Auktionsmarkt

98 Prozent männlich

Eine Besucherin betrachtet das Werk "Narcissus Garden" von 1966 von Yayoi Kusama in einer Ausstellung in London
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Eine Besucherin betrachtet das Werk "Narcissus Garden" von 1966 von Yayoi Kusama in einer Ausstellung in London. Die Japanerin ist eine der wenigen Künstlerinnen, deren Kunst sich auf dem Auktionsmarkt gut verkauft

Der Auktionsmarkt in der Kunst ist so männerdominiert wie eh und je. Haben Frauen immer noch keine Chance in der Kunst? Ein Kommentar

Die Zeiten, dass Männer die Kunstwelt dominierten, sind lange vorbei, heißt es. Doch die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Nach einer Studie der Internet-Plattformen "In Other Words" und  "Artnet News" war der Anteil von Künstlerinnen am Auktionsmarkt in den letzten zehn Jahren weiterhin verschwindend gering. Von den 196,6 Milliarden Dollar, die weltweit auf Auktionen umgesetzt wurden, entfielen auf Werke von Künstlerinnen lediglich 4 Milliarden, das sind rund zwei Prozent. In diesem Zeitraum erzielten allein die Werke eines einzelnen Mannes, nämlich Pablo Picasso, 4,8 Milliarden Dollar – das ist mehr als alle 6000 Frauen aus dem Datensatz der Kunstmarkt-Plattformen zusammengenommen.

Die Frauen, die es in der letzten Dekade geschafft haben, in diesem männerdominierten Markt nennenswerte Preise zu erzielen, sind an einer Hand abzuzählen: Gut 40 Prozent des Umsatzes entfielen auf Yayoi Kusama, Joan Mitchell, Louise Bourgeois, Georgia O’Keeffe und Agnes Martin. Bei den Männern dagegen waren die teuersten fünf Künstler (Pablo Picasso, Andy Warhol, Zhang Daqian, Qi Baishi, and Claude Monet) nur für weniger als neun Prozent der Umsätze verantwortlich, das Feld ist also viel breiter.

"Die Zahlen sind fürchterlich"

"Die Zahlen sind fürchterlich", kommentierte Marc Payot, Partner bei der Galerie Hauser & Wirth, gegenüber "Artnet". "Wir glauben immer, dass wir in die richtige Richtung gehen, aber die Wahrnehmung ist weiter als die Realität. Wenn man die Top 5 der Künstlerinnen abzieht, zeigt sich, dass sich ansonsten nichts geändert hat."

Die krasse Benachteiligung von Frauen im Auktionsmarkt ist so bedauerlich wie schnell erklärt. In diesem Top-Segment des Kunstmarktes verstärken sich die allgemeinen Markttendenzen wie in einem Brennglas: Gekauft wird, wovon männliche Milliardäre denken, dass auch andere männliche Milliardäre es garantiert kaufen wollen. Dadurch entstehen Winner-Take-All-Märkte: Wer oben ist, steigt immer weiter auf. Und da das System insgesamt patriarchale Strukturen hat, spült es am Ende eben ausschließlich Männer nach oben.

Marc Payot irrt aber, wenn er denkt, dass sich insgesamt im Kunstbetrieb wirklich nichts an der Vorherrschaft der Männer geändert habe. Seine eigene Galerie Hauser & Wirth ist ein gutes Beispiel dafür, dass man mit der Aufarbeitung des Werks bislang übersehenen Künstlerinnen nicht nur Kunstgeschichte mitschreiben und sich einen guten Ruf erarbeiten, sondern auch gute Geschäfte machen kann - es müssen ja nicht immer Milliarden sein.

Gleichstellung ist kein Selbstläufer

Vor allem aber machen Entscheidungen von Kuratorinnen und Kuratoren einen Unterschied: Die ersten Großausstellungen wie die Biennale von Venedig haben 50 Prozent Frauen auf ihrer Künstlerliste, ohne das noch groß zum Thema zu machen. Und bedeutende Museen wie die Tate arbeiten sehr ernsthaft an ihrem Kanon und überprüfen ihre Ausstellungspraxis.

Der Auktionsmarkt ist nicht die Kunst an sich, er ist ein Zerrspiegel des komplexen Systems Kunstmarkts. Die zwei Prozent versus 98 Prozent repräsentieren das Verhältnis von Frauen und Männern im Kunstbetrieb genauso wenig wie ein Jeff Koons die gesamte Künstlerkaste. Und doch sollte man sie ernst nehmen: Als Erinnerung daran, dass die Gleichstellung von Frauen kein Selbstläufer ist, sondern ein Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung. Und das so genannte freie Spiel des Marktes hilft dabei leider gar nicht.