Fiktive Kunst aus Romanen

Das unsichtbare Meisterwerk

Boris Grigoriev "Woman Reading", 1922
Foto: cc, Sammlung des Metropolitan Museum of Art, New York

Boris Grigoriev "Woman Reading", 1922

Ist die Frankfurter Buchmesse vielleicht die bessere Art Basel? Immer wieder haben Romanautoren grandiose Künstler, Gemälde, Skulpturen und konzeptuelle Spinnereien erfunden. Hier sind unsere Top 9 der fiktiven Lieblingskunst

Schriftsteller sind Erfinder von Welten - und manchmal erschaffen sie auch noch bildende Kunst. Wenn Künstlerfiguren in Romanen auftauchen, brauchen sie auch ein Werk. Das kann schamlos von existierenden Personen abgekupfert, völlig neu konzipiert oder sogar in der Realität unmöglich sein.

Sind die Autoren dann Künstler? Ist das unsichtbare Bild, das nur aus Buchstaben entsteht, die konsequenteste Konzeptkunst? Zumindest ist das Beschreiben von diesen fiktiven Arbeiten eine doppelte Herausforderung: sich Kunst zuerst vorzustellen und dann Worte dafür zu finden. Und die Arbeit der Visualisierung müssen sich dann sowieso die Lesenden machen.

Zur Frankfurter Buchmesse haben wir einige Künstler und Kunstwerke zusammengestellt, die nur zwischen Buchdeckeln existieren. Und haben uns zwischen Softporno-Filmen, selbstgefälliger Malerei und Schmerzperformance gefragt, welche Werke wir gern in echt sehen würden. 

Von Silke Hohmann, Charlotte Silbermann, Saskia Trebing und Daniel Völzke


1. Homer - "Ilias" (ca 7. - 8. Jahrhundert v. Chr.)

Ja, muss sein: Auch wenn es um literarisch imaginierte Kunstwerke geht, kommt man an der Antike nicht vorbei. Kein Geringerer als Homer hat diese rethorische Form nämlich "erfunden". Im 18. Buch der Ilias legt er über mehre Strophen und sehr bildhaft die Verzierungen des Schildes dar, das der "kunstberühmte" Gott Hephaistos für den Krieger Achill schmiedet.

Zu Beginn der ausschweifenden Bildbeschreibung, in der eigentlich die ganze Geschichte des trojanischen Krieges noch einmal zusammengefasst wird, heißt es: "Aus fünf Schichten gedrängt war der Schild selbst; oben darauf nun bildet' er mancherlei Kunst mit erfindungsreichem Verstande." Einen erfinderischen Verstand brauchen auf jeden Fall auch die Leser, um sich vorzustellen, wie die unzähligen Episoden und Menschmengen, die Homer hier ausführt, auf die Schutzwaffe passen sollen. Mehr als einen Durchmesser von 40 Zentimetern hatte diese wohl kaum. Nun gut, der Vorstellungskraft sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt und wer sich nicht durch die ganze Illias kämpfen will, macht sich ein Bild von der Geschichte, indem er sich auf Homers Ekphrasis - so der altgriechische Begriff für die Bildbeschreibung  -  beschränkt. 

 

2.  Haruki Murakami:  "Die Ermordung des Commendatore" (2018)

Ziemlich frisch im Gegensatz zu Homer sind die literarisch erdachten Kunstwerke des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami, auch wenn es um traditionelle Malerei geht. In seinem zweibändigen Roman "Die Ermordung des Commendatore" erzählt Murakami von einem Maler, der von seiner Ehefrau betrogen, in die Einsamkeit der Berge flieht. Dort lebt und arbeitet er in dem verlassenen Atelier eines alten Malerfürsten, der noch ganz in der Tradition der japanischen Nihonga Malerei arbeitete.

