Rückblick Kunstjahr 2010

Und Kunst fühlte sich plötzlich an wie ein Teil der Lösung

Michael Schmidt Künstler, Berlin
Mich interessierte dieses Jahr die Arbeit „The Plant Kingdoms“ von Charles Jones aus dem vorvorigen Jahrhundert, der im Studio Gemüse fotografierte, und zwar nicht in der Form des Stilllebens als klassisches Sujet der Malerei, sondern eher als flüchtigen Moment einer bemerkenswerten Belanglosigkeit, so wie sie unter den bildenden Künsten nur der Fotografie zu eigen ist.
Zum anderen begleiteten mich über das Jahr die Ausgabe 14 von „Permanent Food“ und die „21.lettres.a.la.photographie@gmx.de“. Beide Publikationen anonymisieren die Fotografie, erstere in Buchform mit klugen Verknüpfungen der menschlichen Absurditäten und Abgründe, die zweite in Briefform. Mittlerweile flattert ein Brief nach dem anderen in den Kasten, und der bislang letzte gefällt mir besonders. Ein Blatt, auf der Vorder- und Rückseite je eine Fotografie, dazu ein Streifen unbelichtetes Fotopapier, das sich langsam tonal verändert. So geht’s auch.


Ben Lewis Kritiker, London
Christian Marclays „The Clock“ ist das beste Kunstwerk, das 2010 in Großbritannien gezeigt wurde und das beste seit dem Beginn des neuen Jahrtausends überhaupt. Dieser 24-Stunden-Film besteht komplett aus Kinoszenen: Zu sehen ist jeweils eine Uhr, die genau dieselbe Zeit anzeigt, die in der wirklichen Welt gerade ist, während man zuschaut. Diese Transformation von Filmzeit in Realzeit ist eine radikale Geste, die einen Film in eine Maschine transformiert, das Kino in eine Uhr.




Holger Liebs Monopol-Chefredakteur
Ein großer Romantiker, Bricoleur und Philosoph; einer, der Kartoffeln auf einen Gong abfeuert wie bei einem Pink-Floyd-Konzert und daraus dann Wodka herstellt; ein gifted amateur: Rodney Graham im Juni in zwei Basler Museen.


Doug Aitken Künstler, Los Angeles:
"Was der Höhepunkt des Kunstjahres für mich war? - Das Leben!"


Jenny Schlenzka
Kuratorin, New York
Ich habe mich das ganze Jahr lang immer wieder an die Begegnung mit dem über 70-jährigen Steve Paxton erinnert, der mit seiner Mitbegründung des Judson Dance Theater in den 60er-Jahren und der Entwicklung der contact improvisation die Tanz­­kunst verändert hat. Als ich ihn fragte, wer oder was ihn am meisten beeinflusst habe, sagte er: „Das Leben“. Am selben Abend sehe ich sein Solo „The Beast“: minimale, zuckende, einsame Bewegungen. Nichts ist dem Leben näher als der Tod.


Elke Buhr Stellv. Chefredakteurin Monopol
Die Holzkonstruktion war klar und schön: Drei flache Pavillons, verbunden durch eine Brücke. Modernistische Formen, einfache Einrichtung, durch die großen Fenster blickte man auf diese unsortierte Mischung von Gras, Unkraut und Sträuchern, die einem Ruhrgebietskind Heimat bedeutet wie anderen Leuten ein ordentliches Stück Wald. „Warten auf den Fluss“ hieß die Installation, die die niederländische Künstler- und Architektengruppe Observatorium bei der Emscherkunst.2010-Schau in die Landschaft gebaut hatte.
Die Brückenkonstruktion stand genau an der Stelle, an der eines Tages, wenn die Emscher renaturiert sein wird, der Fluss sich schlängeln soll. Man konnte dort übernachten oder auch nur einen Moment ausruhen, nachdenken. Man befand sich exakt dort, wo die Industriegesellschaft endet und von etwas anderem abgelöst wird, das kleinteiliger ist, hoffentlich intelligenter und humaner. Und Kunst fühlte sich plötzlich an wie ein Teil der möglichen Lösung.


