Kunstmarkt

10 überraschende Erkenntnisse aus der neuen Galerienstudie

Menschen sitzen am Abend vor einer Berliner Galerie
Foto: dpa

Menschen sitzen am Abend vor einer Berliner Galerie

Diese Woche wurde eine Studie zur wirtschaftlichen Situation deutscher Galerien veröffentlicht. Sie hält nicht nur wegen Corona einige überraschende Erkenntnisse zum hiesigen Kunstmarkt bereit

2020 ist ein Jahr für Statistiker*innen. Während sich normalerweise alles gemächlich nach dem Gesetz der großen Zahlen vor sich hin entwickelt, sorgt der Corona-Ausbruch für so manche krasse Scheitelwerte in den Diagrammen. Das gilt auch für eine neuen Galerienstudie, die das Berliner Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) unter Leitung von Hergen Wöbken jetzt im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler veröffentlichte. Dieser Bericht bezieht sich eigentlich auf die Geschäftsergebnisse des Jahres 2019, beleuchtet aber auch das laufende Corona-Jahr.

Doch auch ohne Pandemie hält der Report einige Überraschungen bereit. Das liegt vor allem daran, dass die letzte Erhebung sieben Jahre zurückliegt und sich seither einiges getan hat. Die Zahlen der aktuellen Studie sind Ergebnis einer Umfrage, für die 450 kommerzielle Galerien per Mail angefragt und an der schließlich 237 Galerien in Deutschland teilgenommen haben.

1. Öffnungen und Schließungen halten sich die Waage

Berichtet wird in den Medien meist nur über die Schließung von Galerien, aber kaum über Gründungen. Das liegt daran, dass die Galerien, die aufgeben, natürlich bereits bekannt sind, diejenigen, die starten, hingegen noch nicht. Deshalb ist es erfreulich, dass es laut Studie in Deutschland immer noch etwa 700 Galerien mit Gewinnerzielungs-Absicht gibt - so viele wie 2012 auch.

2. Galerien erzielen deutlich mehr Umsatz

Punkt 1 hängt möglicherweise mit Punkt 2 zusammen: Der Umsatz der deutschen Galerien hat sich in der Zeit von 2012 bis 2019 fast verdoppelt und betrug zuletzt 890 Millionen Euro. Während vor acht Jahren noch für Staunen sorgte, dass deutsche Galerien lediglich die Hälfte von dem umsetzen, was die Gagosian Gallery ganz allein einfährt, dürften die Deutschen jetzt immerhin mit der Mega-Galerie gleichgezogen haben. Oder hat sich deren Umsatz inzwischen auch verdoppelt?

3. Berlin ist weiterhin die deutsche Kunsthauptstadt

Nach dem Ende der Kunstmesse Art Berlin und dem angekündigten und vollzogenen Abgang von Sammler*innen wurde die Kunststadt Berlin in den Krisenmodus geschrieben. Was den Kunstmarkt betrifft, stimmt das so nicht: 40 Prozent des deutschen Umsatzes werden immer noch in der deutschen Hauptstadt gemacht, allerdings kaum mit Käufer*innen aus der Stadt (12 Prozent), sondern mit zumeist internationalen Kundinnen und Kunden. Berliner Galerien stellen ungefähr die Hälfte der rund 3000 deutschen Arbeitsplätze in diesem Sektor. Die an der Umfrage teilnehmenden Berliner Galerien waren übrigens im Durchschnitt 18 Jahre alt. Die Kunstwelt der Stadt ist erwachsen geworden.

4. Galerist*innen sind keine verhinderten Künstler*innen

Ein Klischee, dass Galerist*innen genauso wie Kritiker*innen gescheiterte Künstler*innen sind, stimmt so nicht. Die meisten haben dann doch einfach Kunstgeschichte studiert, gefolgt von BWL. Nur knapp zehn Prozent sind tatsächlich auf eine Kunsthochschule gegangen.  

5. Ein bisschen Sekundärmarkt nebenher ist ok

War der Sekundärmarkt noch vor einigen Jahren bei Galerien für Gegenwartskunst eher verpönt, sind diese mittlerweile im Kunsthandel aktiv, also im An- und Verkauf und in der Vermittlung von Verkäufen, die vielleicht gar nichts mit dem im eigenen Programm vertretenen Künstler*innen zu tun haben. Von den für die Studie befragten Inhaber*innen machten fast die Hälfte auch Sekundärgeschäfte. Ganze 67 Prozent sind nebenher auch Kunstberater.

6. Online bleibt eher unwichtig

Nach den wichtigsten Aspekten für den Erfolg ihrer Arbeit gefragt, stufen Galerist*innen Kunstmarktportale und "Online Viewing Rooms" als eher unwichtig ein – trotz des Wegfalls der meisten Messen 2020. Dennoch entwickelt sich das Geschäft übers Internet: Während 2012 Online-Verkäufe so gut wie keine Rolle gespielt haben, wurden im 2010 immerhin 15 Prozent vom Umsatz online erzielt.

7. Das Galerienprogramm bleibt männlich geprägt

Während die deutschen Galerien in etwa zu gleichen Teilen von Männern und von Frauen geführt werden, sind von den 14.000 vertretenen Künstler*innen nur 35 Prozent weiblich. Das sind zwar zehn Prozent mehr als vor sieben Jahren, aber trotzdem ist es schockierend, wie wenig Geschlechtergerechtigkeit im Kunstmarkt angekommen ist - obwohl sie im Betrieb so viel diskutiert und in Kunstwerken so häufig thematisiert wird. 

8. Die Ungleichheit in dieser Branche ist eklatant 

Die großen Internationalen Mega-Galerien wie Gagosian, Zwirner, Hauser & Wirth oder Pace operieren nicht in Deutschland, weshalb der Umsatz-Unterschied zwischen den einzelnen Galerien überschaubar sein sollte. Weit gefehlt:  Nur knapp fünf Prozent der deutschen Galerien erzielen die Hälfte von deren gesamtem Jahresumsatz. Nur 17 Prozent gehören zu "Top-Galerien" mit einem Umsatz von über 1,5 Millionen Euro im Jahr. Dagegen stehen rund 60 Prozent der deutschen Galerien mit einem Jahresumsatz unter 400.000 Euro. Sie erzielen zusammengenommen nur knapp sieben Prozent vom gesamten Jahresumsatz deutscher Galerien.

9. Malerei dominiert noch immer

Wie oft wurde sie totgesagt, aber Malerei ist für Galerien weiterhin immens wichtig. Sie wird von 97 Prozent der Galerien verkauft und bringt 67 Prozent des Umsatzes. Malerei hat geringe Produktionskosten, ist gut lager- und transportierbar – und ist für viele offenbar weiterhin der Inbegriff von Kunst.

10. Corona-Maßnahmen haben auch gute Seiten

Die negativen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind für Galerien deutlich zu spüren. So sind 2020 bislang zehn Prozent der Arbeitsplätze verloren gegangen. Doch hat die Krise auch positive Effekte: Brechen Messen und andere Veranstaltungen weg, entfallen auch viele Kosten und Risiken, Galerien arbeiten an ihren Digitalisierung und an politischen Lobbyzielen. "Galerien sind dabei, sich neu aufzustellen und schlagkräftiger zu werden, für sich und auch im Verbund mit anderen", heißt es am Ende der Studie. "Neben den großen Problemen durch die Pandemie wurden auch Entwicklungen angestoßen, die vielleicht in der Luft lagen und nun einen letzten Schwung bekommen haben. Eine der bleibenden Entdeckungen könnte sein, dass Austausch und Zusammenarbeit unter den Galerien ein Gewinn für alle ist."