Malereischau in Stuttgart

Weihrauch für die weißen Männer

Sigmar Polke und Gerhard Richter, Düsseldorf 1965
Foto: Courtesy Gerhard Richter Archiv, Dresden

Sigmar Polke und Gerhard Richter, Düsseldorf 1965

Eine Ausstellung wie aus der Zeit gefallen: In Stuttgart werden Baselitz, Richter, Polke und Kiefer als Malerhelden verehrt 

Man kennt das Phänomen: Eine Person, die faszinierend und sympathisch ist, wird plötzlich in einer Gruppe nervig und elitär. Genau dieses Gefühl tritt ein, wenn man die Ausstellung in der Staats­galerie Stuttgart betritt.Hier wird versucht zu erklären, wie die deutsche Kunst in der Nachkriegszeit zum Exportschlager werden konnte und warum sie bis heute international hoch angesehen ist. Vier Namen sollen für diese Auf­wertung verantwortlich sein: Baselitz, Richter, Polke, Kiefer.

In dieser Reihenfolge werden die Maler säuberlich vonein­ander getrennt präsentiert. Sie sind die "alten Meister", die laut Kurator und ehemaligem Leiter der Kunsthalle Tübingen, Götz Adriani, das schafften, was zuvor nur Albrecht Dürer, Hans Holbein d. J. und Adam Elsheimer gelungen war – sie werteten die deutsche Kunst auf. Diese etwas plumpe These soll der "Dürer Hase" (1968) von Polke stützen. Was hätte der 2010 verstorbene Ironiker selbst von dieser Heroisierung gehalten? 

Die Ausstellung ist aus der Idee Adrianis erwachsen, ein Interviewbuch über das Frühwerk seiner vier Künstlerfreunde herauszugeben. Das merkt man der steif gehängten Schau an. Stilentwicklung wird akkurat dokumentiert, Richters Werke wie "Sekretärin" (1963) oder "Helga Matura mit Verlobtem" (1966) werden brav mit ihren Zeitschriften-Vorlagen begleitet, aber so mickrig klein, dass kaum etwas zu erkennen ist.

Dem fantastischen Frühwerk wird der Wind aus den Segeln genommen

Durch die staubtrockene Präsentation wird dem fantastischen Frühwerk aller vier Künstler der Wind aus den Segeln genommen. Der von Adriani besungene Protest und Kampf gegen die Prüderie der Nachkriegszeit geht dabei unter. Aus dem Thema der Verdrängung und Geschichtsvergessenheit, die alle vier Künstler lautstark angeprangert haben, hätte der Kurator vor dem Hintergrund der heutigen poli­tischen Lage viel machen können. Man denke nur an Kiefers "Heroische Sinnbilder" (1969) mit dem Hitlergruß, die hier wieder sorgsam dokumentiert werden, oder Baselitz' "Helden", die den Ausstellungsbesucher im ersten Raum begrüßen. Doch anstatt die innere Zerrissenheit herauszuarbeiten, die diese Werke zeigen, wird eine Heldengeschichte erzählt.

Die Ausstellung wirkt wie aus der Zeit gefallen. Sie reproduziert ein Machtfeld des Kunstbetriebs und zeigt eine eitle Gruppe, die mit dem globalen Status quo des Kunstdiskurses nichts zu tun hat. Leider frisst dieses Setting das herausragende Frühwerk der vier Künstler nahezu auf – so sind sie nichts als eine Clique weißer, beweihräucherter Männer.