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Zürich

Schweizer Wochenende

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Direkt vor der Art Basel laden die Züricher Galerien zum Aufwärmtraining beim Contemporary Art Weekend

Der reisefreudige Kunst-Aficionado streicht derzeit aufgeregt mit dem Finger über die Europakarte: von der Documenta in Athen und Kassel über die Venedig-Biennale weiter zum Gallery Weekend in Berlin und im Juni zur Art Basel – Moment, nicht so schnell! Jetzt hätten wir beinahe einen lohnenswerten Zwischenstopp verpasst: das Contemporary Art Weekend in Zürich. Traditionell laden die Galerien hier während zwei Tagen zum Aufwärmtraining für die Übermutter aller Kunstmessen, die Art Basel, die am Wochenende darauf Investoren, Idealisten, Rebellen und die Kunst-Schickeria zusammenbringt.

Wenn es um die Welt der Superreichen geht, ist für die Künstlerin Jessica Craig-Martin jedenfalls klar: "Man ist nie so nackt wie im Partykleid." Menschen wie Schaufensterpuppen, Hunde und lackierte Krallen, High Heels, Scheinwerfer und Selbstbräuner: Auf Charity-Events und Cocktailpartys sucht Craig-Martin nach der Extravaganz, die sich so leicht vom Protz verführen lässt. Es ist eine auf Hochglanz polierte Welt, die aber in dem Moment Risse bekommt, in dem die in New York lebende Fotografin ihre Kamera auf sie richtet. Zu sehen sind ihre Werke zum Art Weekend in der Galerie Andres Thalmann in der Züricher Innenstadt.

Auch bei Katz Contemporary, ein paar Schritte weiter die Talstraße runter, wird die Realität zum Fallstrick. Der Wahlzüricher Florian Bühler zeigt dort unter dem Titel "Fallen" neue Werke, für die es bereits eine Warteliste gibt. Der Shootingstar gehört zur Generation von jungen Künstlern, die ein uraltes Medium mit neuem Zauber belegen: die Malerei. Seine fotorealistischen Stillleben zeigen eine Welt voller Mayotuben, Energydrinks und Schmerztabletten. Ebenfalls an der Talstraße weiht die Galerie Gmurzynska mit Werken von den Altmeistern Donald Judd und Kasimir Malewitsch eine zusätzliche Dependance ein.

Vogelschwärme, Regentropfen, das Meer: In der Galerie Christophe Guye könnten die Sujets unter dem Titel "Halo" (auf Deutsch: Heiligenschein) kaum unspektakulärer sein. Doch auf den Fotografien der Japanerin Rinko Kawauchi werden sie zu spirituellen Momenten. "Ich richte meine Augen auf die pechschwarze See, und es fühlt sich an, als ob mich der dunkle Ozean fragt: Hast du gefunden, was du suchtest? Ich weiß keine Antwort." Stattdessen drückt sie den Auslöser.

Thomas Ruff interessiert sich derweil in der Galerie Mai 36 für die Schattenseite von Fotografien und entdeckt dort Botschaften, Zahlen, Rätsel. In seiner Serie "press++" kombiniert der deutsche Künstler Vorder- und Rückseiten von Pressefotografien der 30er- bis 70er-Jahre aus amerikanischen und japanischen Zeitungsarchiven. Und blättert so im Buch der Wirklichkeit rückwärts.

Ganz in der Nähe in einer kleinen Nebenstraße, in einer der schönsten Galerien der Stadt, präsentiert Roman Plutschow (der ehemalige Geschäftsführer von Christie's Deutschland) die neuesten Arbeiten von Raul Mourão. Der Brasilianer ist bekannt für seine kinetischen Installationen aus Eisenstangen, die zu atmen scheinen.

Dem Menschen ganz nah sind die Bilder von Nan Goldin, denn ein nackter Hintern steht bei ihr auch immer für das bloße Leben: Ihre ungeschönten Bilder von Aidskranken, Drogensüchtigen und Verprügelten haben Kultstatus, die Galerie Fabian & Claude Walter zeigt nun eine Auswahl von Fotografien der Amerikanerin aus den Jahren 1977 bis 2001 aus einer Privatsammlung.

Zum Galerien-Hopping laden dieses Jahr am Contemporary Art Weekend insgesamt 42 Galerien, dazu öffnen einige Züricher Institutionen ihre Türen, in der Innenstadt unter anderem das Kunsthaus, das eine Sammlung mexikanischer Grafik zeigt. Weiter geht es die Limmat entlang Richtung Löwenbräu-Areal. Auf dem Weg wartet die Galerie Häusler Contemporary, hier leuchtet Keith Sonniers neue Werkgruppe "Portal Series": Skulpturen aus Neonröhren, Holz oder Bambus, die in eine Welt jenseits von Wänden führen.

In ihrem Ausstellungsraum im Löwenbräu-Areal hat Eva Presenhuber Valentin Carron und Wyatt Kahn eingeladen. Carron, der 2013 den Schweizer Pavillon in Venedig bespielte, ist bekannt für seine Auseinandersetzung mit seiner Heimat, dem Wallis, in Form von mutierten Alltagsgegenständen wie Ladenschildern, Kruzifixen oder platt gewalzten Blasinstrumenten. Er wird neue Collagen und Skulpturen zeigen. Weiter lockt das Löwenbräu mit Jenny Holzer (Hauser & Wirth) oder Michael Sailstorfer (Grieder Contemporary).

Groß angelegte Ausstellungen gibt es im Migros Museum für Gegenwartskunst und in der Kunsthalle. Das Migros Museum präsentiert die französisch-bosnische Künstlerin Maja Bajevic, eine Auseinandersetzung mit der Macht. Ihr Material sind oft politische Slogans und propagandistische Sprüche: Wie formt sich eine nationale Identität? Und welche Rolle spielt dabei der Künstler? In der Kunsthalle existiert der Eingangsbereich gleich in dreifacher Ausführung: Der deutsche Konzeptkünstler Michael Riedel ironisiert hier unter dem Titel "CV" mal wieder den Kunstbetrieb.

Etwas fernab vom Kreativzentrum, im Züricher Seefeld, haben sich die jungen Ungestümen der Galerie Karma International in einem ehemaligen Empfangsraum einer Anwaltskanzlei eingenistet. Sie präsentieren die erste Schweizer Einzelausstellung der 1991 geborenen Flannery Silva aus Los Angeles. Wer in ihre skulpturgewordenen Kinderwagen blickt, entdeckt zuweilen sogar ein Straußenei – es geht um Reproduktion, Begehren und unser Taumeln in der Warenwelt.

Zurück im Zentrum, rund um den Helvetiaplatz und die Langstraße, vervielfältigt Dieter Meier sich selbst. "Possible Beings", also mögliche Existenzen, heißt seine Serie in der Galerie Baviera: Zu jedem seiner Selbstporträts denkt sich der Musiker und Konzeptkünstler eine eigene Biografie aus. Und schließlich endet der Rundgang in der Galerie von Marlene Frei, der Präsidentin des Vereins Die Zürcher Galerien (DZG). Frei präsentiert Werke des vor zehn Jahren verstorbenen Malers, Performers, Dichters und Fluxus-Mitbegründers Emmett Williams, der so gern "das nackte Skelett der Prozesse" zeigte.

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