Abwehr des Krypto-Hypes

Wohin mit dem NFT-Hass?

Still aus einer Animation von Kenny Schachter
Still aus einer Animation von Kenny Schachter

Dank der Blockchaintechnologie NFT wird digitale Kunst in letzter Zeit zu Höchstpreisen verkauft. Die etablierte Kunstwelt reagiert mit starker Abwehr auf die Sensationsmeldungen rund um den jüngsten Krypto-Hype. Woher kommt der Hass?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Aufregung um NFTs ist groß, sehr groß. Überall erhitzte Gemüter. Krypto-Sammler:innen sind irritiert, dass die Kunstwelt nicht amazed ist von dem, was aktuell zum Teil astronomische Preise erzielt und als Kunst gehandelt wird. Beeple, Grimes, Trevor Jones, Fewocious. Die Kunstwelt kritisiert scharf, was auf dem NFT Marketplace Nifty Gateway unter Kunst läuft. Und die Medien versuchen hinterherzukommen, was schier unmöglich ist, weil ständig irgendwer eine Meinung hat, NFT-Expert:innen gibt es nämlich mittlerweile so viele wie Corona-Expert:innen. Gefühlt minütlich kündigt ein Promi einen NFT-Drop an. Eminem, Paris Hilton, The Weeknd, Jerry Saltz, Scooter etc. Ja, und jetzt hat sich auch noch Hito Steyerl aufgeregt.

Aber aufregen kann man sich ja sowieso den ganzen Tag über irgendwas: das Wetter, den Chef, den Verkehr, Corona-Leugner:innen, Politiker:innen, Pinky Gloves und schlechte Tage. Jetzt kommen eben noch NFTs hinzu. Wer es noch nicht mitbekommen hat, you never know: NFTs sind Echtheitsnachweise für digitale Dateien und machen daraus Originale, die jemand besitzen kann. Dateien wie Bilder können zwar immer noch kopiert, geteilt und heruntergeladen werden, aber die Datei gehört jetzt jemandem. Von einem Gemälde wie der Mona Lisa gibt es ja auch Drucke und Kopien, Kühlschrankmagneten und Kaffeetassen, deshalb ist das Original trotzdem nicht weniger wert. 

Wohin mit dem NFT-Hass? Einfach mal raus damit, hat sich Hito Steyerl gedacht. Nachzulesen ist der Wutanfall in der aktuellen Monopol. Steyerl selbst sagt, sie sei belustigt. Ok. Sie redet da über eine "Blase für Doofe", über "Casino-Wahnsinn" und "iditotische Unikaktpropaganda", über ahnungslose Käufer und verzweifelte Galeristen. Eine Art Technologiezauber werde an Leichtgläubige verkauft, es werde eine Kunstwelt aus dem Geiste des Kryptokapitalismus imaginiert und das Angebot auf den NFT-Plattformen erinnere sie an das Autoquartett aus Kindertagen und an eine glorifizierte Schlumpfsammlung.

Die Schlümpfe kommen nochmal vor: Klimazerstörende Wetten auf digitale Schlumpfsammlungen würden subventioniert werden. Was da mit den Schlümpfen auch los sein mag, I don’t know. Ach ja, Kunst, klar, ne, keine Kunst. "Die gesamte Kryptokunstwelt ist ein Replikat der hässlichsten Teile der Kunstwelt, abzüglich der Kunst", sagt Steyerl. Und in virtuellen Welten wie Decentraland und Cryptovoxels würde es nur Standard-3D-Architekturen für Shoppingmals geben, das alles seien hochgepimpte Webshops, Teleshoppingkanäle und kurzfristige Werbeaktionen.

In dieser neuen Kunstwelt fehle fast alles, fast alle Künstler, Kunstarbeiter, die gesamte Kunstkritik. Einen guten Rat derweil hat sie parat, durchatmen, es wird kurz konstruktiv: Die Kunstwelt solle sich nicht so "knalldackelig" – das Wort gefällt mir, zugegeben, ich hatte zuerst "knalldeckelig" gelesen – ans Techkapital anbiedern. Ok. Zum Fremdschämen sei das. Ok. NFTs, das könne eh "jeder Depp in 20 Minuten".

Steyerl ist natürlich nicht allein mit ihrer Meinung, ganz im Gegenteil. Ich meine jetzt nicht die Geschichte mit den zwanzig Minuten bis zum NFT-Profi-Minter, sondern das maximal harte Urteil. Und ja natürlich muss man ihr Recht geben, der Hype nervt, wie jeder Hype nervt. Also, was ist so nervenaufreibend am Hype um NFTs, wenn doch ein Problem gelöst worden zu sein scheint? 

