Udo Kittelmann feiert Einstand in Berlin: Staatstragend mit Thomas Demand in der Nationalgalerie, spielerisch mit einer neuen Präsentation im Hamburger Bahnhof

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Die Lieblingsfarbe der sogenannten Berliner Republik war zu Beginn der Regierung Schröder ein sattes Silbergrau: Die Macht glänzte metallisch. Doch längst ist dieser Funken Glamour wieder aus der öffentlichen Farbpalette verschwunden, und das Grau der Repräsentation wieder seriös, dunkel und schwer.
Und so trifft der Berliner Fotograf, nein, man sollte wohl besser sagen, Konzeptkünstler Thomas Demand bei seiner großen Retrospektive den Ton der Zeit genau, wenn er das Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie mit grauen Vorhängen verhängt, die entschieden alles Flüchtig-Quecksilberige vermeiden. Die Vorhänge, perfekt auf der Grenze zwischen Opulenz und Sachlichkeit balancierend, bieten die passende Kulisse für die Schau – denn die soll Demands Werk der vergangenen Jahre zu einem politischen und gesellschaftlichen Sittengemälde der Bundesrepublik zuspitzen.


„Nationalgalerie“, so haben Demand und sein Kurator Udo Kittelmann die Ausstellung genannt, und sie meinen das wohl nicht nur kokett. Es ist ein sehr deutscher Herbst, den sie im Jubiläumsjahr von Bundesrepublik und Mauerfall und im Monat der Bundestagswahl inszenieren. Und man muss zugestehen: Thomas Demands Werk gibt das her wie kaum ein anderes in Deutschland. Was in der Literatur immer herbeigesehnt wird, der große Gesellschaftsroman zur Zeit, hier entfaltet er sich mit den Mitteln der Kunst.


Da ist der verwüstete „Raum“ im Führerhauptquartier Wolfsschanze, in dem 1944 eine Bombe detonierte, aber Hitler nicht tötete, da ist das leere „Badezimmer“, in dem Barschel starb, da ist das mit Dokumenten übersäte „Büro“ in der Berliner Stasizentrale nach der Erstürmung durch erzürnte DDR-Bürger: In diesen Werken benutzt Demand bereits in den 90ern seine sehr eigene Methode zur Verarbeitung der Realität. In Papier und Pappe baut er die Settings der Medienbilder nach, eliminiert Menschen, Beschriftungen und Logos und präsentiert so seltsam unspezifische, geradezu unheimliche Modelle einer Realität, die man als aufgeklärter Bilderkonsument sowieso im Verdacht hat, konstruiert zu sein.


Dabei bleibt Demand nicht am politischen Ereignis kleben, sondern erweitert sein Panorama zur zeitgeschichtlichen Gesamtaufnahme: Längst sind auch die berühmte Bushaltestelle, an denen die Jungs von Tokio Hotel ihre Jugend verbrachten, die Klingelleiste eines Berliner Hinterhauses, arche­typische Mietskasernen oder Kopierräume nachgebaut und zum Bild geronnen.


Mit den Jahren und wachsenden Budgets sind die Modelle komplexer geworden: Millionen von grünen Papierblättern ergeben eine „Lichtung“ als kalt analysierte Chiffre der deutschen Romantik, oder, jüngstes in Berlin gezeigtes Werk, zahllose Röhren formieren sich zum Abbild der „Heldenorgel“ in Kufstein.
Was es mit dieser Orgel genau auf sich hat, verrät die Schau, wie immer bei Demand, nicht: Der Betrachter soll das Werk bloß nicht auf das Bilderrätsel reduzieren und bei der Lösung des Falles als erledigt abschreiben. Mit seiner Verrätselungstaktik schützt Demand den Eigenwert seiner Fotografien als offene Kunstwerke. Allerdings: Die Unbestimmtheit als ästhetische Qualität ist in Demands Pappmodellen derart offensichtlich herbeigebastelt, dass die Leichtigkeit dabei leicht verloren geht.


