Streaming-Tipps

8 Kunst-Filme, die jetzt lohnen

"Driving the Human", Opening Festival
Foto: Courtesy ZKM Karlsruhe/ Hochschule für Gestaltung Karlsruhe

"Driving the Human", Opening Festival

In Zeiten des Lockdown versuchen sich die Museen als digitale Heimkinos. Außerdem: Eine Koi-Meditation, eine fantastische Anime-Reise und die Hommage an eine juristische Superheldin

 

"Nachts im Museum" mit Hito Steyerl

Ausstellung geschlossen? Dann eben online. Hito Steyerl hat ihre Ausstellung "I will survive“ im Düsseldorfer K21 in ein Livestreaming-Format verwandelt. Die erste Folge mit Mark Waschke und der neuen Arbeit "Dancing Mania“ ist bereits auf e-flux nachzuschauen. Am Samstag, 21. November ab 20 Uhr läuft bereits die zweite Folge ihres "Visual Podcast“, diesmal steht im Zentrum ein Streaming ihres Films "Mission Accomplished: Belanciege“. 

Die Videoinstallation basiert auf einer Lecture Performance, die Hito Steyerl, Giorgi Gago Gagoshidze und Miloš Trakilović im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) hielten. Diese Performance wurde später in eine Videoinstallation integriert, die sich mit den Bedingungen der kapitalistischen Produktion, Konsumkultur und  Mechanismen der Kunstvermarktung ausgehend von der Luxusmarke Balenciaga beschäftigt. Das nun als Stream gezeigte Videokunstwerk verknüpft Konsumkritik mit der Analyse von Algorithmen à la Cambridge Analytica in der Kunstvermarktung und dem Privatisierungs-Trend in den Ostblockstaaten.

Hito Steyerl, “Mission Accomplished: Belanciege”e-flux am Samstag, 21. November

Giorgi Gago Gagoshidze, Hito Steyerl und Miloš Trakilović, "Mission Accomplished: Belanciege, 2019, 3 channel HD video
Foto: Courtesy the artists, Andrew Kreps Gallery, New York, Esther Schipper, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn, 2020, Film still © The Artists

Giorgi Gago Gagoshidze, Hito Steyerl und Miloš Trakilović, "Mission Accomplished: Belanciege, 2019, 3 channel HD video

 

Einfach schwimmen mit Louise Lawler

Erschöpft von der Arbeit, Pandemie, Politik oder einfach von der Außenwelt? Wer sich nur Zuhause einkuscheln und abschalten will, kann dies wunderbar mit einer Videoarbeit der Künstlerin Lousie Lawler tun. Sie zeigt unterschiedliche, in den letzten 40 Jahren aufgenommene Filmschnipsel von Koi-Karpfen, die in einem Becken schwimmen und, ja - thats it! Die beruhigend anmutigen Bewegungen der Karpfen sind Teil einer Außeninstallation an der Galerie Metro Pictures in New York, anlässlich des 40. Geburtstags des Hauses. Meditativ ziehen die Fische hier jeden Tag von 16 bis 20 Uhr ihre Bahnen und erinnern daran wie angenehm es ist, sich visueller Eleganz hinzugeben. Im Internet ist der Film ohne Fassade als Stream zu sehen.

Koi-Karpfen haben eine Lebenserwartung von 60 Jahren und stehen in der japanischen Symbolik für Zielstrebigkeit und Ausdauer - Eigenschaften die dieses Jahr besonders wichtig sind. Und noch etwas kann man sich von den Koi abschauen - unter 10 Grad Celsius machen sie Winterschlaf.

