Collateral Events

9 Highlights aus dem Begleitprogramm der Venedig-Biennale

 Blick auf das riesige Bodenmosaik "Schwarzheide" von Luc Tuyman nach einem von ihm entworfenen Gemälde aus dem Jahr 1986, aufgenommen in der Ausstellung "Die Haut" im Palazzo Grassi in Venedig
Foto: dpa

Blick auf das riesige Bodenmosaik "Schwarzheide" von Luc Tuyman nach einem von ihm entworfenen Gemälde aus dem Jahr 1986, aufgenommen in der Ausstellung "Die Haut" im Palazzo Grassi in Venedig

Wer die Hauptausstellung und die Länderpavillons der Venedig-Biennale gesehen hat, ist noch längst nicht fertig: Über die Stadt verteilt sind die offiziellen "Collateral Events" und weitere großartige Ausstellungen zu sehen

Palazzo Grassi: Luc Tuymans

Das Venedig-Publikum von 2017 erholt sich wahr­scheinlich immer noch von der kolossalen Kitsch-Orgie, die Damien Hirst damals mit seinen Schiffswrack-Skulpturen im Palazzo Grassi und der Punta della Dogana veranstaltet hat. Was kommt also nach der Materialschlacht? Kunstmogul François Pinault versucht es diesmal etwas klassischer und zeigt in seinen Häusern die Porträts des belgischen Malers Luc Tuymans und eine Gruppenausstellung zu Kunst und Kontext. Unter dem Titel "La Pelle" (die Haut) werden im Palazzo Grassi 80 von Tuymans' Werken von 1986 bis heute gezeigt. Mit seinem Konzept des "authentischen Fälschens" von Medienbildern ist Tuymans ganz in der niemals endenden Diskussion um Echtheit in der Kunst verhaftet. Wo sich Bilder sonst noch zu Hause fühlen, fragt die Ausstellung "Luogo e Segni" in der Punta della Dogana, die 100 Werke mit spezifischen geografischen oder sozialen Bezügen zusammenbringt. Dabei sind große Namen wie Etel Adnan, Lee Lozano oder Agnes Martin.
Palazzo Grassi, bis 6. Januar 2020

Jannis Kounellis: Fondazione Prada

Die Fondazione Prada im Palazzo Ca’ Corner della Regina widmet sich dem 2017 verstorbenen griechisch-italienischen Künstler Jannis Kounellis: Die Retrospektive mit Leihgaben aus europäischen und US-amerikanischen Sammlungen ehrt einen der bekanntesten – und provokantesten – Vertreter der Arte povera, der als Maler begann und sich im Laufe seiner Karriere immer mehr monumentalen Installationen mit Alltagsgegenständen und Theaterprojekten widmete. Die Schau mit Werken von den 50er-Jahren bis 2013 zeigt die mediale Vielfalt des Wahlrömers auf und erkundet den Einfluss des Experimentierers auf die gegenwärtige Konzeptkunst. Seine Arbeiten mit lebendigen Pferden und Schlachtfleisch würden heute sicherlich Aktivisten auf den Plan rufen – mit dem Recycling von Materialien liegt er aber voll im Zeitgeist.
Palazzo Ca’ Corner della Regina, bis 24. November 2019

Jannis Kounellis in der Galleria L’Attico, Rom, 1972
Fotos: © Claudio Abate, © Jannis Kounellis, VG Bild-Kunst, Bonn 2019.

Jannis Kounellis in der Galleria L’Attico, Rom, 1972

Future Generation Art Prize

Wenn die Victor Pinchuk Foundation in Kiew alle zwei Jahre ihren mit 100 000 Dollar dotierten Future Generation Art Prize vergibt, bewerben sich die spannendsten jungen Künstler der Welt. In diesem Jahr hat die Jury aus Kritikern und Kuratoren Emilija Škarnulytė aus Litauen mit dem Hauptpreis und die Südafrika­nerin Gabrielle Goliath sowie das britische Duo Cooking Sections jeweils mit einem Spezialpreis ausgezeichnet. Wie hochkarätig die Konkurrenz war, zeigt die Ausstellung der Nominierten, die in der Università Iuav di Venezia zu sehen ist. Einer der Künstler hat seit der Bekanntgabe der Shortlist im Herbst 2018 große Karriereschritte gemacht: Der 33-jährige Korakrit Arunanondchai ist bei der Biennale in Venedig dabei.
Palazzo Ca' Tron, bis 18. August 2019

