"The Story of Emoji"

Zwinker, Herzchen, Freudenträne

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Gavin Lucas erforscht die Geschichte der Emojis

In der Kunstgeschichte liegt manch ein Ursprung ganz im Dunkeln: Bis heute wird zum Beispiel gerätselt, wer für "Mona Lisa" Modell saß. Ein Hoch auf das digitale Zeitalter. Wir wissen genau, dass das Emoticon am 19. September 1982 in die Welt kam: Scott Fahlman, ein Informatikprofessor aus Pittsburgh, schrieb damals in einem Bulletin Board den folgenschweren Satz: "Ich schlage folgende Zeichenfolge vor, um Witze zu markieren: :-)."

Bunt und schrill wie sein Thema ist er, der Band "The Story of Emoji" des Londoner Autors Gavin Lucas (gemeinsam mit dem Grafikdesigner FL@33). Aber auch verdammt informativ. Denn die Zeichensprache, die aus Kurznachrichten heraus einen weltweiten Siegeszug antrat, hat eine Geschichte. Den Smiley, einen gelben Kreis mit Augen und Mund, erfand bereits 1963 der Illustrator Harvey Ball, in den 90ern programmierte der Japaner Shigetaka Kurita erste Emojis für eine Telefonfirma, das Smartphone machte sie bald allgegenwärtig. Das Tränen lachende Smiley, die betenden Hände, die drei Affen oder der Haufen Kot mit Augen, sie alle sind seither in die Popkultur eingegangen. Bunte Bildzeichen vermitteln die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen – ohne Worte.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts haben Magazine mit Emoticons aus Punkt, Strich und Bogen gespielt, und eine gewisse Tiefe bekommt der Band, wenn der Autor über Typografie und Bildsprache philosophiert und ein Emoticon schon in britischer Lyrik des 17. Jahrhunderts entdeckt haben will. Das Thema hätte durchaus noch mehr solcher historischer Referenzen vertragen können: Der deutsche Leser denke etwa an den "Sachsenspiegel", den Rechtskodex von 1230, der durch das Bild genauso viel spricht wie durch den Text. Wenn es um die Aussteuer einer Frau geht, hängen im Bild Kleider an einer Stange.

Offensichtlich strebt unser Zeitalter zurück zu einer solchen illustrierenden Sprache. Das zeigen die zahlreichen, oft erstaunlichen Emoji- Experimente, die den Hauptteil der "Story of Emoji" ausmachen. Den gesamten Film "The Big Lebowski" hat da jemand in den Symbolen nacherzählt, eine Internetgemeinschaft den Roman "Moby Dick" in Emojis übertragen – als "Emoji Dick".

Man kann die Bildsprache der lachenden und albernen Symbole heute schon wieder historisch lesen, als Popkunst auf ihrem Höhepunkt, von dem aus es nur noch abwärts gehen wird. Dafür sprechen nicht nur manche Kuriositäten (eine Aubergine soll das international gültige digitale Phallussymbol sein?), sondern auch, wie sehr die Mainstream kultur die Emojis vereinnahmt hat: Das Grafikdesignstudio Mirko Borsche gestaltete dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einen ganzen Jahresbericht in Emojis. Ikea erfand einige Symbole für Werbezwecke, Sony bereitet einen Emoji-Film vor. "The Story of Emoji" ist auch der Blick auf eine Kunst, die sich gerade zu Tode siegt. Ein höchst amüsanter allerdings.

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