Die Technologie

Was soll denn das? Was ist das mit dieser neuen Technologie? Das wird immer wieder gefragt. Wenn etwas Neues so harsch verurteilt und hilflos auseinandergenommen wird wie jetzt NFTs, muss ich immer an Katrin Passigs Essay "Neue Technologien, alte Reflexe" denken. Der Titel sagt eigentlich schon alles. Dem Neuen wird immer wieder mit der gleichen Skepsis begegnet, weil da Ungewissheit und Unsicherheit sind. Kein Bock auf Veränderung, zu anstrengend.

Passig listet in ihrem Essay die Reaktionen in den Medien und im Privatleben auf technische Neuerungen der vergangenen Jahrzehnte, das Schema ist immer gleich: Wozu soll das denn gut sein? Wer will denn so was? Nur seltsame Gestalten oder privilegierte Minderheiten wollen das Neue. Vielleicht geht es wieder weg. Dadurch ändert sich gar nichts. Das Neue ist nicht gut genug. Schwächere können damit nicht umgehen. Schlechte Manieren. Schädlicher Einfluss auf das Denken, Schreiben und Lesen. Fünf bis fünfzehn Jahre, so Passig, dauert es, bis eine Neuerung die vorhersehbare Kritik hinter sich bringt.

Und ja, die Reaktionen folgen auch in diesem Fall dem bekannten Schema: Wozu bitte sind denn NFTs gut? Wer will denn bitte NFTs haben? Nur seltsame Gestalten (Krypto-Nerds und Spekulanten) wollen das Neue. "Es ist schon bemerkenswert, dass die Käufer dieser Kryptokunstwerke bis jetzt alles nur 'Krypto-Miner' sind. Ich habe noch keinen Kunstsammler gesehen, der Dollars in Kryptowährungen getauscht hätte, um dann für mehrere Millionen NFT zu kaufen", sagt Max Hollein, der Direktor des Metropolitan Museum in New York, im Interview mit der "NZZ".

Vielleicht geht es wieder weg, spätestens, wenn der Hype vorbei ist, denkt man sich. Die Medien werden nicht müde, das Ende des Hypes herbeizuschreiben, sobald die Verkaufszahlen etwas rückläufig sind, wie auch Kenny Schachter in seiner "Artnet"-Kolumne feststellt: "Die Presse stellt fast genüsslich fest, dass der Himmel über dem allgegenwärtigen NFT-Markt einstürzt und stellt einen Rückgang der Durchschnittspreise von rund 4.000 Dollar Mitte Februar auf jetzt 1.500 Dollar fest." 

NFTs gehen aber so wenig wieder weg wie das Internet, weil NFTs ein Problem lösen. Dadurch ändert sich gar nichts, es gibt ja Verträge auf Papier, Papier ist eh zuverlässiger als irgendwas mit Technologie, und Dateien kann man ja auch auf USB-Sticks packen und verkaufen. Das Neue ist nicht gut genug, in diesem Fall die Kunst, die nicht einmal als Kunst anerkannt wird. Schwächere können damit nicht umgehen. Gut, immerhin sagt Hito Steyerl, dass die Sache mit den NFTs so leicht zu handhaben ist wie Onlineüberweisungen. Schlechte Manieren. Schädlicher Einfluss. Wer NFTs verkauft oder kauft, nimmt keine Rücksicht auf die Umwelt, so der Vorwurf. Dazu aber später mehr.

Die Unterinformiertheit aktuell ist erschreckend. Ständig wird gesagt, Himmel, ist das schlechte Kunst. Oder: Kunst, nope, Kunst ist das doch nicht. Wenn man dann nachfragt, wo sich die Retter:innen der guten Kunst umgeschaut haben, ja, wenn überhaupt irgendwo, dann auf Nifty Gateway. Wenn man nicht gleich vor der Beeple-Collage stehen geblieben ist und schnell in die andere Richtung gerannt ist. Zurück zur Malerei und Skulptur, da hat man wenigstens etwas Handfestes, das einem so vertraut ist wie die eigenen vier Wände im Lockdown.

