Kunsthandwerk in Oberammergau

Schnitz' Dir einen

In einem bayerischen Dorf voller Kunsthandwerker treffen sich Jeff und Koons, Schrott-Souvenirs und Passionsspiele. Wie ein Ort um seine Identität jenseits von Touristen-Kitsch ringt

Direkt neben den Postkartenständern steht der Nummernschilder-Ständer. Bedruckt sind die Schilder nicht mit Kfz-Kennzeichen, sondern mit Schlagworten: "Chill Zone, Germany, Biergarten."

Wir sind in Oberammergau. Dorfstraße. In der kleinen Gemeinde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen kämpfen viele Einzelhändler um Kunden aus aller Welt. Noch immer kommen die Busse mit Besuchern, die ein typisch deutsches Dorf suchen. Noch immer hört man auf der Straße viele fotografierende Menschen englisch, japanisch oder chinesisch reden. Aber sie kaufen immer weniger die angebotene Kleinware: Filzhüte, Bierkrüge, Geschirr, Kochschürzen mit dem aufgedruckten Motiv leicht bekleideter Frauen in Tracht, Flaschenöffner mit angeklebten Mini-Plastikbiergläsern, Tierglöckchen mit Oberammergau-Plaketten. Und natürlich im Zentrum der Schaufenster das ganze Sortiment aus dem Segment "Wood Carving“. Säkulare Kleinfiguren in Natur oder farbig gefasst konkurrieren mit religiösen Schnitzereien, Holzkreuze mit Schildern jeglicher Art (gerne mit Sprüchen: "Schon lange hab ich festgestellt: Ich hab die beste Frau der Welt!"). Kitschkrieg. Massenware.

Drei Epizentren der Identität

Ist das Oberammergau? Ja, und doch nein. Abseits der Kommerzobjekte existieren drei Epizentren lokaler Identität: das Passionstheater (der Permanentmagnet für Gäste aus der so nahen Ferne), das Oberammergau Museum (der moderne Erinnerungs- und Selbstvergewisserungsspeicher) und die Staatliche Berufsfachschule für Holzbildhauer in der Ludwig-Lang-Straße, ein paar Gehminuten vom Zentrum entfernt.

Hier in der "Schnitzschule" versucht man den Spagat zwischen Handwerkstradition und moderner Bildhauerei. Die Schüler kommen nicht hierher, um Herrgottschnitzer zu werden, sagt Wolfgang van Elst, Leiter der Einrichtung. "Das Geschäft gibt es in dem Sinn gar nicht mehr. Das ist aber eigentlich schon lange so." Also legt man hier den Fokus darauf, Grundlagen für künstlerisches und holzbildhauerisches Arbeiten zu legen. Gusstechnik, Zeichnen, Fassmalen, Modellieren, Entwerfen, der Stundenplan ist umfangreich. Wer hier nach drei Jahren mit dem Gesellenbrief herauskommt, der ist breit aufgestellt, so der smarte Schulleiter. In den hellen Gängen und hohen Räumen des Jugendstil-Gebäudes sind Arbeiten der Schüler verschiedener Jahrgänge zu sehen, Schachbretter, Fotografien, Kalligrafien, Zeichnungen, Figuren.

Der relativ neue, 2014 mit dem Holzbaupreis Bayern ausgezeichnete Pavillon direkt neben der Schule zeigt Werkstücke (Vorgabe: Hauptmaterial Lindenholz, "Materialmix möglich") zum schulinternen Wettbewerb "Beziehungen". Egal ob ein Familienaufstellungs-Laubsäge-Set mit "Erweiterungspack mit 2-mal Kind, 1-mal Eltern, 1-mal Auto" oder ob Guillotine mit einer abgeschnittenen Platine als Fallbeil: Hier, bei den "Schnitzis", steht die kreative Idee im Vordergrund, nicht der Versuch, den Altvorderen zu gefallen.

Ein Teil der Absolventen geht schließlich auf die Kunstakademie, andere finden den Weg ins Lehramt für Kunsterziehung, und wieder andere schlagen den Weg als zumeist selbstständige Bildhauer ein oder landen beim Theater. "Am Ende soll ein guter Mensch rauskommen", mit dieser überhaupt nicht moralinsauren Quintessenz verabschiedet sich Wolfgang van Elst.

Werkstatt im Himmelreich

Zwei der guten Menschen sind Florian Stückl und Tobias Haseidl, beide Oberammergauer Bildhauer mit Schnitzschul-Vergangenheit, Stückl zudem sogar als langjähriger Leiter. Sein Vater, eine örtliche Schnitz-Legende, hat immer nur Tiere hergestellt. Genau hier in der Werkstatt mit der weltfernen Adresse: Himmelreich. "Und ich saß da als Kind und ließ meine Autos umeinanderfahren." Schließlich wird der vorbelastete Sohn auch Schnitzer. Schule geschmissen, Berufsfachschule beim legendären Modernisierer der Passionsspiele, Hans Schwaighofer. Dann Akademie in München. Zurück im Dorf, nach durchstandenem Vater-Sohn-Konflikt und Überdruss am Tiereschnitzen, wird er Lehrer (später Leiter) an der Schnitzschule.

