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9 Kunst-Filme, die Sie im November nicht verpassen sollten

Itamar Rose in "100 Millionen Views"
Foto: ZDF

Itamar Rose in "100 Millionen Views"

Das Beste aus den Mediatheken: Die Filme im November fragen nach Freiheit, hören genau hin, entdecken das andere Bauhaus und tun alles, um Influencer zu werden 


Hongkongs Freiheit und die Kunst

Seit Monaten herrscht auf den Straßen Hongkongs Ausnahmezustand. Eine junge, gut vernetzte Protestbewegung stellt sich gegen die Einflussnahme Chinas auf die Sonderverwaltungszone und fordert mehr Demokratie und ein Ende der Polizeigewalt. Die Dokumentation "Hongkongs Freiheit und die Kunst" beschäftigt sich mit der Rolle der Kulturszene in den gesellschaftlichen Umbrüchen der Gegenwart.

Anders als ihre Altersgenossen in Festlandchina sind junge Honkonger Künstler mit freiem Internet und Pressefreiheit aufgewachsen. Nun fürchten sie, ein Stück dieser Unabhängigkeit zu verlieren und reagieren auch künstlerisch darauf. Der Film begleitet unter anderem Künstler, die den Protest als großes Happening begreifen, und einen Karikaturisten, der seine Zeichnungen von Demonstrationen in Echtzeit über Social Media verbreitet. Aber er fragt auch, wie sich die großen Kunstmessen und Galerien zu den Protesten positionieren - die wollen schließlich gute Geschäfte mit chinesischen Sammlern machen. 

"Hongkongs Freiheit und die Kunst", 3-Sat-Mediathek, bis 16. Dezember 

Szene aus "Hongkongs Freiheit und die Kunst"
Foto: 3 Sat

Szene aus "Hongkongs Freiheit und die Kunst"


Marina Abramović und das genaue Hinhören

Mit unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung hat sich Marina Abramović schon immer befasst. Im März suchte sie dann die ganz große Bühne. Zusammen mit der Oper Frankfurt hat sie Workshops zum neuen Hören entwickelt, die den 2000 Teilnehmern ein völlig verändertes Konzerterlebnis bescheren sollten. Die "Abramović-Methode" ist nur etwas für Geduldige. Es geht um Ausdauer und Aushalten und die Besinnung auf den eigenen Körper. Es wird viel geatmet und auch mal ein Baum umarmt.

Die Arte-Dokumentation verfolgt das Frankfurter Kunst-Musik-Projekt und blickt auf die außergewöhnliche Karriere der serbischen Performance-Pionierin zurück. Man braucht beim Anschauen ein wenig Toleranz für spirituelle Kalendersprüche. Sieht aber auch Meilensteine moderner feministischer Kunst.   

Marina Abramović - Die Kunst des Hörens, Arte Mediathek, bis 24. Januar 2020

"Marina Abramovic - Die Kunst des Hörens"
Foto: Arte

"Marina Abramovic - Die Kunst des Hörens"


Die DDR und das Rollbrett 

Ostberlin ist nicht Kalifornien, aber auch in der DDR gab es eine Skater-Jugendkultur. Die zauberhaft collagenhaft erzählte Dokumentation "This Ain't California" von Regisseur Marten Persiel widmet sich diesem Stückchen Freiheit in einem unfreien Land. Sie erzählt die Geschichte von einer weithin unbekannten Facette der DDR, von einer Freundschaft, die nach der Wende auseinander geht, und von der Suche nach Individualität, wenn überall dem Kollektiv gehuldigt wird. Spätestens der Soundtrack mit Alphaville und Anne Clark sorgt dafür, dass man sofort mit einem Skateboard durch eine Stadt fahren will. 

"This ain't California", Arte Mediathek, bis 29. November

Szene aus "This ain't California"
Foto: Arte

Szene aus "This ain't California"


Das weiße Band und böse Vorzeichen 

"Das weiße Band" bekommen die Pastorenkinder des fiktiven Örtchens Eichwald von ihrem Vater umgebunden, damit sie sich immer an das Gebot der Unschuld erinnern. Doch die Dorfgemeinschaft ist am Vorabend des Ersten Weltkriegs von Gewalt, Unterdrückung und Machtspielen geprägt und unerklärliche Zwischenfälle kündigen noch größeres Unheil an. Wirkliche Liebe erfährt keines der Kinder. Das Drama des österreichischen Regisseurs Michael Haneke muss man aushalten, weil die klaustrophobische gewaltschwere Atmosphäre und der kalte Blick der Kamera aufs Gemüt drücken. Trotzdem, oder gerade deshalb ein großartiger Film - vor allem, wenn man daran denkt, dass die Kinder aus dieser Zeit die Erwachsenen während des Dritten Reiches sind. 

"Das weiße Band", ARD Mediathek, bis 28. November



Carola Rackete und Maja Lunde in Oslo

Die Aktivistin Carola Rackete kann nicht besonders viel mit Kunst anfangen. "Das ist eine Wand mit Farbe", sagt sie nüchtern zu einem Werk im Nobel Peace Center in Oslo, auch der Skulpturenpark über dem Fjord kann sie nicht recht begeistern. Für die Arte-Reihe "Durch die Nacht mit ..." trifft Rackete die norwegische Autorin Maja Lunde, die mit ihren Büchern (unter anderem "Die Geschichte der Bienen") die Bestseller zum Klimaschutz liefert. Da sich Carola Rackete für "Extinction Rebellion" engagiert, sollen die beiden wohl zum Thema Rettung des Planeten bonden, es wird aber schnell klar, dass sie sehr unterschiedliche Vorstellungen von gesellschaftlichem Wandel haben.