Spätestens wenn der Protagonist ein mysteriöses Bild dieses Malers auf dem Dachboden des Hauses findet, ist die Versuchung des Lesers groß, zu googlen, wie diese Nihonga Malerei eigentlich aussieht. Nicht viel hilft diese Bildersuche, denn der Stil kann viele Formen annehmen, und so muss man sich das Bild des ermordeten Commendatore doch selbst aus den literarischen Beschreibungen zusammendenken. Und es wird noch herausfordernder, denn der Commendatore verlässt schließlich sogar das Bild, um als geisterhaftes Wesen in einen Dialog mit dem einsamen Maler zu treten.

Die fiktive Malerei wird also auch noch zur fiktiven Performance und der Malerprotagonist fängt dank dieser Eingebung an, seine klassischen Porträts - die er nicht einmal selbst als originelle Kunst bezeichnen würde - hinter sich zu lassen. Die Bilder, die er nun malt, sind irgendwo zwischen Figuration und Abstraktion angesiedelt. Je nach kultureller Prägung lässt sich da einiges imaginieren. Zum Beispiel könnte man an die Leipziger Schule denken, auch wenn die so gar nichts mit Japan zu tun hat. Mit Murakamis Stil aber vielleicht schon, denn auch hier wird der Realismus durch absurde Momente gestört.


3. Oscar Wilde: "Das Bildnis des Dorian Gray" (1891)

Wenn wir schon bei lebendigen Bildern sind: Das Porträt des wunderschönen Dorian Gray, das anstelle der Person altert, ist wohl eines der bekannteste Kunstwerke der Literatur. Die Frage scheint hier berechtigt, ob das Gemälde, das immer runzeliger und hässlicher wird, nicht der eigentliche Protagonist der Erzählung ist, und gar nicht die Figur des immer jungen Dorians.

Die Jahrhunderte alte Obsession der Malerei, so nah wie möglich an die lebendige Natur zu gelangen, wird hier auf die Spitze getrieben. Natur und Kunst werden einfach gegeneinander ausgetauscht. Ziemlich aktuell erscheinen auch die anderen großen Themen dieses Romans:  Selbstinszenierung und Ästhetisierung des Lebens. In Zeiten von Instagram lohnt sich die erneute Lektüre. Vielleicht denkt man sich das Bildnis von Dorian Gray dann nicht mehr als Ölgemälde sondern als virtuelles Profilbild, das so programmiert ist, dass es die schlechten Taten seines Besitzers visualisiert.


4. Jan Peter Bremer: "Der junge Doktorand" (2019)

Der Maler Greilich ist überzeugt, dass der junge Mann, der sich zum Besuch angekündigt hat, sein Lebenswerk mit einem Catalogue Raisonné zu würdigen plant. Er zweifelt kein bisschen an seiner immensen eigenen Bedeutung, und denkt sich für den Schluffi im Kapuzenpulli, den er beharrlich "der junge Doktorand" nennt, immer neue Prüfungen, Verzögerungen und Vorträge aus, um die Begegnung mit seinen Werken hinauszuzögern und der ganzen Sache mehr Dauer und Gewicht zu geben. Mit unerträglichem Pathos und Eitelkeit salbadert er über die Not des Kunstmachens.  " Wie Zwerge stehen wir vor der Größe unseres Schaffens, und unser Bemühen ist doch nie mehr als das, was wir noch begreifen können." Nebenbei behandelt er seine Ehefrau, eine gütige Nervensäge, mit geradezu sadistischer Herablassung.

Am Ende kennt man die drei Gescheiterten ziemlich gut, nur an die Kunst erinnert man sich nicht. Es gibt in diesem klaustrophobischen Kammerspiel kein einziges nachglühendes Motiv, das man beschreiben könnte. Schlösse man vom Charakter Greilichs auf seine Kunst, wäre sie bestenfalls prätentiös.

 

5. Siri Hustvedt: "Was ich liebte" (2003) und "Die gleißende Welt" (2015)

Die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hat gleich zwei Romane geschrieben, in denen Kunstwerke fingiert werden. Und wahrscheinlich gar nicht existieren könnten, weil sie so komplex und absurd sind. Auf jeden Fall wären sie eine Herausforderung für jedes Künstler-Produktionsteam. In Hustvedts Romanen taucht man in die Ateliers der Protagonisten ein und vollzieht die komplizierten Entwicklungsprozesse ihrer Installationen und Performances nach.