Doch eine Frage bohrte: Was macht eigentlich die Sicherheit, auch die finanzielle Sicherheit, was macht das mit mir? "Da sind mir nur negative Dinge eingefallen." Er wurde freier Bildhauer, jetzt im dritten Jahr. "Und es geht mir total gut." Stückl lächelt. Klar, die geschäftliche Lage hier ist seit den 90er-Jahren nicht rosig, Stichwort Fräsmaschine. Die handwerkliche Präzision und Perfektion, die es in Oberammergau immer noch gibt, droht zu verschwinden. Doch Stückl bleibt optimistisch. "Es gibt ja viele, die sagen: Das geht alles den Bach runter. Nein, es ist ein Gesundschrumpfungsprozess." Es gilt, das handwerkliche Können zu sichern und mit neuen Ideen zu kombinieren. Ausweg Kunstwelt?

Geschnitzte Pornos für Jeff Koons

Manchmal wacht Tobias Haseidl morgens mit geschwollenen Handgelenken auf. Schnitzen geht auf die Knochen. Er ist einer von vielleicht 30 selbstständigen Bildhauern in Oberammergau. Einer, der es geschafft hat, bis heute. Nicht zuletzt durch seine Zeit als Angestellter beim legendären virtuosen Holzkünstler Josef Fux. Der, der damals für Jeff Koons die Riesenskulpturen gemacht hat: "Jeff and Ilona (Made in Heaven)", der Künstler mit der Pornodarstellerin beim Liebesspiel, überlebensgroß.

Alles hat er werden wollen, nachdem auch er die Schule geschmissen hatte, alles, nur nicht Holzbildhauer. Die ganze Verwandtschaft, alle, von beiden Elternseiten her … "Aber man kommt ja nicht raus aus seiner Bestimmung. Die erste Krippe habe ich geschnitzt, als ich acht Jahre war, nachdem mein Vater gestorben war." Autodidaktisch. Haseidl fand es interessant, was man als „kleiner Schnitzi“ so mitkriegt im Schatten der großen Künstler. Dass man da mal hinschnuppert, den Riesenapparat bei Koons erlebt. Haseidl ist noch heute begeistert von der Improvisationskunst des Teams. "Das Anschauungsmaterial war schon eigenwillig, aber das Ganze hat vielleicht die Sichtweise auf den eigenen Beruf in eine andere Richtung verschoben. Wow, was da alles gehen könnte!"

Für die Theaterlegende Robert Wilson übernahm er mehrere Aufträge: den Löwenanteil der Bildhauerarbeiten zu dessen Ausstellung in Oberammergau anlässlich der Passionsspiele 2000, eine Figur für dessen Dauerausstellung im Mozarthaus in Salzburg vor mehr als zehn Jahren. "Toll fürs Ego, aber alles andere muss auch noch funktionieren."

Leben vom Holz und von Liebe, tagein und tagaus? Das nun eher nicht. Holz kann man nicht essen. Also: Risikostreuung. "Wenn man den Beruf liebt, ist einem auch nichts zu blöd. Es gibt nichts Doofes, sondern nur etwas anderes." Haseidl klingt grundehrlich. Und schnitzt während des Gesprächs seelenruhig den Schwanz eines kleinen Schäfchens.

Ikea statt Gesellenstück

Wenn man verstehen will, was im Oberammergauer Gravitationsfeld Schnitzerei passiert, muss man mal kurz raus. Spurensuche bei Carolina Camilla Kreusch. Im Süden Münchens, in einer Zwischennutzung auf einem ehemaligen Industriegelände nahe der Isar. Hier nimmt Kreusch ein Atelierstipendium der Stadt wahr. Ja, auch sie hat die Schule nicht fertig gemacht, kurz vor dem Abitur die Bremse: Was will ich eigentlich? Bildhauerei? Schöne Figuren? Vielleicht nach Oberammergau.

"Es war nur eine Idee von allem da. Aber die Akademie wäre zu früh für mich gewesen." Also Schnitzschule. "Die Zeit in O’gau war supergenial, da waren nur so Leute, die auf der Suche sind, die einen waren weiter, andere am Anfang. Da wird keine Technik mehr reingeprügelt." Die Akademie immer im Blick, fertigte sie nach drei Jahren ihr Gesellenstück ("Ein Tänzer. Zu Vernachlässigen"), das später bei der Aufnahme an der Kunstschule irgendwie keiner sehen wollte. Also nahm sie ein Abtropfgitter aus Holz von Ikea, machte Fotos: Deal.