Zu sehen in der Ausstellung zum Future Generation Art Prize: Kasper Bosmans "Syrinx", 2018
© Maksim Belousov, Pinchuk Art Centre

Zu sehen in der Ausstellung zum Future Generation Art Prize: Kasper Bosmans "Syrinx", 2018

Palazzo Grimani: Helen Frankenthaler

Wenn man die Bilder von Helen Frankenthaler (1928–2011) betrachtet, kann man schon mal an einen launischen venezianischen Himmel oder eine aufgewühlte Lagune denken (zur Venedig-Biennale natürlich auch an zu viele wirbelnde Bellinis im Kopf). 14 Gemälde der US-amerikanischen Ikone der Abstraktion sind in diesem Sommer im Museum des Palazzo Grimani in Venedig zu sehen – über ein halbes Jahrhundert nachdem die Künstlerin 1966 den US-Pavillon in den Giardini bespielte. In der aktuellen Ausstellung werden Werken aus vier Jahrzehnten gezeigt. Unter anderem geht es um Frankenthalers Experimente mit schmalen, langen Leinwänden, die sie als Panorama empfand. Und davon kann man in Venedig nun wirklich nicht genug bekommen.
Palazzo Grimani, bis 17. November

Helen Frankenthaler "Italian Beach", 1960
Foto: Rob McKeever, Courtesy Gagosian, © 2019 Helen Frankenthaler Foundation, Inc./Artists Rights Society (ARS), New York, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Helen Frankenthaler "Italian Beach", 1960

Espace Louis Vuitton: Philippe Parreno

Wenn man Menschen, die zeitgenössischer Kunst eher skeptisch gegenüberstehen, in eine Ausstellung locken will, ist Philippe Parreno eine sichere Empfehlung. Denn obwohl der Franzose theoretische Ansätze zu spekulativem Realismus, dem Kunstwillen von nichtmenschlichen Organismen und der Erfahrung von Zeit verfolgt, sind seine Shows höchst sinnliche Erlebnisse, in denen es blinkt und summt und Luftballons fliegen. Ein solches wohlchoreografiertes Erlebnis dürfen Besucher auch im Espace Louis Vuitton in Venedig erwarten, der gleichzeitig zur Biennale eine neue Installation des Künstlers zeigt. Darin kontrolliert ein komplexes Computerprogramm unter anderem ein beleuchtetes Vordach, verspiegelte Rollläden und eine phosphoreszierende Blumentapete.
Espace Louis Vuitton Venezia, bis 24. November 2019

Installationsansicht "Philippe Parreno", Gropius Bau, Berlin, 2018
Foto: Andrea Rossetti, Courtesy of the artist and Pilar Corrias, London, Gladstone Gallery, New York and Brussels, Esther Schipper, Berlin, © Philippe Parreno

Installationsansicht "Philippe Parreno", Gropius Bau, Berlin, 2018

Scotland + Venice

Schottland ist ja eigentlich gut im Venedig-Pavillon von Großbritannien aufgehoben. Doch mit dem Projekt "Scotland + Venice" ist der hügelige Landesteil des Vereinigten Königreichs auch als eigenständige Kulturregion im Biennale-Rahmenprogramm vertreten. In diesem Jahr zeigen die Schotten eine Einzel­ausstellung der Turner-Preisträgerin Charlotte Prodger, die zwar hoch dekoriert ist, aber als Künstlerin für viele Besucher eine Entdeckung sein wird. In ihren essayhaften, oft meditativen Videoarbeiten beschäftigt sich Charlotte Prodger mit der Verbindung von Landschaft und Geschlecht. "Weil ich im ländli­chen, landwirtschaftlich geprägten Aberdeenshire aufgewachsen bin, sind Landschaft und Queerness für mich miteinander verbunden", sagt die Künstlerin. Auch für ihr neues Werk setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie Geschlecht und Territorien begrenzt werden und wie man diese Grenzen einreißen kann. Genug landschaftliche Inspiration dürfte sie gehabt haben. Ihrem Venedig-Auftritt ging eine Residency im idyllisch gelegenen Kunstzentrum "Cove Park" an der schottischen Westküste voraus.
Arsenale Docks, S. Pietro di Castello, 40, 30122, bis 24. November 2019

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Charlotte Prodger bei der Verleihung des Turner-Preises 2018

