Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980

Duschhauben und Wurstporträts

Wer sind die Fotografinnen und Fotografen der vergessenen Fotoszene der 1980er-Jahre? Eine Ausstellung in Hamburg schaut auf eine Symbiose von Kunst und Subkultur zurück

Ist eine Porträtreihe von Würsten Kunst? Oder eine Gruppe von Menschen mit Badekappen, die über Wasser die Luft anhalten? Der Beginn der 1980er-Jahre stellte für die Fotografie einen Wendepunkt dar. Zunehmend wurde sie in Galerien gezeigt und erhielt langsam den Status der künstlerischen Praxis. Magazine wurden gegründet, die sich sowohl mit Fotokunst als auch mit wissenschaftlichen Theorien zur Fotografie beschäftigten.

Zu diesen theoretisch-künstlerischen Szene-Medien zählt die zwischen 1977 und 1985 publizierte "Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst", die vom deutschen Fotografen Wolfgang Schulz herausgegeben wurde. Hans-Christian Adam, Verena von Gagern, André Gelpke und Reinhard Matz gehörten zu den fotografischen Positionen, die ihre Portfolios in der Zeitschrift gezeigt haben. Ihre Arbeiten aus den 1980er-Jahren offenbaren eine künstlerische Vielfalt in der Fotografie, die zwischen Poetik und Politik changierte. Eine Ausstellung in Hamburg widmet sich nun diesem fast vergessenen Kapitel der deutschen Fotogeschichte.

Karikatur über und unter Wasser

Der Fotograf Hans-Christian Adams wurde 1948 geboren und begleite Wolfgang Schulz als Fotohistoriker. Seine "fotografische Anthologie der menschlichen Gestalt im wässrigen Milieu" mit dem Titel "Die Schwimmer" zeigt unter anderem eine Gruppe von vier Frauen und zwei Männern im Teenager-Alter, die im Schwimmbad die Praktik des Luftanhaltens über dem Wasser nachzuahmen scheinen.

Ihre verkniffenen Augen und gepressten Lippen wirken grotesk, zumal sie auf der um 180 Grad gedrehten Fotografie nicht unter Wasser getaucht sind, sondern darüber schweben. Die verrutschten Duschhauben verstärken diesen Eindruck abermals. Als "Anthologie menschlicher Gestalt" entwickelt sich das 1985 geschossene "Unterwasser-Gruppenportrait" zu einer karikaturesken Studie von Gesichtsausdrücken, die dem Auge normalerweise vorenthalten bleiben – denn unter dem Wasser ist es mir egal, wie ich aussehe.

Leidenschaftliche Sachlichkeit

Die Begriffe der "poetischen Dokumentation" und "leidenschaftlichen Sachlichkeit" wählte die 1946 geborene Verena von Gagern, um ihre fotografischen Arbeiten zu beschreiben, die sich zudem oft um ihre eigene Familie drehten."Barbara" aus dem Jahr 1978 ist das Porträt eines jungen Mädchens, das sich, aus der Autotür gelehnt, in dem Seitenfenster widerspiegelt. Ihr Blick zielt jedoch direkt ins Objektiv der Kamera, fixiert den Betrachtenden mit einem zugleich neugierigen und liebevollen Blick. Die Reflektion im Autofenster offenbart jedoch einen fragenden, fast zweifelnden Gesichtsausdruck, der das Bild in eine undurchschaubare Doppeldeutigkeit hüllt.

Der 1952 geborene Fotograf Reinhard Matz hat im Jahr 1981 eine Serie zum Thema "Wurst" zusammengetragen, die der konzeptuellen Fotografie zugeordnet werden könnte. "Blutwurst" zeigt eine in Plastik eingeschweißte Wurst, die auf einem gerasterten Papier positioniert wurde. Unter ihr wurde nachträglich die Aufschrift "Blutwurst" hinzugefügt. Die Ikonen-artige Darstellung des bei den deutschen Bürgern und Bürgerinnen beliebten Nahrungsmittels wirkt wie eine ironische Anspielung auf das Genre der Porträtfotografie.

Beschwörung von subversiven Geistern

Die kürzlich eröffnete Ausstellung "Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980. Fotografie neu ordnen" im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg versucht den subversiven Geist in der Fotografie der damaligen Zeit heraufzubeschwören und zeigt die vielfältigen fotografischen Arbeiten der Protagonisten und Protagonistinnen der deutschen Fotokunstszene, die im Umkreis der Zeitschrift "Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst" agierten.