Ähnlich wie bei der Illias fragt man sich zwischendurch aber immer wieder, wie diese erdachten Kunstbauten eigentlich funktionieren sollen. Da sind labyrinthische Konstruktionen und unwahrscheinliche Materialmixturen, die weniger eine konkrete Ausstellungssituation beschreiben, sondern vielmehr den psychologischen Verstrickungen der Romanpersonen zu entsprechen scheinen. Kunst ist bei Hustvedt Therapie.

In "Die gleißende Welt" geht es außerdem um den frauenfeindlichen Kunstmarkt. Die fiktive Künstlerin Harriet Burden, die immer nur unter männlichen Pseudonymen Ausstellungen hatte, klingt verdächtig nach Louise Bourgeois. Beide Künstlerinnen arbeiten raumgreifend und mit körperlichen Formen. Da die Autorin auch den ein oder anderen Essay über die echte Louise Bourgeois geschrieben hat, wirken die literarischen Schöpfungen fast wie ein fiktives P.S. zu Bourgeois' Karriere.  


6. Rachel Kushner: "Flammenwerfer" (2015)

Rachel Kushners toller Roman aus der Kunstszene der 70er in New York ist bevölkert von wiedererkennbaren Figuren: Donald Judd (polierte Alukisten), Dan Flavin (Leuchtröhren), William Eggleston (Fotos von der Decke), auch wenn sie andere Namen tragen. Die Hauptfigur, die Kunsthochschul-Absolventin Reno versucht, ihre Leidenschaft für Geschwindigkeit filmisch umzusetzen und scheitert: Ihre Fotografien von ihrer Unfallstelle beim Hochgeschwindigkeits-Rennen auf einem Salzsee transportieren nichts, und mit ihrem Filmprojekt kommt sie auch nicht weiter.

Lieblingsfigur Ronnie Fontaine behauptet, von jedem Menschen der Welt ein Foto zu machen. Immerhin stiftet er drei Freundinnen nachts in einer Bar dazu an, sich selbst ins Gesicht zu schlagen und stellt die verbeulten, betrunkenen, stolzen Gesichter in einer nicht besonders guten Ausstellung aus. Einzigartig ist, wie es Kushner gelingt, ohne Ehrfurcht vor der Kunst plausible Werke zu erfinden - in allen Qualitätsstufen.


7. Han Kang: "Die Vegetarierin" (2007)

Das dünne Bändchen, das zuerst wie ein blumiger Ernährungsratgeber klingt, ist ein fast unerträgliches Buch. Die Hauptfigur Yeong-Hye hört auf, tierische Produkte zu essen - und verschwindet daraufhin langsam aus einer Welt, die sie nie wirklich gesehen und immer nur Ansprüche an sie gestellt hat. Zwischendurch wird sie noch zum Modell ihres Schwagers. Der ist Künster und produziert größtenteils sozialkritische Videocollagen, die kaum jemanden interessieren. Dann wird er plötzlich von der Vision erfasst, Yeong-Hyes nackten, ausgezehrten Körper mit Blumen zu bemalen und zu filmen.

Das Softporno-Projekt ist jedoch letztlich nur ein Vorwand des Künstlers, um mit seiner Schwägerin schlafen zu können. Trotz der im Buch beschriebenen Begeisterung seiner Künstlerkollegen klingt das Blumensex-Filmchen eher unangenehm voyeuristisch. Die Autorin Han Kang lässt es offen, ob das Kunstprojekt nur eine weitere Misshandlung ihrer Hauptfigur ist, oder einer der wenigen Momente, wo sie wirklich angeschaut wird. Beim Lesen bleibt ein dumpfes #MeToo-Gefühl.   