TBA21–Academy: Joan Jonas im Ocean Space

Venedig ist sicher nicht der schlechteste Ort, um über das Meer nachzudenken. Von hier aus starteten Expeditionen auf den Ozeanen dieser Welt, und seit einigen Jahren wird die Stadt von steigenden Wasserpegeln und Kreuzfahrtschiffriesen bedroht. Im neu eröffneten "Ocean Space" der TBA21-Academy von Kunstsammlerin Francesca Thyssen-Bornemisza wird nun künstlerisch und wissenschaftlich über das Meer nachgedacht. In der renovierten Kirche San Lorenzo aus dem späten 16. Jahrhundert ist die großformatige Multimedia-Installation "Moving Off the Land II" von Joan Jonas zu sehen sein. Die US-amerikanische Künstlerin beschäftigt sich seit Jahren mit dem Meer als Ökosystem und hat für die Ausstellung Zeichnungen, Skulpturen und Videoarbeiten zu­sammengetragen. Alles fließt.
San Lorenzo, bis 29. September

Joan Jonas "Moving Off the Land", 2016/2018
© Fort Mason Center for Arts & Culture/Justine Elephant, © Joan Jonas, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Joan Jonas "Moving Off the Land", 2016/2018

Palazzo Cini: Adrian Ghenie

Die Biennale in Venedig ist nicht unbedingt eine Zeit der Abstinenz. Der Wettkampf zwischen sinnlichen Genüssen und Enthaltsamkeit tobt auch in Peter Brueghels Gemälde "Der Kampf zwischen Karneval und Fasten" von 1559, in dem Bräuche der Enthemmung und der Askese in einem opulenten Wimmelbild dargestellt sind. Von diesem Werk lässt sich der rumänische Maler und Wahlberliner Adrian Ghenie inspirieren, der pünktlich zur Biennale in der Ausstellung "The Battle ­between Carnival and Feast" im Palazzo Cini zu sehen ist. Die Soloschau, die in Kooperation mit der Galerie Thaddaeus Ropac konzipiert wurde, zeigt zehn neue Bilder, die Ghenies expressiven, halb abstrakten Stil auf die Sammlung florentinischer Meister im Palazzo loslassen. Der 41-jährige Maler, der 2015 den rumänischen Pavillon bespielt hat, malt Körper, die sich immer wieder auflösen und neu zusammensetzen. Mit Masken und Gestaltenwandlern kennt sich die Karnevalshochburg Venedig ja aus.
Palazzo Cini, bis 18. November

Adrian Ghenie "Self-Portrait as Vincent van Gogh", 2015
Foto: Jörg von Bruchhausen, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg, © Adrian Ghenie

Adrian Ghenie "Self-Portrait as Vincent van Gogh", 2015

Gallerie dell’Accademia: Georg Baselitz

In der Biennale-Hauptausstellung sucht man die großen Malerfürsten diesmal vergeblich, doch ganz auf sie verzichten muss in Venedig auch niemand. So bekommt Georg Baselitz als erster lebender Künstler eine Einzelausstellung in der altehrwürdigen Gallerie dell’Accademia, in der sonst Tintoretto, Bellini und Giorgione anzutreffen sind. Die Ausstellung, die von Kosme de Barañano kuratiert wird, soll ein Rückblick auf Baselitz’ Karriere sein, die inzwischen mehr als sechs Jahrzehnte umfasst. Der Maler, der vor allem für seine auf dem Kopf stehenden Bilder bekannt ist, dürfte auch in der Gallerie dell’Accademia einiges durcheinanderbringen. In seinen neuesten Arbeiten malt Baselitz Künstlerkollegen von Piet Mondrian bis Cecily Brown verkehrt herum. Das Museum für alte Meister kann sich auf ein paar neue Gesichter gefasst machen.
Gallerie dell’Accademia, bis 6. Oktober

 Georg Baselitz zwischen seinen Werke beim Aufbau seiner Ausstellung "Baselitz-Academy" in Georg Baselitz steht zwischen zwei seiner Werke beim Aufbau seiner Ausstellung "Baselitz-Academy" in der Accademia-Galerie enedig
Foto: dpa

Georg Baselitz zwischen seinen Werke beim Aufbau seiner Ausstellung "Baselitz-Academy" in Georg Baselitz steht zwischen zwei seiner Werke beim Aufbau seiner Ausstellung "Baselitz-Academy" in der Accademia-Galerie enedig