Jerry Saltz, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Kunstkritiker, und das muss man ihm hoch anrechnen, war zunächst hart kritisch, hat sich dann aber intensiv auf den NFT Plattformen umgeschaut, das Gespräch in den sozialen Medien mit der Krypto-Community gesucht und seine Meinung revidiert. "Im Moment ist das nur der Markt, und der ist so dumm, dass nur verkauft wird, was andere Leute im Markt schon gekauft haben. Ein Hund, der seine eigene Scheiße frisst – Koprophagie. Es macht absolut Sinn, dass die Kannibalen bei Sotheby’s und Christie’s sich darum reißen, die Trottel zu bescheißen. Sie werden alle nur noch mehr zu dem, was sie schon waren – Anti-Kunst", wütete er in den sozialen Medien. Ein bisschen Recherche später dann: "Ich habe eine Menge Künstler:innen gesehen, die starke NFT-Kunst machen. NFT ist ein Werkzeug, ein Material, ein Medium. Es wird einen Francis Bacon oder David Hockney der NFTs geben. Es gibt schon starke NFT Kunst." Wie gesagt, man muss sich nur umschauen.

Das Fazit von Passig lautet übrigens: "Wenn man sich dabei ertappt, beim Befürworten oder Ablehnen einer Innovation eins dieser schlichten Argumente zu verwenden, ist das bereits ein ganz gutes Anzeichen dafür, dass das Argument nicht beim Verständnis helfen wird."

Die Umwelt

Unfassbar viele Argumente derweil haben all diejenigen, die auf den Energieverbrauch von NFTs hinweisen. Völlig zurecht. "NFTs sind Klimakiller", lautet der Titel der Monopol-Kolumne von Ji-Hun Kim. Er hat die Recherche-Ergebnisse des Künstlers Memo Akten zusammengefasst, die in den letzten Wochen gefühlt überall in den klassischen und den sozialen Medien geteilt worden sind. Für einen NFT-Verkauf auf der Ethereum-Blockchain kommt Akten auf 340 Kilowattstunden, sprich auf einen CO2-Ausstoß in Höhe von 136 Kilogramm. Die Website CryptoArt.wtf, auf der man sich anschauen konnte, wie viel Energie ein NFT-Drop verbraucht, ist nicht mehr online. Akten schreibt, er habe die Website aus dem Netz genommen, weil die Information missbraucht worden seien.


Was da in den sozialen Medien los war, ist, gelinde gesagt, sehr unangenehm gewesen. "NFTs sind schlecht für die Umwelt, Bro", ist noch mit das Freundlichste, was man zum Thema Umweltverschmutzung zu hören bekommt. Eigentlich müsste man antworten: Das Leben ist schlecht für die Umwelt. Aber so einfach kann man es sich natürlich nicht machen. Und so fair muss man sein, so einfach macht es sich auch niemand. Für die Ethereum-Blockchain wird unter Hochdruck an einer Lösung gearbeitet, die den Stromverbrauch in Zukunft senken wird, wenn von Proof-of-Work auf Proof-of-Stake umgestellt werden wird. Es gibt Blockchains, die bereits stromsparend sind wie Flow und Tezos. Aber fair geht es in den sozialen Medien sehr selten zu. Jetzt werden Künstler:innen niedergemacht und bedroht, ganz so, als wären NFTs das einzige Umweltproblem, das es gibt.

Niemand redet mehr darüber, wie viel sonst zu Messen, Biennalen und Ausstellungseröffnungen geflogen wird und wie viel Kunst ständig von Kontinent zu Kontinent transportiert wird. Die Kritiker:innen sehen sich moralisch auf der richtigen Seite und verlangen von den Künstler:innen, dass sie sich auf ihre Seite stellen und das mit den NFTs doch bitteschön sein lassen. Dabei ist schon viel geholfen, wenn statt Open Collections Unikate verkauft werden, denn dann entfällt das hundert- und tausendfache Minten. Aber da wird gar kein Unterschied gemacht. Denn endlich ist ein Argument gegen NFTs gefunden, das doch wohl jedem einleuchten muss.

Die Kunst

Die Sache mit der Kunst ist da schon etwas komplexer. Denn es muss nun wirklich nicht jedem einleuchten, wenn jemandem NFT XY nicht gefällt. Kunst ist bekanntlich Geschmackssache. Google mal schnell "NFT bad art", habe ich mir gedacht, da es unmöglich war, alle Texte für diese Kolumne sinnvoll abzulegen, in denen es um NFTs und den Niedergang der Kunst geht. Google weiß Bescheid, der beste Text zum Thema NFTs und schlechte Kunst kommt tatsächlich – wie bei so vielen Themen – von Dean Kissick für "Spike". "Mit den NFTs haben wir einen weiteren Sprung gemacht von der Kunst, die einfach zu posten ist, zur Kunst, die schlicht der Post ist", schreibt er. Und weiter: "Dies ist ein Zeitalter großer Geschwindigkeit und des Wettbewerbs. Wir sind alle auf der Suche nach mehr Popularität, nach neuen Wegen, um einen Vorteil zu finden; und doch scheint all dieser Wettbewerb nur zu Fadheit und Mittelmäßigkeit zu führen, anstatt zu Durchbrüchen." 