Matthew Collings Kritiker, London
Das geradezu überirdische Kunstereignis des Jahres war für mich eine Ausstellung von Paul Cézannes „Kartenspielern“ (samt einiger Skizzen) im Londoner Courtauld Institute of Art (noch bis 16. Januar). Sie sagte nichts über das Kartenspielen aus. Es gab auch sonst keine spezielle Bedeutung, über die man hätte sprechen können. Einige der Gesichter hatten nicht einmal Augen. Alle Bilder sahen gleich aus. Ich nehme an, dass es in dieser Arbeit um Komposition geht. Was für all jene, die keine Künstler sind, oder genauer: die keine bestimmte Sorte Künstler sind, eine ziemlich langweilige Botschaft ist. Aber es war eine mächtige und hoffnungsvolle Erfahrung.


Jens Hinrichsen Monopol-Redakteur

Wer Westerland kennt, muss nicht nach Monaco. Der Champagner ist teurer, das Fürstinnenstandbild rangiert formal unter der dicken Sylter Bronze-„Wilhelmine“, und auf eine Jacht hat uns im Spätsommer auch keiner eingeladen. Aber wenn Thomas Demand ruft, kommt man eben doch. Angesichts seiner Kuratorentat „La carte d’après nature“ in der Villa Paloma verflog mancher Zweifel über den Stellenwert des Surrealen in der Gegenwartskunst. Zeitgenössisches von Becky Beasley, Tacita Dean, Martin Boyce oder Demand selbst sowie das Gezwitscher aus Henrik Håkanssons Plattenspieler harmonierten wunderbar mit älteren Werken von Léon Gimpel (!), Luigi Ghirri oder René Magritte, dem eigentlichen Spiritus Rector der Schau. Und auch Monte Carlo mischte sich ein, die Kapitale der Künstlichkeit. Demand hat uns auf den Geschmack gebracht. Wir kommen wieder.




Ingar Dragset
Künstler, Berlin

In der Goebenstraße in Berlin-Schöneberg gibt es einen kleinen Kunstraum, der vorübergehend „Sandy Brown“ hieß. Im Mai 2010 lief dort die Ausstellung „.gif“ (wie das komprimierte Bitmap-Image-Format) des – diesmal wirklich – jungen britischen Künstlers Tim Davies. Hinter dem Glasfenster einer mit Samt ausgeschlagenen Vitrine balancierte ein gewöhnlicher Wellington-Gummistiefel elegant auf einem golden gestreiften Seidenkissen. Der erste Duke von Wellington, der seinerzeit diesen Stiefel populär machte, war natürlich ein imperialistischer Kriegsheld, aber in Tim Davies’ Darstellung seines Vermächtnisses wurde er zu einem .gif, kämpfend mit Arbeiterklasse-Haltungen und einem queeren Blick auf die Geschichte. Als ich rausging, bemerkte ich ein anderes, älteres Werk von Tim Davies: Er hatte die Gläser seiner eigenen Brille in die Frontscheibe der Galerie eingesetzt. Es war definitiv nicht meine Dioptrienzahl, aber ich möchte mehr von der Welt durch Davis’ Augen sehen. 


Marina Abramović Künstlerin, New York
„Für mich war die Ausstellung des Jahres Paolo Canevaris ‚Nobody knows‘ im Centro Pecci in Prato, kuratiert von Germano Celant.


Silke Hohmann Monopol-Redakteurin
Du liegst auf dem Rücken und siehst nichts, doch irgendetwas sagt dir, dass du dich in einiger Höhe frei in einem riesigen Raum befindest. Die Dimension des Raumes ist wegen der Dunkelheit nicht zu ermessen, aber hören kann man sie irgendwie, und sie ist immens. Es riecht nach Holz, nach Spänen, ein bisschen auch nach Tier. Und du bist nicht allein. Denn du hörst ein Knurpsen und Knistern, da ist Bewegung und Rascheln, und manchmal erklingt ein horniges „Klok“. Du weißt nicht, ob du noch wach bist. Später glaubst du, dass du nur geträumt hast. Doch dann erinnerst du dich plötzlich ganz genau, wie überraschend weich sich Rentiere zwischen den Ohren anfühlen.


