Kryptokunst

Was sind NFTs – und warum spricht gerade die ganze Kunstwelt davon?

Nyan Cat
Courtesy Foundation

Vor zehn Jahren hat Chris Torres die "Nyan Cat" ins Netz gestellt, vor ein paar Tagen hat er das Meme für knapp 600.000 Dollar als NFT verkauft

NFTs, Blockchain, Ether. C’est quoi? Die Zukunft des Kunstmarkts, wenn es nach den Visionär:innen geht. Der nächste Hype, der viel zu hohe Preise für viel zu schlechte Kunst produziert, wenn es nach den Skeptiker:innen geht

Das Thema geht seit ein paar Tagen in der Kunstwelt durch die Decke, weil Christie’s erstmals ein digitales Kunstwerk versteigert, das noch dazu in Ether, einer Kryptowährung, bezahlt werden kann. Und: Den Namen des Künstlers, dessen Werk “Everydays: The First 5.000 Days“ da ab 25. Februar versteigert wird, hat bisher in der Kunstwelt sicherlich noch niemand gehört.

Seit 13 Jahren veröffentlicht der Amerikaner Mike Winkelmann alias Beeple jeden Tag eine Arbeit, keinen einzigen Tag hat er ausgelassen. Auf Instagram hat er 1,8 Millionen Follower:innen, eine Galerie hat er nicht. Louis Vuitton hat seine Kunst auf Klamotten gedruckt und Justin Bieber hat sie auf Konzerten gezeigt. Er ist Grafikdesigner und dad. Und irgendwie war Kunst für ihn bisher offenbar etwas, das er gemacht hat, weil er sich das nun einmal vorgenommen hat. Auf seiner Website steht: "er macht eine vielzahl von künstlerischem scheiß in einer vielzahl von medien. einiges davon ist ok, aber vieles davon ist irgendwie scheiße. er arbeitet daran, dass es jeden tag weniger scheiße ist, also habt geduld mit ihm ... :)"

Im Dezember vergangenes Jahr hat er dann einen Auktionsrekord auf Nifty Gateway, einem Marketplace für digitale Kunst erzielt, als 20 seiner Werke für 3,5 Millionen Dollar verkauft wurden. Ja, und jetzt hört man plötzlich von Expert:innen, dass seine Collage bestehend aus seinen 5.000 Everydays bei Christie’s für mindestens 50 Millionen Dollar weggehen wird, und das sei noch niedrig geschätzt.

Warum der Hype?

“‘Beeple Mania’: How Mike Winkelmann Makes Millions Selling Pixels", titelte der "Esquire" vor ein paar Tagen. Zur Beeple-Mania kommt jetzt noch der Katzenwahnsinn dazu. "Why an Animated Flying Cat With a Pop-Tart Body Sold for Almost $600.000", titelte die "New York Times" am Montag. Eigentlich alles wie immer auf dem Kunstmarkt. Kunst wird zu einem irre hohen Preis verkauft und die Medien überschlagen sich. Nur ist dieses Mal nicht alles wie immer, weil auf einmal digitale Kunst verkauft wird, für die es bisher nicht wirklich einen Markt gab. Und die geht jetzt auch noch weg wie heiße Semmeln auf den Marketplaces, von denen bisher in der Kunstwelt kaum jemand Kenntnis genommen hat. Die heißen Nifty Gateway, SuperRare, Foundation, MakersPlace, Rarible, Zora, KnownOrigin, um nur einige zu nennen.

Das alles sorgt für einen wahnsinnigen Gesprächsbedarf. Warum der Hype? Warum kauft überhaupt jemand digitale Kunst? Was macht man damit? Was haben NFTs mit all dem zu tun? Und was sind eigentlich NFTs? Das Bedürfnis nach Aufklärung und Austausch wird aktuell auf Clubhouse, dem audio-basierten sozialen Netzwerk, ausgelebt. Während ich diesen Text schreibe, wird in der App wie seit Wochen 24/7 diskutiert und erklärt, warum NFTs die Zukunft sind. Ich sitze im Raum mit dem Titel “NFTs and the Future of the Art“ und höre nebenbei immer mal wieder rein. Ständig ist von Disruption und Demokratisierung die Rede, von Open Collections und Crypto Wallets, von ETH und Bitcoin, von Nifty und SuperRare, von Drops und Token.

Wer sich auskennt, schnappt hin und wieder mal einen neuen Gedanken oder eine neue Information auf. Wer nicht weiß, was NFTs sind, verlässt recht schnell frustriert und irritiert die Räume. Da erzählen Künstler:innen, dass sie in fünf Minuten digitale Kunst für 1,4 Millionen Dollar verkauft haben. Oder für sonst eine Summe, die man sich nicht erklären kann, wenn man mit der Drop Culture der Marketplaces nicht vertraut ist.

Was sind NFTs? 