Alles richtig. Kunst, die gemacht ist, um als NFT auf einem der Marketplaces verkauft zu werden, denkt die Logik der Plattformen, soziale Medien und Algorithmen immer mit. Kissick findet Beeple ziemlich langweilig und einfallslos, er halte der Gesellschaft lediglich einen Spiegel vor. "Ohne Einsicht und Kritik, aber mit einem beunruhigenden Gespür für die zeitgenössische Groteske hält Beeple unserer Sci-Fi-Gegenwart den Spiegel vor, in der die Stars der Nachrichten- und Unterhaltungskultur eine messianische Qualität angenommen haben, in der Politiker, Richter und Comicfiguren wie Heilige verehrt werden." Beeples "Everydays" wollen nicht mehr sein als ein Kommentar zum Tagesgeschehen, wenn denn etwas passiert, das sich lohnt, kommentiert zu werden. Wie die Fliege, die in aller Seelenruhe auf dem Kopf von Mike Pence herumspaziert. Wer haut die beste Punchline raus, wenn mal wieder Aufregung im Netz ist? Die einen twittern, die anderen machen Memes, Beeple macht ein Bild. Das kann man natürlich langweilig finden, nur sollte man vielleicht den Kontext mitdenken, für den Kunst gemacht wird, wenn man sie schon zerlegt.

Irgendwie erinnert das alles sowieso an die Anfänge des Influencer Marketings, allerdings ging es da um ein bisschen weniger Geld. Als klar war, dass sich gut Geld verdienen lässt, wenn man hunderttausende Follower:innen auf Instagram hat und Detox-Tee, Socken oder Handtaschen bewirbt, wollten plötzlich Teenager:innen wie Kim Kardashian sein und auch was mit Detox-Tee machen. Das alles war dann doch nicht so einfach, weil Kim Kardashian schon eine Brand war. Und Beeple gibt es auch nicht erst seit fünf Minuten, aber jetzt denken nicht wenige, sie könnten in fünf Minuten so erfolgreich sein wie Beeple.

Etablierte Künstler:innen derweil halten sich noch zurück wie damals, als Instagram neu war und Selfies und Foodies in der Kritik standen wie jetzt Screensaver und Gifs. Neue Plattformen bringen neue Protagonist:innen hervor, die ein neues Publikum ansprechen. Es ist ein bisschen wie mit Genres in der Musik. Wer auf Spotify über Cloud Rap stolpert und sich wundert, dass nicht alle Musik wie klassische Musik klingt, I don’t know. Und überhaupt, es gibt zahlreiche NFT Marketplaces, die ein so unterschiedliches Programm haben wie Galerien oder – ein vielleicht besserer Vergleich – wie Messen. Ich erinnere mich an die Paris Photo und die Photo London, wie viele Arbeiten findet man da wirklich gut? Fünf? Zehn? In wie viele Galerien beispielsweise in Berlin geht man regelmäßig mit der Erwartungshaltung, dass jede Ausstellung und jede Arbeit das Beste ist, was man je gesehen hat? Warum sollte das jetzt bei digitaler Kunst auf den NFT Marketplaces anders sein?

Ja, warum überhaupt erwartet man von NFTs und den Marketplaces, dass alles besser und anders und innovativer ist als in der traditionellen Kunstwelt? Die neue Technologie revolutioniert den Kunstmarkt und sorgt dafür, dass digitale Kunst endlich gehandelt werden kann wie Malerei und Skulptur. Dass sie alle Probleme der Kunstwelt löst, ist dann vielleicht doch etwas viel verlangt, denn das ist die Aufgabe der Protagonist:innen. Und die halten sich bisher fast alle noch zurück, wie Hito Steyerl richtig bemerkt. Und wer etwas versucht, ist laut der Skeptiker:innen knalldackelig und verzweifelt. Das nennt man dann wohl einen Teufelskreis. In fünf bis 15 Jahren wissen wir mehr.