Lousie Lawler, Metro Pictures Online, bis 3. Dezember

 

Metro Pictures: 40 Years. Installationsansicht, 2020. Metro Pictures, New York
Foto: Courtesy Metro Pictures Gallery

Metro Pictures: 40 Years. Installationsansicht, 2020. Metro Pictures, New York

 

Antikoloniale Denkmalstürze

Eine Durchsage schallt durch den U-Bahnhof und trägt koloniale Verbrechen vor. "Gustav Nachtigall, als Philantrop gefeierter Afrikaforscher (...) beglaubigte das von Lüderitz geraubte Land. Ein Platz in Berlin trägt seinen Namen."

Sprache ist Machtpräsentation, die im öffentlichen Raum immer noch koloniales und faschistisches Erbe reproduziert. In der neuen "Arte-Tracks" Folge werden vier Kunstaktionen dokumentiert, die versuchen, den Stadtraum aktivistisch zu verändern.

Mit Graffiti, Street-Art, Performance und Installationen setzen sich unterschiedliche Kollektive international für einen Wandel der kolonialen Erinnerungskultur ein. Ein Zusammenschluss aus den Initiativen Migrantifa und 1UP verwandelte den Bahnhof Afrikanische Straße in einer Graffiti-Aktion in einen neuen Ort des kolonialen Gedenkens. Wenige Stunden später waren die Tags schon zerstört - normalerweise passiert so etwas nach einigen Tagen. Die Unsichtbarmachung der Kunstaktion ist für das neu gegründete Bündnis Anticolonial Action Berlin nur Bestärkung in ihrem Ziel: "Koloniale Denkmäler sollen fallen".

"Denkmalstürze? Black Lives Matter und Postkolonialismus in der Popkultur", Arte Tracks

 

Stencil am Bahnhof M*straße
Foto: Courtesy Arte Tracks

Stencil am Bahnhof M*straße

 

Zukunftsmusik als Festival

Das ZKM Karlsruhe und die Hochschule für Gestaltung Karlsruhe widmen sich mit dem dreitätigen digitalen Festival "Driving the Human“ vom 20. bis 22. November der Gestaltung einer nachhaltigen und kollektiven Zukunft in der Verbindung von Wissenschaft, Technologie und Kunst. Im Live-Streaming gibt es Talks und Panels mit Hans Ulrich Obrist, Peter Weibel und anderen, Filme von Jeremy Shaw oder Melanie Bonajo, Performances und Lectures von Vivian Tauchmann und Alexandra Pirici, Online-Gartenworkshops und vieles mehr.

"Driving the Human" Opening Festival, Karlsruhe, 20.-22. November

 

"Driving the Human", Opening Festival
Foto: Courtesy ZKM Karlsruhe/ Hochschule für Gestaltung Karlsruhe

"Driving the Human", Opening Festival

 

Überlebenskünstler im Stream

Die Gruppenausstellung mit dem Titel "How to survive. Kunst als Überlebensstrategie" im Sprengel Museum Hannover dämmert zur Zeit noch ihrer Eröffnung entgegen. Aber die jungen Sprengelfreunde lassen sich ihre jährliche Party-Nacht nicht nehmen. Bei ihrem Streaming-Abend auf ihrer neuen Plattform "Sprengel Readymades" laden sie zu virtuellen Atelierbesuchen und 360° Rundgängen durch die Ausstellung, Galerist Johann König reagiert spontan auf Zurufe, es gibt Vorträge, Paneldiskussionen und interaktive Workshops. Und bei der von Monopol-Kolumnistin Annika von Taube geleiteten virtuellen Ankaufskommission kann die Online-Crowd über neue Werke für die Museumssammlung diskutieren.

