Insta-Watchlist Gertruda Gilyte

"Mein Projekt endet, sobald ich zu Ausstellungen eingeladen werde"

In unserer Reihe "Insta-Watchlist" stellen wir Künstler vor, die uns auf Instagram aufgefallen sind. Gertruda Gilyte spürt mit ihrem "Successfull Art Project" dem Achtsamkeitstrend nach

Gertruda Gilyte, ist Erfolg wichtig für Sie?

Ja, selbstverständlich. Aber im Rahmen meines Instagram-Projekts ist die Definition von Erfolg nicht meine, sondern die konventionelle Definition, was erfolgreiche KünstlerInnen ausmacht. Erfolg für mich ist: Wenn ich Spaß an dem habe, was ich künstlerisch mache, jemanden inspiriere und glaube, dass ich irgendwie zu etwas beitrage, dann bin ich als Künstler erfolgreich.

Gibt es einen Unterschied zwischen Erfolg von KünstlerInnen in der Kunstwelt und in den sozialen Medien?

Mein @successful_art_project auf Instagram endet, sobald ich von Kunstinstitutionen zu Ausstellungen eingeladen werde. Ich habe den Account bewusst nicht good_art_project genannt. Gute Kunst zeigt die sonst nicht sichtbaren Seiten eines Themas und weckt Emotionen bei Menschen. Wenn ich das erreiche, ist meine Kunst gut. Da ich in den sozialen Medien arbeite, kommt das Thema fame hinzu. Erfolg in den sozialen Medien lässt sich in Followerzahlen und Likes messen. Hohe Followerzahlen bedeuten, dass jemand zumindest instafamous ist.

Wie versuchen Sie erfolgreich auf Instagram zu werden?

Ich versuche es mit einer guten Mischung aus tragischen und lustigen Inhalten. Ich bin übrigens ich selbst, ich erschaffe online kein Alter Ego. Ich spreche also über meine persönlichen Probleme, ohne dabei etwas von meinem Privatleben preiszugeben. Es geht um meine Gefühle und Dinge, die ich tatsächlich erreichen möchte. Wenn es mir beispielsweise schlecht geht, rede ich darüber, die Gründe nenne ich aber nicht. Es klingt immer leicht ironisch, was ich in den Videos sage, das gibt dem Ganzen einen subtilen Unterton. Ein Beispiel: Ich habe viele Videos gemacht, wie ich vor dem Spiegel stehe und positive Mantras wiederhole, während ich mein Spiegelbild anschaue: Ich werde einen großartigen Tag haben, ich bin zuversichtlich, ich kann meine Gedanken gut artikulieren, ich bin liebevoll, meine Arbeit ist kritisch und inklusiv.


Ist Instagram auch ein Tagebuch für Sie?

Es wirkt, als würde ich Instagram als öffentliche Theraphieplattform nutzen, ich rede manchmal tatsächlich über sehr intime Themen. Meistens beschreibe ich das perfekte Leben, das ich leben möchte, und zeige so, was ich aktuell nicht habe. Ich enthülle meine zukünftigen Ziele, meine beruflichen und persönlichen Wünsche und Ängste, über die ich noch nie zuvor mit jemandem gesprochen habe. Ich nutze das Projekt auch als Tagebuch für mich selbst, das stimmt. Wenn ich denke, dass ich zu viel preisgebe, schneide ich diese Teile aus den Videos. Und ich habe ja auch immer nur eine Minute, mehr geht auf Instagram noch nicht.

Sie folgen aktuellen Trends in den sozialen Medien? Die Themen Self Care und Self Love sind derzeit weitverbreitet, das auch auf YouTube.

Genau, ich beschäftige mich sehr viel mit Strategien und Methoden zum positiven Denken und DIY-Spiritualität. Der Haupttrend, dem ich folge, heißt "The Law of Attraction". Die Idee ist, dass die eigenen Gedanken die Realität verändern und dass man durch positives Denken positive Dinge erreichen kann. Ich schaue mir viele Videos auf YouTube von sogenannten spirituellen Influencern zu diesen Themen an und setze das dann auf meine Weise um. Bücher lese ich also nicht, ich konsumiere Online-Content. Es gibt da eine junge Frau, die sehr bekannt ist und viel darüber spricht, dass das eigene Denken Einfluss auf die Realität hat. Ich habe mich von ihr inspirieren lassen, aber es gibt natürlich eine ganze Reihe von positiven Denkern und spirituellen Influencern. Sie sagt zum Beispiel, dass man sich die eigene Zukunft vorstellen und die Dinge so detailliert wie möglich visualisieren soll. Ich stelle mir also vor, dass ich eine Einzelausstellung habe, wie ich beim Opening in Begleitung meines Freundes den Ausstellungsraum betrete, ich bin in diesem Moment selbstbewusst und fühle die Anerkennung der Besucher.

