Kunst auf Luxus-Yachten

"So manches Museum wäre neidisch auf die Bedingungen an Bord"

Auf den Superyachten der Superreichen reisen Kunstsammlungen in Millionenwert über die Weltmeere. Die Londoner Kunsthistorikerin Pandora Mather-Lees schult Kapitäne und Personal im Umgang mit Gemälden und Skulpturen an Bord. Ein Interview

Frau Mather-Lees, wie kamen Sie auf die Idee, Schulungen für die Crews und das Personal von sogenannten Superyachten anzubieten, auf denen deren Besitzer ihre Kunst ausstellen?
Ursprünglich habe ich mit meiner Firma Pandora Art Services traditionelles Business Development im Bereich Kunst und Luxusgüter betrieben. Als ich vor ein paar Jahren auf der Yacht Show war, einer Messe im Yachthafen von Monaco, fiel mir auf, wie viel Kunst zwischen den Villen der Besitzer, ihren Chalets in den Schweizer Bergen und eben den Yachten transportiert wird. Was fehlte, waren Schulungen, wie man die ja häufig empfindliche Kunst dabei schützt. Daraufhin habe ich einen Kurs mit dem Titel "Practical Care of Onboard Collections" entwickelt, den ich seither unterrichte.

Nun sind Segelschiffe mit ihren instabilen Verhältnissen in Sachen Licht und Luftfeuchtigkeit nicht unbedingt Orte, die besonders geeignet für die Unterbringung von Kunstsammlungen wirken oder irre ich mich?
In manchen Fällen verfügen Yachten tatsächlich über klimatische Kontroll-Einrichtungen, auf die so manches Museum neidisch wäre. Außerdem sind die Schiffe nicht immer im Gäste-Modus. Wenn niemand an Bord ist, lässt sich das Klima besser regulieren. Aber grundsätzlich haben Sie mir ihrer Vermutung recht, allein der Salzgehalt der Luft stellt eine Gefahr für die Kunst dar. Ich denke da zum Beispiel an einen Anish Kapoor, der deswegen zurück zur Restauration ins Studio des Künstlers musste. Grundsätzlich gilt: Man sollte Kunst genauso wenig in der Nähe der Dusche platzieren wie dort, wo Wasserdampf und Öl aus der Kombüse dringen. Nicht direkt an Bullaugen und Türen, wo die Werke feuchter Luft oder Licht ausgesetzt wären – zumal das Sonnenlicht auf dem offenen Meer noch greller sein kann als an Land. Aber auch Kunstlicht, insbesondere das von Spots, ist eine Gefahr. Viele Orte bleiben dann nicht mehr übrig. Ich erinnere mich an eine Yacht, auf der eine Skulptur am Fuße einer Treppe auf dem Weg zum Klo stand. Jedes Mal, wenn die Gäste von der Toilette kamen, strichen sie mit ihren Händen über den Bauch der Skulptur. Die war nach einiger Zeit ein Fall für den Restaurator. Licht, Luft und Wasser sind Gefahrenquellen für Kunstwerke, die größte Gefahr aber stellen Menschen dar.

Wie groß ist der Markt für Ihre Schulungen? Wie viele Yachten, die Kunst beherbergen, gibt es überhaupt?
Superyachten, wie sie für mich interessant sind – also die mit einer Länge von mehr als 40 Metern –, gibt es etwa 8000 auf der Welt. Auf kleineren Schiffen ist meist kein Platz für eine Kunstsammlung. Mein Angebot richtet sich an Yacht-Besitzer, Kapitäne und Personal-Firmen, die Yacht-Crews ausbilden und vermitteln. Ich veranstalte entweder für 295 Euro pro Person und Tag Schulungen auf Yacht-Messen in europäischen Häfen wie Monaco oder Palma de Mallorca oder reise dahin, wo auch immer sich die jeweilige Yacht in diesem Moment befindet, um meine Konsultationen direkt an Bord anzubieten. In diesem Fall kostet mein Kurs 600 Euro pro Person und Tag. Das ist nicht viel Geld, denke ich, betrachtet man den Wert der Arbeiten, die das schützen hilft. Inkludiert ist eine Notfall-Hotline, über die ich Anrufer an Konservatoren oder Restauratoren weiterempfehlen kann.