Auch als Meisterschülerin von John Bock in Karlsruhe spürte sie, dass sie nicht bei der Figur bleiben wollte. Mit ihren späteren, enorm kickenden, organisch-technischen Installationen aus Karton und Lack arbeitet sie tief in den Raum hinein. Figur? "Ist das so wichtig? Es geht mir eher um: Wie komme ich an bestimmte Dinge, Themen ran? Wie löse ich bestimmte Fragen? Technische Details interessieren mich." Ob sie noch schnitzen kann? Klar. Ratlos steht sie nicht vor einem Stück Holz: Vom Schnitzer lernen, heißt sehen lernen.

Vorbild-Kühe für den Blauen Reiter

Zurück in Oberammergau, Dorfstraße, im dortigen Museum. Constanze Werner hält hier seit mehr als zehn Jahren mit ihrem Team die Fäden in der Hand. Begeistert spricht sie von ihrem Haus. Von den ältesten Passionsgewändern aus dem 18. Jahrhundert, denen man deutlich die Nähe zu manchen Krippenfiguren ansieht, von der Verwandtschaft der lokalen Fassadenmalerei zu den Krippen.

Ins Schwärmen kommt die Kunsthistorikerin, die auch das Geigenbaumuseum Mittenwald leitet, bei den geschnitzten Kühen. Mit ihrer wahnsinnigen Authentizität, die gleichzeitig stark ins Abstrakte geht, seien die Tiere wahrscheinlich Vorbild für den Blauen Reiter gewesen. Werner hat in einem Artikel über "Gabriele Münter im Kontext von Volkskunst als Inspiration" auf derartige Verbindungen hingewiesen, nicht zuletzt auch mit Blick auf oberbayerische Hinterglasmalerei.

Und heute? "Die Schnitzerei in ihrer alten Form gibt es nicht mehr", sagt Werner. In unserer immer weiter entchristianisierten Gesellschaft, nach dem Wegfall des religiösen Markts und auch was Sakralräume betrifft, sind neue Ideen gefragt. Die Schnitzer müssen ihr Erbe sichern. "Es geht schon irgendwie weiter, die sind irgendwo und du kriegt es nicht mehr mit."

Ein Altar für Indien, ein Jesus für Australien

Während die Ware aus Berchtesgaden und dem Erzgebirge über Jahrhunderte mehr oder weniger gleich geblieben sei, hätten die Oberammergauer immer flexibel auf Marktveränderungen reagieren, sich neu erfinden können, hier, an der ehemaligen Handelsstraße zwischen Augsburg und Venedig.

Heute liegt Oberammergau an der Handelsstraße aus Nullen und Einsen. Womit wir bei den Albls wären. Noch gibt es das Ladengeschäft der Familie Albl in der Verlegergasse. Die "Albl-Krippe" verkauft sich ordentlich. Doch die Zukunft, da sind sich die Brüder Johannes und Markus (und Vater Josef) einig, liegt in Großfiguren für den internationalen Kirchen-Markt.

Mit einem Team von Bildhauern, Schreinern und Fassmalern realisieren die Brüder als Geschäftsleute weltweite Projekte: einen Altar für Kunden in Indien, ein Jesuskind für Australien, einen Josef für Mexiko und die Ausstattung für ein Kloster in Südkorea. Sie erzählen von ihrem Vorhaben, in mehreren Etappen einen großen Studiokomplex hier vor Ort zu errichten: mit einer Konstruktionshalle für Großfiguren, einem Raum für den Versand, mit Ateliers, Büroflächen und einer Schreinerei.

"Wir haben noch zehn, 20 Jahre, um dieses Erbe zu wahren"

Die Zeiten zurückdrehen wollen und können sie nicht. Es geht um etwas anderes, um die Rettung einer Tradition: "Wir haben noch zehn, 20 Jahre, dieses Erbe zu wahren. Wir sehen uns da als Katalysator." Jetzt, in Zeiten, in denen fast jeder für sich selber wurstelt, wollen sie Stabilität anbieten, den heimischen Holzschaffenden Raum geben und ein Geschäftsmodell aktualisieren zwischen Zusammenarbeit und Eigenständigkeit.

Über die Zuarbeit für respektive Zusammenarbeit mit internationalen zeitgenössischen Künstlern reden sie vorsichtig. Auch deswegen, weil das manchmal im Geheimen stattfindet. Aber nicht ohne Stolz verweisen sie auf die für Keith Edmier entstandene "Young Nun" aus Nussbaumholz, die in der Berliner Galerie Neugerriemschneider in einer Einzelausstellung gezeigt wurde.

Oberammergau ist eine weltweite Marke, auch weil Schnitzkunst und Oberammergau fast synonym erscheinen. Aber das Dorf muss sich neu aufstellen, auch jenseits der magischen Transfusion der Passionsspiele alle zehn Jahre. "Ich möchte ein Ergebnis, das mich wieder woanders hinbringt", so hat es die ehemalige Schnitzschülerin Carolina Camilla Kreusch für sich selbst formuliert.

Der Himmel über Oberammergau schimmert grau. Ein bisschen Blau ist auch dabei. Friede dem Holz. Krieg den Fräsmaschinen.