Ihr Instagram-Projekt aber endet in dem Moment, in dem Sie eine Ausstellung haben.

Genau, das ist der Plan. Aber obwohl ich mir das vorstelle, sehe ich das in der nahen Zukunft nicht auf mich zukommen. Als ich anfing, dachte ich natürlich, dass sich der Erfolg viel schneller einstellt. Ich habe mit 20.000 Followern gerechnet, ich bin jetzt nach über einem Jahr erst bei knapp 1.500 Followern. Für mein Ego war das nicht angenehm. Mittlerweile stört mich das aber nicht mehr. Täglich die Videos aufzuzeichnen, ist für mich zu einer Routine geworden, die ich nicht missen möchte. Und irgendwann kam mir der Gedanke, dass in einer Galerie oder in einem Museum nicht unbedingt mehr Menschen zusehen würden, wenn mein "Succesfull Art Project" eine Performance wäre. Ich habe mich also darauf konzentriert, meine Videos nicht als Content für die sozialen Medien zu sehen, den möglichst viele Menschen konsumieren sollen, sondern als das, was es ist: Kunst.


Warum?

Zu Beginn war ich sehr skeptisch, ob das positive Denken überhaupt etwas bewirkt. Als ich anfing, mir diese YouTube-Videos anzusehen, wollte ich genau so reden. Dann dachte ich aber, dass ich mich nicht über diese Leute stellen und mich nicht über sie lustig machen möchte, sondern über mich selbst. Von der Künstlerin Marisa Olson gibt es unter dem Titel "WellWellWell" eine Reihe von Videos zum Thema. Bei ihr hat man schnell den Eindruck, dass es sich um eine Persiflage über spirituelle Influencer handelt.

Hat sich für Sie durch das positive Denken etwas verändert?

Nach einigen Monaten ist mir aufgefallen, dass das positive Denken sich tatsächlich positiv auf mein Denken ausgewirkt hat. Das hatte ich für unmöglich gehalten. Meine Tage waren tatsächlich besser, wenn ich mit positiven Gedanken in den Tag gestartet bin.

Sie haben eine Reihe von Videos in den Instagram-Stories gezeigt, in denen Sie morgens im Bett lagen und sagten, wofür Sie dankbar sind.

Genau. Ein Beispiel: "Today I’m grateful that today I can stay at home and think about my creative praxis. Today I’m grateful that I understood that there is no bad but only challenge. Today I’m grateful that I understood that the absurdity of my problems is showing how privilleged I am." Und ja, genau, das war ein Teil von dem, das mich verändert hat. Positives Denken meint beispielsweise, dass man dankbar ist, für die Dinge, die man hat. Außerdem muss ich jeden Tag Content teilen, deshalb bin ich gewissermaßen gezwungen, mir im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit jeden Tag positive Gedanken zu machen. Wenn ich mir also mein Jahr als erfolgreiche Künstlerin vorstelle, überlege ich mir, welche Gefühle ich damit verbinde. Das ist im Wesentlichen Anerkennung. Die negativen Gedanken habe ich also ausgeklammert. Mein Slogan wurde: Wenn andere das schaffen, kannst Du das auch. Ich habe mich in Gesprächen mit Freunden dabei ertappt, dass ich Ihnen Dinge geraten habe, die ich in genau diesen Self-Care- und Self-Love-YouTube-Videos gehört habe.


Wie reagiert das Publikum auf Instagram auf Ihre Videos?

Das ist noch etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe. Ich bekomme relativ viele Nachrichten von Menschen, die irgendwie über meine Videos gestolpert sind und den Kunstkontext nicht im Blick haben. Sie schreiben mir, dass ich sie inspiriere, Ähnliches zu machen, also ehrlich zu sein und positiv zu denken. Den kritischen Teil meiner Arbeit sehen sie nicht. Für mich ist das okay. Einige haben sogar einen ähnlichen Instagram-Account aufgemacht, die dann natürlich kein Kunstprojekt sind.

Entwickelt sich Ihr Account mit neuen Trends auf YouTube und Instagram weiter?

Ja, ich schaue mir ständig Videos an und wiederhole, was ich dort sehe. Aktuell interessiere ich mich für Routinen und Gewohnheiten (tägliches Tagebuchführen, tägliche Dankbarkeitslisten), die mit Produktivität und dem Gleichgewicht zwischen Leben und Arbeit zusammenhängen.

Wem sollten wir alle auf Instagram folgen?

Hier sind ein paar Beispiele für Accounts, die mich am meisten inspiriert haben und sich hervorragend dazu eignen, den Trend des spirituellen Erwachens auf Instagram besser zu verstehen: @plantifulsoul, @leeoralexandra und @galadarling.