigt er ein oft übersehenes Problem des Naturschutzes: Wildlebenden Tieren geht der Lebensraum aus. Schuld daran ist der Mensch

Nick Brandt, Ihre Fotoserie "This Empty World" war enorm aufwändig. Wie sind die Bilder entstanden?
Auf jedem Foto ist eine Kulisse zu sehen, die wir eigens angefertigt haben. Die finalen Bilder sind aus mehreren Einzelaufnahmen - zwischen manchen liegen mehrere Wochen - zusammengesetzt. Bei 40 der 45 Motive waren die Kameras dauerhaft an einer festen Position installiert und wurden nicht bewegt. 

Wie genau sind Sie vorgegangen?
Zuerst haben wir einige Teile der Kulisse inklusive der Kameras aufgebaut. Während der nächsten Wochen und Monate konnten sich die Tiere an diese künstliche Umgebung gewöhnen und in den Bildausschnitt laufen, wo die Kameras automatisch auslösten. Sobald die Tiere fotografiert waren, bauten wir den Rest - Brücken, eine Tankstelle, die Baustelle für einen Highway - um dort weitere Aufnahmen mit unzähligen Komparsen zu machen. Am Ende, und das ist für mich enorm wichtig, haben wir alles, was wir verwendeten, recycelt und das Land so zurückgelassen, wie wir es vorgefunden hatten.

Wie viel Zeit und Mühe haben Sie für die Serie investiert?
Insgesamt knapp zweieinhalb Jahre. Nach dem Konzept folgten umfangreiche Recherchen zu Technik, Logistik und Locations. Die Produktion der Bilder dauerte über ein halbes Jahr und zum Schluss habe ich mit zwei Post-Producern in New York und London neun Monate an der Nachbearbeitung gesessen. Alles musste perfekt sein.

Lief bei der Produktion alles nach Plan?
Keineswegs. Uns liefen lange Zeit keine oder nicht die richtigen Tiere vor die Linse. Manche Kameras waren fünf Monate aufgebaut. An einigen Locations mussten wir alles wieder abbauen und woanders wieder aufbauen. Das kostete uns zwei Monate und plötzlich hatten wir die Regenzeit im Nacken. Das größte Problem waren jedoch heftige Sandstürme am Set.

Wie lautet die Botschaft hinter den Bildern?
Wenn die Leute an die Tiere von Afrika denken, haben die meisten sofort die Wilderei vor Augen. Das viel größere Problem, das ich ansprechen möchte, ist der schwindende Lebensraum der Tiere durch die industrielle Entwicklung sowie menschgemachte Eingriffe und Konflikte.

Welche Rolle spielen die Menschen in den Fotos?
Sie sind Opfer, keine Täter. Ich wollte sie nicht als Angreifer darstellen. Sicher gibt es Wilderer, die Tiere allein aus Geldgier töten. Doch die meisten Leute wollen nur überleben. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch ihr Lebensraum massiv beeinträchtigt wird und die Armut dadurch wächst. Die wirklichen Verbrecher bekomme ich für so ein Projekt leider nicht vor die Kamera: die Industriellen, die Politiker und die Wirtschaftsoligarchen - all jene, denen es in erster Linie um Profit und weniger um Prinzipien und die Natur geht.

Sie haben vor diesem Projekt noch nie digital oder mit Farbe fotografiert, sondern bislang immer analog und in Schwarzweiß. Auch der Einsatz von künstlichem Licht war neu für Sie. Mit welchen Erwartungen haben Sie das Projekt begonnen?
Das stimmt. Bislang nutze ich vor allem analoge Mittelformatkameras, diesmal die digitale Pentax 645Z. Auch deshalb war ich war enorm eingeschüchtert, zugleich aber sehr aufgeregt, was mich erwarten würde.

Warum haben Sie diesmal in Farbe fotografiert?
Die meisten Kulissen wurden nachts abgelichtet und ich wollte unbedingt diese schon fast krankhaften, grellen Farben der modernen Menschheit einfangen. Das hätte in Schwarzweiß nicht funktioniert.

Die Kameras waren monatelang im Einsatz. Welche Vorbereitungen waren dafür nötig?
Kollegen haben uns gesagt, dass Elefanten versuchen würden, alles umzuschubsen, was sie finden. Um das zu verhindern, befestigten wir Nägel außen an den Kameraboxen. Und Hyänen kauen gern auf elektrischen Kabeln herum. Also mussten wir alles unterirdisch verlegen. Die Logistik für die Kulissen war gigantisch. Kameras und Blitze aufbauen, Leitungen verlegen, Wasserlöcher und Tanks installieren – all das dauerte pro Kulisse etwa eine Woche.

Woher kam das Geld für die Serie?
Aus meiner eigenen Tasche. Von der schmutzigen Werbewelt konnte ich mich bislang fernhalten. Doch wer weiß, wie lange das noch so bleibt, denn die neuen Bilder sind weitaus weniger kommerziell als frühere Projekte.

Ihre Bilder - auch die der anderen Serien "On This Earth", "A Shadow Falls" und "Across the Ravaged Land" - zeichneten sich vor allem durch eine hohe Ästhetik aus. Schockfotos rufen häufig mehr Resonanz hervor. Ist das der richtige Ansatz, um ein Umdenken für mehr Naturschutz herbeizuführen?
Da haben Sie recht. Nehmen wir nur mal den berühmten Greenpeace-Spot von David Bailey: Er ließ Models über einen Catwalk laufen und plötzlich spritzte Blut aus ihren Pelzmänteln. Es war gruselig, aber eine großartige Werbung.

Eines Ihrer Lebensmottos lautet: "Es ist besser, wütend und aktiv zu sein, als wütend und passiv." Wie überträgt sich das auf die Leute, die Ihre Bilder sehen?
Ganz egal, was einem Sorgen bereitet - Obdachlosigkeit, die Plastikverschmutzung der Ozeane, soziale Ungerechtigkeit, Rassismus oder etwas vollkommen anderes -, wir sollten daran denken, dass es immer einen Weg gibt, diese Wut in etwas Positives umzumünzen.