Graffiti-Kunst für Elon Musk

Die erstickende Umarmung durch den Mainstream

Tesla-Gründer Elon Musk hat angekündigt, seine Gigafactory bei Berlin von Street Artists bemalen zu lassen. Warum muss die im Kern widerständige Graffiti-Kultur eigentlich so oft als Dekoration für Mega-Investments herhalten? 

Elon Musk, schwerreicher Elektroauto-Hersteller mit Raumfahrambitionen, hat schon vor einiger Zeit mal fallen lassen, er werde seine neue Tesla-Fabrik im brandenburgischen Grünheide (liebevoll "Giga Berlin" genannt), von Street Artists bemalen lassen. Man hat das damals als einen Scherz verstanden. Doch jetzt setzte der offizielle Tesla-Twitter Account einen Aufruf ab: Wer helfen wolle, "Giga Berlin" mit "großartiger Grafitti-Kunst zu überziehen“, solle sich per E-Mail melden.

Einerseits freuen wir uns natürlich für die all die Grafitti-Künstlerinnen und Künstler Berlins, die mit der Verschönerung der endlosen grauen Fassaden der Gigafactory hoffentlich das Geschäft ihres Lebens machen werden. Andererseits wirft Musks Grafitti-Begeisterung doch Fragen auf. Wie lange ist es eigentlich her, dass Grafitti eine subversive Ausdrucksform war, Jugendkultur, Dissidenz? Was musste passieren, damit es erste Wahl für die Dekoration des Mega-Investments eines Milliardärs wurde?

Vielleicht ist ja Gunter Sachs schuld, sogenannte deutsche Playboy-Legende, der in den Nullerjahren – er war über 70 – das Sammeln von Grafitti zu seiner neuen Leidenschaft erklärte und nach der Verschönerung seines schicken Apartments am Wörthersee durch Spray-Künstler verkündete, er sei eben der Größte. Aber wahrscheinlich war auch Sachs, Gott hab ihn selig, nur ein Symptom für das unvermeidliche Absinken des Kulturguts Grafitti infolge der erstickenden Umarmung durch den Mainstream - eine Einverleibung, die die Kulturindustrie leider noch jedem im Ansatz widerständigen Phänomen zuteilwerden lässt.

In Berlin gäbe es noch andere Kunst

Nun ist es eben so weit, Punk ist tot, Rentner tragen Motorradlederjacken, und die Street Art ist vom natürlichen Feind der durchkapitalisierten, glatten Oberflächen unserer Städte zum liebsten Tool ihrer Vermarkter geworden. Immer wenn irgendein Marketing-Experte glaubt, man müsse irgendwie cool rüberkommen, fällt ihm was ein? Grafitti. Die miesesten Hotelketten lassen sich großflächig bemalen, und von Paderborn bis Buxtehude glaubt man, mit ein paar Bildern auf Hausmauern Touristen anlocken zu können und sich ein fortschrittliches Image zu geben.

Und jetzt also Musk. Interessanterweise ist die Berliner Gigafactory die erste, die eine künstlerische Verschönerung bekommen soll – die anderen Fertigungsstellen müssen bislang ohne auskommen. Vielleicht sieht Musk die Kunst ja wirklich als hiesigen Standortvorteil: Als sich der Unternehmer 2019 mit seiner Fabrik für das Berliner Umland entschied, begründete er das mit der Überzeugung, dass die deutsche Hauptstadt mit die beste Kunst der Welt habe. Allerdings sollte man ihn vielleicht darüber aufklären, dass es noch andere Kunstrichtungen gibt, die so einen Fabrikbau interessanter werden lassen könnten.

Eine Wandarbeit von Lawrence Weiner zum Beispiel wäre toll, mit in riesigen Lettern geschriebenen Worten, die das Gehirn ein bisschen in Bewegung bringen. Oder eine elegante Abstraktion von Sarah Morris – die ist dann wirklich cool und tut nicht nur so. Wir schreiben ihm mal eine Mail.