Was genau lernt man in Ihrem Kurs?
Der komplette Kurs geht über zwei Tage und behandelt zwei Aspekte: das Verständnis für Kunst und der Umgang mit ihr. Kunstverständnis ist mir sehr wichtig. Wenn eine Crew nicht weiß, womit sie es zu tun hat, wird sie auch nicht angemessen damit umgehen. Ich erkläre, was Kunst eigentlich ist, warum sie in unserer Gesellschaft überhaupt eine Rolle spielt und wie sie unser aller Leben beeinflusst. Ich unterrichte die Leute in Sachen Kunstgeschichte, Kunstmarkt und Preise auf demselben. Damit sie zum Beispiel verstehen, dass auch eine sehr minimalistische Arbeit Millionen wert sein kann. Der zweite Abschnitt befasst sich mit der praktischen Seite: der Reinigung und Konservierung von Kunst, mit welchen Materialien man es zu tun bekommen und was sie beschädigen kann. Wo sollte Kunst auf einer Yacht gezeigt werden und wo nicht. Die rechtlichen Aspekte des Kunst- und Antiquitätenhandels gehören genau so dazu wie Kenntnisse in art handling und Logistik.

Warum das?
Oft werden die Stewardessen, deren Expertise das eigentlich nicht ist, damit beauftragt, Stücke an Bord der Schiffe entgegenzunehmen oder sie zu einem der anderen Häuser des Besitzers oder der Besitzerin oder auch zu einem Händler zu verschicken. Daher ist es wichtig, dass sie auch mit diesen Aspekten vertraut sind, nicht zuletzt, falls währenddessen mal der Versicherungsfall eintritt.

Welche Fallen lauern, wenn die Crew die Yacht putzt?
Vergoldete Rahmen werden von vielen Leute für Metall gehalten, dabei sind diese Beschichtungen oft wasser- oder öllöslich. Alabaster ist anfällig für Schäden durch Wasser, Marmor und Bleiche vertragen sich nicht. Grundsätzlich sollten keinen Haushaltsreiniger benutzt werden und trockene Reiningungsmethoden feuchten vorgezogen werden. Zu viel putzen kann genauso falsch sein wie zu wenig.

Haben Sie ein Beispiel parat?
Auf der Superyacht des Besitzers hat dann eine Stewardess versucht, die Cornflakes von einem Basquiat zu entfernen, weil ihr nicht klar war, dass sie zum Bild dazu gehören. Wenn die Crew-Mitglieder gerade nichts weiter zu tun haben und jemand ihnen sagt, sie sollen sich etwas zum Putzen suchen, dann passiert so etwas schnell mal. Deswegen ist es wie gesagt so entscheidend, dass die Crew über ein gewissen Kunstsachverstand verfügt. Aber auch Verschwiegenheit ist nicht zu vernachlässigen. Auf einer Messe unterhielt ich mich mal mit einem Ersten Offizier, der mir im betrunkenen Zustand erzählte, dass an Bord der Yacht, auf der er arbeitete, ein Picasso hing. Wenn jemand so etwas öffentlich herumerzählt, ist er oder sie ein Sicherheitsrisiko. 

In der Broschüre für Ihren Service sprechen Sie von "Kunst als einem grundlegenden Bestandteil des Luxussektors". Tut es Ihnen als Oxford-studierter Kunsthistorikerin nicht ein wenig weh, Kunst lediglich als ein weiteres Luxusgut neben Immobilien, Autos oder eben Yachten zu behandeln?
Ich arbeite schon so lange in der Kunstwelt. Es handelt sich hier um eine Branche, die Jobs für Leute wie mich bereitstellt: Kunsthistoriker, die außerhalb der akademischen Welt arbeiten. Als ich noch in Oxford war, ging es dort immer nur um kunstgeschichtliche Objekte, niemand wollte über die Preise in der Kunstwelt sprechen. Das hat mir in meiner Ausbildung gefehlt. Die Kunstwelt ist bekanntlich mittlerweile ein wichtiger und großer Markt, der viele Arbeitsplätze schafft und sowohl für unser kulturelles Erbe als auch die Wirtschaft von Bedeutung ist.

Ich bin nach wie vor nicht ganz überzeugt davon, dass Kunst auf Yachten eine besonders schlaue Idee ist. Das ist doch russisches Roulette.
Ich bin gerade aus Vancouver zurückgekehrt, wo ich die Mitarbeiter einer Technologie-Firma in den Themen Kunstwelt und Kunstverständnis geschult habe. Diese Firma stellt 3-D-Repliken von Gemälden her. Um einen auf einer Yacht ruinierten Monet oder van Gogh wäre es wirklich schade. Eine elegante Lösung dafür ist, das Werk scannen und minutiös reproduzieren zu lassen, um es ohne Risiko auf dem Schiff präsentieren zu können, während das Original zum Beispiel im Freihafen lagert.