8. Michel Houellebecq: "Karte und Gebiet" (2010)

An der Pariser Kunsthochschule hat sich der chronisch selbstzweifelnde Künstler Jed Martin mit der Bilderserie "Dreihundert Fotos von Objekten aus dem Eisenwarenhandel" beworben. Sehr konzeptuell, sehr Readymade, aber leider kein Durchbruch. Der kommt erst mit a little help vom Reifenkonzern Michelin, bei dem seine Geliebte arbeitet. Seine Serie, in der er Ausschnitte von Michelin-Karten den Satellitenbildern des entsprechenden Gebietes gegenüberstellt, wird zum Erfolg - und ist ein Prototyp für marktkompatible Kunst: Man kann mit PR-Geschick einiges in die Arbeit hineininterpretieren - oder sie gänzlich leer finden.

Danach kommt der Höhenflug mit einer Porträtserie über Berufe. "Jeff Koons und Damien Hirst teilen den Kunstmarkt unter sich auf" ist ein Bild, das man gern sehen würde. Könnte großartig sein, oder furchtbar prätentiös. Nach seinem Marktdurchbruch und dem Rückzug in eine Luxusblase besinnt sich Jed Martin wieder auf seine künstlerischen Wurzeln und filmt Pflanzen und Gegenstände im Verfall. Man muss Houellebecq zugute halten, dass "Karte und Gebiet" die verschiedenen Schaffensphasen, die Zweifel und die Suche nach Ausdruck eines Künstlers ernst nimmt und Kunst nicht nur Staffage ist. Jed Martin kann man sich mühelos in den seelenlosen Untiefen des realen Kulturbetriebs vorstellen. Und am Ende dann doch wieder allein im Wald. 


9. Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (zwischen 1913 und 1927 erschienen)

Marcel Proust schrieb seinen "Recherche"-Romanzyklus in einer Epoche, in der die bildende Kunst explodierte: In der Heimatstadt des französischen Schriftstellers starteten die Maler mit dem Impressionismus in die Moderne, gefolgt von vielen anderen radikalen Bewegungen mit "-ismus" am Ende. Prousts Namensvetter Duchamp erfand das Readymade und Malewitsch stellte mit seinem "Schwarzen Quadrat" der Welt eine Denkaufgabe, an der wir noch immer herumkauen.

Wenige Ausläufer all dieser Erdbeben vibrieren in der "Suche" nach, deren erzählte Zeit sogar über das Fin de Siècle bis 1928 reicht (Proust starb 1922). Zwar sollen in dem sogenannten Jahrhundertroman mehr als 200 reale Bilder beschrieben werden, zwar nennt Proust tatsächlich viele Maler wie Monet, Moreau und Delaunay, aber sein Begriff von Malerei bleibt doch beim Impressionismus hängen. Alle Faszination, alle Widersprüche dieser Bewegung verdichten sich in der exemplarischen Malerfigur Elstir.

Der Ich-Erzähler Marcel lernt den Maler in einem Restaurant im Badeort Balbec kennen und besucht ihn dann regelmäßig im Atelier. Elstirs Bilder ändern Marcels Blick auf die Wirklichkeit, aber nicht jeder mag den Künstler: Marcels Flirt Albertine findet ihn "dumm", der deutsche Kaiser verbannt seine Bilder aus den deutschen Museen. Der Herzog von Guermantes wittert sogar Scharlatanerie, als ihm Elstirs "Spargel"-Bild (ein Verweis auf zwei berühmte Manet-Stillleben mit dem gleichen Motiv) angeboten wird: "Wir haben das Bild daraufhin sogar ein paar Tage im Hause gehabt. Es war nichts weiter als das darauf, ein Bund Spargel, genau wie die, die Sie gerade schlucken, die Spargel von Herrn Elstir aber habe ich nicht geschluckt. Er verlangte dreihundert Francs dafür. Dreihundert Francs für ein Bund Spargel!" 

Ganz so konservativ ist Marcel dann doch nicht: Er behauptet zwar, "dass es in der Kunst keinen Fortschritt, keine Entdeckungen gibt", gesteht aber doch ein, dass die Fotografie die Malerei verändert und die Kunst nun Perspektive, Ausschnitt, Licht und Schatten anders angeht. Und niemand macht das so geschickt wie Elstir.