Fotoserie zu Vera Rüttimann

Meine Straße, mein Kiez, mein Wunderland

Rüttimann
Foto: Vera Rüttimann

Als Vera Rüttimann 1989 in Berlin ankam, war das Stadtbild ein ganz anderes. Überall lag Schutt, Häuser waren beschädigt; es roch nach Ruß und Abgasen

Seit 30 Jahren streift die Schweizerin Vera Rüttimann mit der Kamera durch die Kastanienallee in Berlin. Dort ist heute nichts mehr so, wie es einmal war

1989 kommt Vera Rüttimann mit Sack und Pack in Berlin an. Aus der Schweiz ist sie angereist. Alles ist fremd, aber vor allem das Stadtbild: demolierte Hausfassaden, heruntergekommene Dächer, Schutthaufen am Straßenrand. Alles assoziiert die junge Schweizerin mit dem Zweiten Weltkrieg. Der Geruch von Kohle und Trabbi-Abgas steigt ihr in die Nase. Aber in der Luft hängt auch das Versprechen eines Neuanfangs – für die damals 21-Jährige und ein geeintes Deutschland.

In Prenzlauer Berg findet die Fotografin ihr neues Zuhause, in der Zionskirche sowas wie einen Ruhepol. Schon vorher hatte Vera Rüttimann Briefwechsel mit der Glaubensgemeinschaft in der DDR. Deshalb wurde ihr auch der Grenzübergang verweigert. Dabei stand die Zionskirche immer schon für Gerechtigkeit und Frieden: Seit 1986 wurden im Keller des Pfarrers Hans Simon die "Umweltblätter" produziert. Die oppositionelle Gruppe "Friedens- und Umweltkreis in der Zionsgemeinde" verbreitete mit der Zeitschrift den kirchlichen Widerstand gegen das DDR-Regime.

Ausgangspunkt der friedlichen Revolution

Seit 30 Jahren besucht Vera Rüttimann diesen Ausgangspunkt der friedlichen Revolution. Auf dem Weg zu ihrer Gemeinde geht sie regelmäßig durch die Kastanienallee. Die Kamera war von Anfang an dabei. 1000 Fotografien sind es heute in ihrem Archiv. Die Bilder sind mal schwarz-weiß, mal in Farbe. Die Qualität der Aufnahmen lässt die Technik und Zeit, aus der sie stammen, erahnen. Immer zeigen sie das Leben in dem bunten Kiez.

Es sind liebevolle Blicke auf einzelne, ausschnitthafte Momente, einzigartige Perspektiven und verspielte Spiegelungen auf den Analogfilmen. Es schwingt viel Persönlichkeit mit. Nicht nur, weil es ein Stück Nostalgie versprüht und dieses gewisse Flair Berlins festhält, sondern auch, weil ein Teil zu  Veranstaltungen entstanden ist, die die Fotografin selbst miterlebt hat. Zum Beispiel drückt sich auf einem Foto ein roter Ballon durch ein Fenster – Kunstaktion und gleichzeitig ein Abschiedsgruß der Hausbewohner in Kastanienallee 15 vor der Totalsanierung.

Hipsterleben im Sonnenschein

In den 30 Jahren hat sich viel verändert in der Kastanienallee. Cafés, Clubs und Läden haben geschlossen; neue Geschäfte und Bars aufgemacht; einige wenige haben sich gehalten – zum Beispiel das Cafe "Morgenrot" von einem linken Kollektiv, der politische Buchladen "Zur schwankenden Weltkugel" und das "Lichtblick-Kino". Die Kastanienallee ist heute von Boutiquen, Restaurants und Cafes besiedelt. Im Sonnenschein erstrahlt das Hipster-Leben in der begrünten und bunten Straße. Diese unterschiedlichen Phasen der Straße halten die Schnappschüsse der Schweizerin fest.

Der Prenzlauer Berg ist Vera Rüttimanns Kiez, ihr kleines Wunderland. Die Schweizer Fotojournalistin liebt die Kastanienallee, kennt die Leute dort gut. Die Verbundenheit wird auf den Fotografien deutlich. Sie sind Zeitdokumente und verbildlichen den Wandel Berlins. Die 30 Jahre seit dem Mauerfall entsprechen den 30 Jahren von Vera Rüttimanns Berlinaufenthalt. Ihre aktuelle Ausstellung findet passender Weise in der Zionskirche statt, als Teil des Projekts "Grenzfälle 1989_2019".