Bei der Berliner Retrospektive schiebt sich nun vor lauter Willen zur zeitgeschichtlichen Relevanz die etwas gezwungene Seriosität des Werkes weiter in den Vordergrund. Der Bedeutungsaufwand, der hier betrieben wird, ist beträchtlich: Mit Texten von Botho Strauß zu jedem Bild und einer Serie von Vorträgen und Diskussionen zu politischen und soziologischen Themen wird die Schau zusätzlich aufgeladen. So richtet sich Demand in der Nationalgalerie sein „Café Deutschland“ mit geradezu staatstragender Geste ein – und man vermisst eine Prise Anarchie.


Die aber hatte Udo Kittelmann mit seinem Logo zur Neupräsentation der Sammlung des Hamburger Bahnhofs schon vorab geliefert. „Die Kunst ist super!“ lautet sein flapsiges Motto, geschrieben in grellen Lettern wie beim Discounter nebenan. Marcel Duchamps „Fahrrad-Rad“, winzig in der riesigen, fast leeren Eingangshalle, macht mit offensivem Understatement den Auftakt für einen Parcours, der den Hamburger Bahnhof in einem gewaltigen kuratorischen Kraftakt in eine Wunderkammer verwandelt.


Kittelmann greift nicht nur frei auf die Bestände der Sammlungen Flick, Marzona und Marx sowie die eigene Sammlung der Nationalgalerie zu, er bedient sich auch im reichhaltigen Fundus anderer Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – und nutzt damit zum ersten Mal die Chancen dieses Museumsverbundes richtig aus.


Am besten funktioniert das im Ostflügel, der Kleihueshalle: Dort bilden unter dem Oberbegriff der „Vanitas“ frühe Gemälde Cy Twomblys mit Abgüssen von Michelangelos dramatischen Skulpturen eines sterbenden und eines gefesselten Sklaven ein berührendes Ensemble, Andy Warhols Marilyn trifft auf eine Kopie der Nofretete, und den Gipfel der Melancholie fügt einer von Matthew Barneys opulenten „Cremaster“-Filmen hinzu.


In ihrer intelligenten Kombination der Epochen und Stile verfolgt die Inszenierung Gedankenstränge, nicht sture Chronologie. Damit schärft sie das Bewusstsein für das Spiel mit den Grenzen von Kunst und Nichtkunst, Realität und Fiktion, das sich durch die gesamte Inszenierung hindurchzieht. Im Obergeschoss zum Beispiel verwirren bizarre Insektenmodelle von Alfred Keller aus dem Berliner Museum für Naturkunde mit ihren skulpturalen Qualitäten, und der Berliner Künstler Gerd Rohling führt den Besucher mit auratisch angeleuchteten „antiken“ Vasen an der Nase herum – beim näheren Hinsehen entpuppt sich die Arbeit als eine Archäologie der Wegwerfmoderne, die Vasen bestehen aus gefundenem Plastik.


Auch der Übergang zur Rieckhalle überrascht nun mit einem Trompe-L’Œil: Robert Ku´smirowski hat hier eine Berliner U-Bahn-Station nachgebaut, mitsamt charakteristischen türkisblauen Kacheln und aktuellen Wahlplakaten. Danach, in den endlosen Raumfolgen der Rieckhalle, zerfasert die Schau merklich: Die roten Fäden lassen sich nicht endlos weiterspinnen.


Den Elan der Macher sollte das jedoch noch nicht bremsen, schließlich hat ihr Experiment einer Neuerfindung des Museums der Gegenwart erst begonnen. In der Eingangshalle steht jedenfalls schon mal Roman Ondáks Modell der Tate Modern – ein selbstbewusster Vergleich. Dass dahinter mehr als typischer Berliner Größenwahn steckt, hat Kittelmann mit seiner „Super“-Show nun bewiesen.

 

 

Neue Nationalgalerie Berlin, bis 17. Januar 2010.

Hamburger Bahnhof, Kleihueshalle,
Rieckhalle, Berlin, bis 14. Februar 2010

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