Genau diese Spannung macht den Reiz dieses Zusammentreffens aus. Man erfährt nebenbei auch, dass Carola Rackete nur als Notfallersatz auf dem dem Seenotrettungsschiffs "Sea Watch 3" eingesprungen ist und sie ihr unerlaubtes Einfahren in den Hafen von Lampedusa sehr pragmatisch sieht. Nach all dem Hass und der Verehrung ist es wohltuend zu sehen, wie sich eine Medienfigur zum Menschen zurückverwandelt.

"Durch die Nacht mit ... Carola Rackete und Maja Lunde", Arte Mediathek, bis 17. Januar 2020

Carola Rackete in Oslo
Foto: Arte

Carola Rackete in Oslo


Charlotte Perriand und das andere Bauhaus

Zwischen 1927 und 1937 war sie für sämtliche Möbel und Interieur-Entwürfe des Studios Le Corbusier verantwortlich – der Meister selbst beließ es meist bei vagen Ideen oder Skizzen. Nach ihrer Bekanntschaft mit dem Maler Fernand Léger stellte sie ab 1930 auch unter eigenem Namen aus und wurde eine der renommiertesten Designe­rinnen Frankreichs. Vor allem aber war Charlotte Perriand eine bedingungslose Modernistin, deren visionäre Kraft über die Gestaltung schöner Dinge stets hinausging. In einem Dokumentarfilm huldigt Arte dem Leben und Werk der großen Designerin.

"Das andere Bauhaus - Die Designerin Charlotte Perriand", Arte Mediathek, bis 11. November

Charlotte Perriand
Foto: Arte

Charlotte Perriand


Der Satiriker und die 100 Millionen Views

Der israelische Videokünstler Itamar Rose will auf YouTube berühmt werden und dafür von den ganz Großen lernen. Deshalb besucht er Youtuber-Conventions, trifft professionelle Algorithmus-Berater und unterhält sich mit viralen Prominenten wie David DeVore, der als schmerzmittelbenebelter Star des Home-Videos "David After Dentist" weltberühmt wurde. Dabei bewegt er sich irgendwo zwischen Selbstversuchs-Doku und Mockumentary, spricht mit Phänomenen wie Revenge Porn, Zensur und politische Parteilichkeit auf der vorgeblich neutralen Plattform jedoch auch immer wieder ernste Themen an.

"100 Millionen Views", ZDF Mediathek, bis 21. November


A.R. Penck und das Spiel mit Identität

Kein Berufsabschluss, von der Kunstschule mehrfach abgelehnt. Trotzdem schaffte es der in Dresden arbeitende Ralf Winkler (1939-2017), im Westen als A.R. Penck Karriere zu machen. Seine Bilder wurden weltbekannt, und doch fragte man sich lange: Wer ist dieses Phantom aus dem Osten? Denn erst ab 1980 lebte er im Westen, wo er frei arbeiten konnte. "Er nannte sich Y - Der unbekannte A.R. Penck" von Thomas Claus zeigt bisher unbekanntes Film- und Tonmaterial sowie Fotos von Penck bei der Arbeit. Der Film erzählt jedoch nicht nur vom Leben und Arbeiten eines sensiblen sowie politischen Künstlers, der auch die Konfrontation mit dem Staat nicht scheute, sondern ist auch ein Versuch, die ostdeutsche Kunst und ihre Vertreter so zu würdigen, wie sie es verdient haben.

"Er nannte sich Y - Der unbekannte A.R. Penck", ARD Mediathek

A.R.Penck in Dresden kurz vor der Übersiedlung in die BRD
Foto: rbb

A.R.Penck in Dresden kurz vor der Übersiedlung in die BRD

Leonardo da Vinci und das ewige Geheimnis 

Auch 500 Jahre nach seinem Tod rätselt die Welt an ihrem Lieblingskünstler Leonardo da Vinci herum. Wer war er, und was genau hat er eigentlich gemalt? Mit diesen Fragen beschäftigen sich gleich zwei französische Dokumentationen. Der Film "Da Vinci or not Da Vinci?" versucht zu klären, ob Leonardo das Bild "Madonna mit der Spindel" gemalt hat. Ein sorgfältig recherchierter Vertreter des populären Genres"krimihaft erzählte Kunstgeschichte".

"Leonardo da Vinci: Die Welt malen" begleitet dagegen die organisatorische Mammut-Aufgabe, die große Leonardo-Schau in Paris auf die Beine zu stellen. Beim Anschauen, muss man sich insgeheim freuen, keine Kuratorin im Louvre zu sein. Und nebenbei wird auch noch mit ein paar Mythen über das Renaissance-Genie und seine Kunst aufgeräumt. 

"Da Vinci or not Da Vinci?", Arte-Mediathek, bis 31. Dezember
"Leonardo da Vinci: Die Welt malen", Arte-Mediathek, bis 1. Januar 2020

 

Leonardo da Vinci "Dame mit Hermelin" (Detail)
Foto: Arte

Leonardo da Vinci "Dame mit Hermelin" (Detail)