Carsten Fock Künstler, Berlin
Vor, zurück, zur Seite – ran: Unlängst habe ich mir Pierre Soulages im Martin-Gropius-Bau angeschaut. Im Eingangsbereich gibt es wundervolle Arbeiten auf Papier, mit Walnussbeize gemalt. Diese sind in einem abgedunkelten, farbigen Raum in Vitrinen präsentiert. Sehr lange her, dass ich mich so zeitintensiv künstlerischen Arbeiten gewidmet habe und diese mich berührten. Und davor: Tilo Schulz zeigte bei Steinle Contemporary eine seltsam anmutende Installation in untypischen Materialien, spannungsreich verknüpft mit Seilen. Filz? 2010? Eine wirkliche Überraschung für mich.


Kerstin Brätsch und Adele Röder (DAS INSTITUT)
Künstlerinnen, New York
Ein Glanzpunkt des Jahres war die Entdeckung des Videos „World Trade Centre“, 2001, von L. Somi Roy in der von Nick Mauss fantastisch kuratierten Ausstellung Bloodflames III bei Alex Zachary, New York: ein Zusammenschnitt der gleichnamigen Aufführung der Theatergruppe Sana Leibak Nachom Artistes aus Manipur, die drei Monate nach dem 11. September 2001 stattfand. Das Stück von Drama zu politischem Traktat, von Tragödie zu Komödie und von Lied- und Tanzeinlagen zu Kampfszenen.


Daniel Völzke Monopol-Redakteur
Als eigentlich alles schon gesagt war, da war das letzte Wort noch nicht gesprochen. Es lautete: „FischGrätenMelkStand“. John Bocks Schau mit dem der Intensivtierhaltung entliehenen Titel beschloss den zweijährigen Betrieb der beinah totdiskutierten Berliner Temporären Kunsthalle, deren Programm ohnehin gegen Ende immer besser wurde. Bock hat alles noch einmal getoppt und in den Container auf dem Schlossplatz eine Gruppenschau gestopft, die nicht nur das Projekt Kunsthalle würdig verabschiedete, sondern auch ein dickes Ausrufezeichen hinter die hauptstädtische Kunstproduktion der Nuller-Jahre setzte. Und diese Ausstellungsarchitektur! Höhlen, Brücken, Krähennester, gestapelt und verkeilt ineinander. Bockylicious!  


Nicola Trezzi Kritiker, Mailand/New York

Mein Kunstmoment 2010 waren die Studiobesuche bei dem Künstler Joshua Neustein, der seit den späten 60er-Jahren aktiv ist und mit allen gearbeitet hat, die zählen, von Yvon Lambert über Mary Boone bis zu Arthur C. Danto. Das ganze Jahr über habe ich Joshua in seinem Loft in SoHo besucht und mit ihm über seine Arbeit, über Philosophie, Kino und Leben diskutiert. Ich fühlte mich wie Luke Skywalker, der den weisen Jedi-Ritter Yoda trifft: Möge die Macht (der Kunst) mit dir sein!


Sebastian Frenzel Monopol-Redakteur
Art Dubai im März. Als die Gattin des Scheichs eintrifft, müssen sämtliche Besucher das Messegebäude verlassen. Später kommt der Herrscher höchstselbst, da darf man in den Hallen verweilen. Er trägt weißes Tuch und Sandalen, genau wie die vielen jungen Männer, die ihn wie ein Bienenschwarm umgeben. Man erkenne das Oberhaupt nur an Kleinigkeiten wie der Armbanduhr, heißt es. Würdevoll ist dieser Auftritt, kein Vergleich zu Stars auf der Art Basel. Bei der Rückreise in Doha, dem Flughafenkreuz für Thailandurlauber, viel sonnenverbrannte Haut und Motzerei, weil der Billigflieger nach Berlin-Schönefeld Verspätung hat. Kurzer Gedanke an Tschadorpflicht, für Frauen und Männer.