NFTs sind digitales Zeug, das einem tatsächlich gehört. Diese simple Erklärung von WhaleShark habe ich tatsächlich auf Clubhouse aufgeschnappt. WhaleShark, seinen richtigen Namen kennen nur wenige Leute, sagt er immer, hat schon 2012 Bitcoin gekauft, irgendwann ist er dann über Nacht auf Ether umgestiegen und besitzt heute mit 220.000 NFTs eine der größten Sammlungen. Jetzt wird es kurz kompliziert. NFT ist die Abkürzung für Non-Fungible Tokens, auf Deutsch: nicht austauschbare Token. Wenn man ein NFT kauft, kauft man einen Token und ein Objekt, das damit verknüpft ist. Digitale Kunst, Sammelkarten, Musik und virtuelles Land beispielsweise. Das NFT ist auf der Blockchain gespeichert, es ist einzigartig, authentifiziert und fälschungssicher. Kurz: Ein NFT dient als Echtheitsnachweis für jede digitale Datei.

Bisher hatte digitale Kunst nicht den selben Wert wie etwa Malerei oder Skulptur, weil sie einfach geteilt und kopiert werden konnte. Und wie man am Beispiel von Beeple sieht, der jeden Tag eine Arbeit auf Instagram veröffentlicht, kann man sich die Kunst sowieso jederzeit im Netz ansehen und auf dem eigenen Rechner speichern. Endlich also können Künstler:innen ihre Memes und Gifs, Animationen und Renderings verkaufen.

Vor zehn Jahren hat Chris Torres die Nyan Cat ins Netz gestellt, das Video hat auf YouTube 1,8 Millionen Views. Vor ein paar Tagen hat er die rennende Katze mit dem Teiggebäck als Körper für knapp 600.000 Dollar auf Foundation verkauft. 


Der Kommentar in der "New York Times" dazu und zum NFT-Run: "Die Käufer erwerben in der Regel nicht die Urheberrechte, Markenzeichen oder gar das alleinige Eigentum an dem, was sie kaufen. Sie kaufen die Angeberrechte und das Wissen, dass ihre Kopie die 'authentische' ist." Wenn jemand also ein Gemälde kauft und dann sagt: "Hallo, das ist meins, das ist ein Original und keine Kopie!" – ist es in Ordnung? Wenn das aber jemand mit einem Meme macht, das eine Ikone in der Geschichte der Netzkunst beziehungsweise der Internetkultur ist, geht das gar nicht und ist schlichtweg Angeberei? Warum diese Verständnislosigkeit, wenn es um digitale Kunst geht?

Eine gute und berechtigte Frage derweil ist: Was macht man mit digitaler Kunst? Wie zeigt man seine Sammlung? Wie könnte der Käufer die Collage von Beeple, ein Werk, das aus 5.000 einzelnen Bildern besteht, in seiner Wohnung installieren? Beeple ist offen für Diskussionen mit dem zukünftigen Besitzer, sagte er im Talk auf Clubhouse, den ich gemeinsam mit dem Journalisten und Kurator Jesse Damian gehostet habe. Er könne sich einen Print vorstellen, eine Installation an der Fassade eines Museums, eine Präsentation auf einem Screen und und und. Das ist auch die gängigste Lösung. Sammler:innen von digitaler Kunst zeigen die Arbeiten auf einem Screen.

Wo kauft man digitale Kunst?

Die Verständnislosigkeit und die Irritationen, die präzisen Fragen und die offenen Antworten sind wohl der beste Beweis dafür, dass da gerade etwas in Bewegung ist. Besonders hochpreisige Kunst kaufte man bisher in einer Galerie, auf einer Messe oder in einem Auktionshaus, im besten Fall, nachdem man das Werk im Original gesehen hat.

Man denke nur daran, wie wortgewaltig Online Viewing Rooms von Galerien und Messen zerlegt werden, als unausgegoren, als Schritt in die falsche Richtung, als minderwertiger Ersatz für Messen, die während der Pandemie nicht stattfinden können. Und plötzlich kaufen Menschen anonym Kunst auf Marketplaces, die keinen Bezug zum Kunstbetrieb haben, ja, die in den meisten Fällen nicht einmal den Anspruch haben, das klassische Kunstpublikum zu bedienen.

Ganz im Gegenteil sogar, die größten und populärsten Marketplaces, die mit den Auktionsrekorden, über die man jetzt ständig und immer mehr liest, setzen auf die Follower:innen der Digitalkünstler:innen und New Media Artists. Wenn man sich beispielsweise durch die Drops auf Nifty Gateway klickt, wird schnell klar, dass die Künstler:innen hier offenbar nach Follower:innenzahlen ausgewählt werden. Man kann sich auch einfach die Postings auf Instagram von Nifty Gateway zu den Drops anschauen: @__baeige__ 59k, @reisingerandres 98,7k, @justinmaller 137k, @blakekathyrin 79,9k, @mad.dog.jones 254k, @superplatstic 1,2M, @chadknight 217k, @fvckrender 332k ...


