Marianne Wex in Berlin

Wie stehen Sie denn da?

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Eigentlich wollte sie nur Studien für ihre figurative Malerei machen, als sie 1972 zur Kamera griff und Passanten fotografierte, erzählt die 77jährige Dame bei der Eröffnung der Austellung "Re-Discovery II" im Berliner Projektraum Autocenter. Doch dann fiel ihr auf, wie unterschiedlich Männer und Frauen stehen, sitzen, laufen – und das Projekt bekam seine Eigendynamik. In jahrelanger Arbeit machte Marianne Wex um die 5000 Fotografien von Männern und Frauen, ergänzte dieses Material durch Medienbilder sowie durch historische Darstellungen aus der Antike und dem Mittelalter. Das Ergebnis war frappierend: Während noch im Mittelalter Frauen und Männer in ähnlichen Haltungen sitzen und stehen – breitbeinig und in sich ruhend – ist die weibliche Haltung in der Moderne immer möglichst defensiv: Beine zusammen, übereinander geschlagen, Arme angelegt, am besten der Körper noch ein bisschen verdreht. Männer dagegen dürfen sich breitbeinig ausbreiten, die Ellenbogen ausfahren. Und sie dürfen erwachsen werden: Ihre Gesichter haben deutlich sichtbare Linien und Charakter, während das ideale Frauengesicht glatt ist wie das eines Kindes.

Das Buch, in dem Marianne Wex 1979 ihre Bilduntersuchungen auf zahlreichen Tafeln veröffentlichte, fiel kürzlich der Bremer Kuratorin Janneke de Vries in die Hände – die beschloss, das vergessene Werk mit Arbeiten einer jüngeren Generation zu konfrontieren. Dass das Thema sich durchaus nicht erledigt hat, sieht man zum Beispiel an dem "Gruppenbild mit Dame" von Nina Hoffmann: Die Berliner Künstlerin ließ acht männliche Freunde ein Gruppenbild von Hollywood-Starlets aus den 1950er Jahren nachstellen. Der Effekt ist immer noch verwirrend, die Geschlechterstereotype wirken noch. Außerdem hält Hoffmann den männerdominierten Medien den Spiegel vor: In Magazinen wie Brand Eins, Electronic Beats und auch Monopol markierte sie die vorkommenden Männer mit blau, die Frauen mit rot – der Titel der Arbeit verrät das Ergebnis: "Planet Earth Is Blue And There Is Nothing I Can Do".

Tut sich also gar nichts in den Geschlechterverhältnissen? In manchen Bereichen vielleicht doch, wenn heutzutage nicht nur Popsternchen mit Abrissbirnen Sex haben, sondern auch Durchschnittsmänner im Fitnessstudio an der Striptease-Stange turnen: Darauf spielt Shannon Bools originelle Skuptur "Broken Pole" als Kreuzung aus Striptease-Stange und Barnett Newmans "Broken Obelisk" an. Und auch Jeremy Shaws bekannter Film "Seven Minutes" passt hier noch einmal hinein, in dem sich der Slow-Motion-Tanz zweier Frauen auf einer Tanzfläche beim genaueren Hinschauen als wüste Prügelei entpuppt.

Bei der Eröffnung gab Wex noch einige Tipps für Experimente: Wenn man sich als Frau in der U-Bahn breitbeinig hinsetzt, rücken normalerweise die anwesenden Männer ihre Füße um noch ein paar Zentimeter auseinander. Umgekehrt nehmen Frauen normalerweise die Füße zusammen, sobald ein Mann hereinkommt, und sei er auch noch so höflich. Die sehr modernen und sehr selbstbewussten Frauen, die dabei um die Hamburger Künstlerin herum standen, balancierten übrigens zu einem nicht geringen Teil prekär mit Standbein und Spielbein, was gelegentlich noch durch High Heels kompliziert wurde. So kann einem eine vierzig Jahre alte Untersuchung immer noch die Augen darüber öffnen, wie man eigentlich dasteht und was das für das eigene Leben bedeutet.

"Re-Discovery II: Marianne Wex with Shannon Bool, Nina Hoffmann, Matt Keegan, Julika Rudelius, Jeremy Shaw ", Autocenter, Berlin, bis 18. Oktober 2014

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