"How to Survive", Sprengel Readymades, 20. November, 20 bis 1 Uhr

 

An My-Lê "Fragment VII: High School Students Protesting Gun Violence, Washington Square Park, New York", 2018
Foto: Courtesy An-My Lê and Miriam Goldman Gallery/An My-Lê

An My-Lê "Fragment VII: High School Students Protesting Gun Violence, Washington Square Park, New York", 2018

 

Popkultur und Supreme Court

Die im September verstorbene US-amerikanische Richterin Ruth Bader Ginsburg wurde schon längst heilig gesprochen. Es soll ein Ginsburg-Denkmal in Brooklyn errichtet werden, die Statue "Fearless Girl" in Manhattan wurde ihr zu Ehren mit ihrem typischen Kragen geschmückt, und eine New Yorker U-Bahn Station wurde kurzfristig von einem Künstler nach ihr benannt. Für 2021 plant die New-York Historical Society eine Ausstellung über das Leben der verehrten liberalen Juristin und siese Woche wurde ein Streetart-Mural mit ihrem Gesicht in der Lower East Side fertig gestellt. Das Werk zeigt sie als Ikone inklusive angedeutetem Nimbus und Attributen ihres Schaffens.

Doch "Notorious RBG" wurde schon vor ihrem Tod gefeiert - 2018 erschien der Film "RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit". Die Dokumentation behandelt neben ihrer Arbeit und Stationen ihres Lebens auch Ginsburgs Ikonisierung in der Popkultur. 

Ruth Bader Ginsburg war die erste Professorin, die Anfang der 1970er-Jahre einen Lehrstuhl an der Columbia Law School erhielt. Sie arbeitete 27 Jahre lang als Richterin des Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der USA - als zweite Frau überhaupt in diesem Amt und setzte sich für Geschlechtergerechtigkeit, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und von Schwangerschaftsabbrüchen, für "Obama Care" und gegen die Todesstrafe ein. Sie starb im Spätsommer im Alter von 87 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ihre Inszenierung als Superheldin kann auch als Teil einer Erinnerungskultur verstanden werden, die uns lehrt, sich auf Teilerfolgen nicht auszuruhen.

"RBG - Ein Leben für die Gerechtigkeit", auf MUBI

Ruth Bader Ginsburg, Richterin am obersten Gericht der USA, spricht während einer Veranstaltung an der University of California, 2019
Foto: Jeff Chiu/AP/dpa

Ruth Bader Ginsburg, Richterin am obersten Gericht der USA, spricht während einer Veranstaltung an der University of California, 2019

 

Weggezaubert mit Chihiro

Reisen, Abenteuer und ein Zauberland - Chihiro nimmt uns mit in eine magische Anime-Welt, in der die Kinder viel vernünftiger zu sein scheinen als die Erwachsenen und nichts unmöglich scheint - auch nicht eine Hexe, die ein Badehaus für Naturgötter betreibt und Menschen in Schweine verwandelt. Die kleine Chihiro muss ihre Eltern zurückverwandeln und besteht auf ihrer Reise durch das Zauberland allerhand Abenteuer. Die größte Herausforderung ist allerdings, ihren Namen nicht zu vergessen, damit sie wieder nach Hause zurückkehren kann.

Wie können Mensch und Natur in Harmonie leben? Der Regisseur Myazani stellt als eines seiner zentralen Themen das traditionelle Handwerk den Errungenschaften der Industrialisierung gegenüber und hält uns immer wieder vor Augen, wie furchtbar die moderne Zeit sein kann, wenn wir uns über die Natur stellen.

"Chihiros Reise ins Zauberland", Netflix

 

"Chihiros Reise ins Zauberland" (Filmstill)
Foto: ©2001 Studio Ghibli

"Chihiros Reise ins Zauberland" (Filmstill)


Lange Nächte mit kurzen Filmen

Zehnmal im Jahr zeigt der Bayerische Rundfunk eine lange Nacht der Kurzfilme. Die lassen sich natürlich auch online bingewatchen oder einzeln als Kunsthäppchen anschauen. Noch bis Februar 2021 ist unter anderem der Film "The Raft" (2019) von Sylvain Cruiziat zu sehen, in dem es um eine zynische Performancekünstlerin geht, die sowohl ihr Publikum als auch die Protagonisten ihrer Performances ausbeutet. 

Kurzfilme im Bayerischen Rundfunk, BR-Mediathek, unterschiedlich verfügbar