Die Follower:innen werden zu Sammler:innen, die Kunst wird gedroppt wie Sneaker und Hoodies, es gibt Unikate und Open Collections. Meist droppen die Künstler:innen Unikate und Open Collections, so kommen die hohen Verkaufssummen zustande. Open Collection bedeutet, dass innerhalb eines bestimmten Zeitfensters, fünf Minuten, sieben Minuten, neun Minuten, die Kunst gekauft werden kann, die Anzahl der Verkäufe ist dann die Größe der Edition. Der Preis pro Open Collection liegt meist zwischen 550 und 990 Dollar. Da werden dann schon mal über 100 Arbeiten pro Edition für 990 Dollar verkauft. Und das summiert sich.

Auf Nifty Gateway, der von den Zwillingen Duncan und Griffin Cock Foster (Namenswitze wurden btw schon alle gemacht) gegründeten Plattform, gibt es jeden Tag Drops, die per Newsletter angekündigt werden. Da heißt es dann: "TONIGHT’S drop goes live in 15 minutes!" 

Vor einigen Tagen ist der Server während eines Drops gecrasht, weil der Zulauf so groß war. Natürlich kann man das als ausgeklügelte Marketingstrategie abtun, den Qualitätsverlust beklagen und sagen, das ist doch alles keine Kunst. Und was macht da eigentlich Christie’s mit dem Beeple-NFT? Sollen etwa die Leute, die mit Bitcoin und Ether unfassbar reich wurden, so richtig auf die Kunst kommen und bei Christie’s shoppen?

Kenny Schachter, der "Artnet"-Kolumnist, Sammler, Galerist, Kurator und Künstler, sagt in Interviews und auf Clubhouse immer wieder über digitale Kunst auf den Marketplaces, das seien alles nur Screensaver, Gifs und Video Game Stills. "Like something on the back of a van", sagte er im Interview mit "The Art Newspaper". Ne, wie etwas aus dem Internet, das jetzt im Internet verkauft wird. Und das Internet ist nun einmal voller Memes und Gifs, Animationen und Renderings, die sich auf den Kontext beziehen, in dem sie entstehen.

Auf Clubhouse wird es so erklärt von Künstler:innen und Expert:innen wie Lady Pheonix: "Bad art is what people collect and enjoy." Und: "Memes are going to take over", sagte Chris Torres, der mit der Nyan Cat. Und wenn man mit der Internetkultur nicht vertraut ist, noch nie von CryptoPunks und CryptoKitties gehört hat, kommt einem das alles vielleicht so unsinnig vor wie Bad Painting oder Abstrakte Kunst. Beeple nennt sich übrigens selbst einen "political cartoonist". Wenn sich eine Fliege auf den Kopf von Mike Pence setzt, ist kurz darauf sein Kommentar auf Instagram.


Den Follower:innen derweil geht es um Teilhabe und Support wie Fans im Fußballstadion. Meist folgen sie den Künstler:innen schon seit Jahren, endlich können sie eine Arbeit besitzen und das für kleines Geld. Und das ist es vielleicht auch, was hier so neu und ungewohnt für Sammler:innen ist. Auf dem Kunstmarkt geht es um Beziehungen. Wer eine Arbeit kaufen will, die heiß ist, muss oft über langjährige Kontakte verfügen, es gibt Wartelisten, die Käufer:innen werden ausgewählt. Auf den Marketplaces kann jede:r Kunst kaufen und auf dem Secondary Market wieder verkaufen. Und das ist es, was es für Künstler:innen so attraktiv macht. Endlich verdienen sie an den Weiterverkäufen ihrer Kunst mit und das jedes Mal. Endlich hat virale Kunst einen Wert, der sich nicht mehr nur in Likes und Views bemerkbar macht.

Die Marketplaces derweil sind alles in einem, Galerie, Auktionshaus und Ausstellungsraum. Man kann sich zwar bei den großen Marketplaces bewerben, die aber wählen wie eine Galerie aus, mit wem sie arbeiten. Sind Nifty Gateway und SuperRare der neue Gagosian und der neue Zwirner? In Räumen auf Clubhouse fragen Künstler:innen immer wieder, wie komme ich da rein? Kann mich jemand empfehlen? Hat jemand einen Kontakt? Die Antwort ist dann: Fang auf den kleineren Marketplaces wie Rarible an, die offen für jeden sind. Wenn du gut bist, werden die größeren Marketplaces auf dich aufmerksam und kontaktieren dich. Sprich: Wer gut verkauft, steigt auf. Das könnte einem bekannt vorkommen.

Wie lange hält der Hype? Wann platzt die Blase? Was passiert, wenn die Cryptowährungen einbrechen? Das fragen sich natürlich alle. Die Auktion bei Christie’s wird den Hype erst einmal befeuern. Wie reagieren Galerien? Was machen Künstler:innen, die nicht im Digitalen zu Hause sind? Fangen Museen an, NFTs zu sammeln? Reagiert der klassische Kunstbetrieb vielleicht nicht, weil die Qualität digitaler Kunst nicht gesehen wird? We’ll see.