Fotograf Walter Schels

Ein Meister des Porträts

Der Fotograf Walter Schels macht seit mehr als 50 Jahren eindringliche Schwarz-Weiß-Porträts von Prominenten wie Andy Warhol oder dem Dalai Lama, aber auch von Tieren, die er wie gleichwürdige Gegenüber porträtiert. Sein aktuelles Thema ist ein Langzeitprojekt: Er begleitet den Prozess der Geschlechtsumwandlung transidenter Jugendlicher

Künstler, Tiere, Politiker oder Neugeborene: die Dargestellten schauen einem selbstbewusst entgegen. En face, mit direktem Blick in die Kamera. Beim Betrachten der Fotografien entdeckt man Gesichtslandschaften in Schwarz-Weiß, mit harten Kontrasten und starker Körnung. "Immer bin ich auf der Suche nach dem selbstvergessenen, möglichst mimikfreien Originalgesicht", erklärt der Fotograf Walter Schels in einem Interview. Er löst die Figur aus ihrem sozialen Kontext und konzentriert sich ganz auf ihre Mimik und Körperhaltung. Eine  Ausstellung im Hessischischen Landesmuseum Darmstadt nimmt Schels' Gesichterstudien jetzt in den Fokus.

Walter Schels wird 1936 als jüngstes von sechs Geschwistern in Landshut geboren. Er macht eine Ausbildung zum Schaufensterdekorateur, die anschließend als Ticket dient, um aus Deutschland wegzuziehen. In den 1950er- und -60er Jahren arbeitet er in Barcelona, Kanada und Genf, bevor er sich 1966 in New York niederlässt, um Fotograf zu werden. Er assistiert Fotografen, bald folgen erste eigene Aufträge. In den 1970er-Jahren kehrt er zurück nach Deutschland, eröffnet in München ein eigenes Studio und entdeckt bald seine Leidenschaft für das Porträt.

Der Schlüsselmoment: Schels' Zeit bei der Zeitschrift "Eltern". Dort begleitete er als Fotograf Reportagen über Geburten und sammelte prägende Erfahrungen: "Zum ersten Mal sah ich das Gesicht eines neugeborenen Menschen. Doch nicht ein geschichtsloses Wesen schaute mich da an, sondern ein Gesicht mit Vergangenheit, wissend, uralt." 

Auf der Suche nach Authentizität

Bei der Vielzahl an Gesichtern, mit denen wir medial tagtäglich konfrontiert sind, wirkt es entschleunigend, die Augen über die Fotografien von Walter Schels schweifen zu lassen. Man schenkt Details und Gesichtsausdrücken die volle Aufmerksamkeit. Die ständige Suche nach Momenten, in denen das Gegenüber sich nicht verstellt, ist gegenwärtig in den Porträts. Einen Namen machte Schels sich mit Charakterstudien bekannter Persönlichkeiten aus Politik und Kultur. Er holte sich die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Kamera, den Dalai Lama und weitere prominente Personen wie Helmut Schmidt oder Leonard Bernstein. Er fotografierte auch ihre Handinnenflächen, die neben dem Gesicht für Schels die ausdrucksvollste Partie des Körpers sind. Das Resultat ist eine Porträtserie, die von ungewöhnlicher Direktheit zeugt und Menschen, die so oft unnahbar scheinen, auf eine Augenhöhe mit dem Betrachter holt.

Seit vielen Jahren porträtiert Walter Schels auch Tiere, die er im Stil einer klassischen Studiofotografie vor einfarbigem Hintergrund aufnimmt. In Frontalansichten entsteht auch hier eine direkte Korrespondenz zwischen Betrachter und Porträtierten. Selbst ein Schaf, dessen Blick einem direkt begegnet, wird durch die klare Bildsprache zu einer charismatischen Persönlichkeit. Anders als Menschen haben Tiere keine Scheu davor, ihre Empfindungen zu zeigen. "Vielleicht glauben wir deshalb zuweilen, im Ausdruck eines Tieres einen sorgfältig verborgenen Part unseres eigenen Innenlebens zu entdecken." 

In einer seiner berühmtesten Fotoserien treffen Joseph Beuys und Andy Warhol aufeinander  zwei Vertreter derselben künstlerischen Ära, deren Selbstdarstellung aber nicht unterschiedlicher sein könnte. Warhol bewahrt seine Haltung, sein Blick wirkt verschlossen. Er verliert seine eigene Kontrolle nicht, es baut sich eine Distanz zwischen Betrachter und Dargestelltem auf. Distanz fällt bei den Porträts von Beuys weg. Der deutsche Künstler wirkt direkt und unmittelbar. 

Prozess der Geschlechtsumwandlung transidenter Jugendlicher

Oft arbeitet Schels in Serien und Langzeitstudien. Seit 2013 fotografiert er transidente Jugendliche und begleitet ihre Entwicklung vom Zeitpunkt der ersten Hormonbehandlung bis zur abgeschlossenen Geschlechtsangleichung. Auf diese Weise dokumentiert er mit seiner Kamera den Prozess, eins mit sich zu werden, und stellt Fragen nach dem Wesen des Menschen, nach Identität und Bewusstsein. Auch diese sensible Porträtserie folgt Schels' klassischer Bildsprache: keine dramatische Lichtführung, schwarzer Hintergrund, neutraler Gesichtsausdruck und direkter Blick in die Kamera. Es sind unaufgeregte Aufnahmen, die Transformation von weiblich zu männlich und umgekehrt vollzieht sich in den Bildern subtil. Die Entwicklung spiegelt sich in Details, von einem plötzlich leicht angehobenen Mundwinkel zu Unterschieden in der Haltung. 

Die Ausstellung "Walter Schels. Fotografien" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt nimmt sich dem vielseitigen Werk des Fotografen an und präsentiert ab dem 8. September vier seiner bekanntesten Foto-Serien: die Tierporträts, die Porträtserien zu Joseph Beuys und Andy Warhol, die Serie "trans*" und Schels’ Blumenstudien, die der Schönheit des Verblühens nachgeht.