Interview mit Museumschef Köhne

"Museen müssen auf Migranten zugehen"

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Museen mussten sich schnell wandeln. Vor 30 Jahren war ihnen ein Computer noch unbekannt. Die digitale Kommunikation dürfte in einigen Jahren das A und O des Museums der Zukunft sein, meint der Deutsche Museumsbund.

Karlsruhe (dpa) - Museen müssen nach Ansicht des Präsidenten des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, auf die Menschen zugehen. Sie dürften nicht warten, bis Besucher kommen. Die Museen sollten die Besucher vielmehr zur aktiven Teilhabe einladen. Das gelte auch für Menschen aus anderen Nationen, die nach Deutschland kommen. "Nicht alle Menschen, die nach Deutschland kommen, sind mit unserer Tradition des Museums vertraut", sagte Köhne im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Der Internationale Museumstag am 17. Mai steht unter dem Motto "Museum. Gesellschaft. Zukunft.". Die bundesweite Eröffnung ist im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.


Präsentieren sich Museen heute anders als noch vor 30 Jahren?
Der Hauptunterschied ist, dass vor 30 Jahren in Museen noch keine Computer standen und es keine digitalen Medien gab. Diese digitale Revolution hat die Museen aber berührt. Nicht nur in ihrer Arbeitsweise, sondern auch in ihren Möglichkeiten, die sie in Kulturvermittlung haben, in der Kommunikation mit den Besuchern. Museen kommunizieren heute auch immer mehr in sozialen Netzwerken, ein völlig neues Aufgabengebiet. Die digitale Kommunikation wird in 20, 30 Jahren die bestimmende sein.

Wie werden Museen heute wahrgenommen?
Besucher nehmen Museen weniger als Orte wahr, wo man nur Inhalte sehen und abrufen kann, sondern wo man sich beteiligen, sich einbringen kann. Wo man auf offene Formate stößt, die den Besucher vom passiven Konsumenten zu einem aktiven Part des Dialogs zwischen Besucher und Museum machen. Das ist der Hauptunterschied zu den 1980er und 1990er Jahren, die vor allem durch große Sonderausstellungen geprägt waren.

Wie wird der Besucher ein Teil der Präsentation?
Wir haben zum Beispiel im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe neben der traditionellen Landesausstellung zu unserem Stadtgründer Karl Wilhelm, Markgraf von Baden-Durlach (1679-1738), ein Format, in dem wir gemeinsam mit den Besuchern eine Sammlung zum Jubiläumsjahr 2015 machen. Da arbeiten wir mit Schulklassen, die Objekte einbringen, wir arbeiten mit Zuwanderern nach Karlsruhe, deren Biografien in einem künstlerischen Fotoprojekt eine Rolle spielen. Die Besucher bekommen mehrere Chips. Die können sie dann für die Projekte abgeben, von denen sie der Meinung sind, dass die dauerhaft ins Museum gehören. Die Besucher können quasi voten für das, was sie im Museum sehen und erleben möchten.

Gibt es Museen, die sich mit diesen neuen Formaten schwertun? Sind das etwa Heimatmuseen in einer kleinen Stadt ?
Ich glaube, dass es Heimatmuseen sogar ein bisschen einfacher haben, da ihre Sammlungen aus dem bürgerschaftlichen Engagement kommen. Da sie oftmals ehrenamtlich betrieben werden, haben sie eine gute Anbindung an ihr Dorf oder ihre Stadt. Das ist bei größeren Museen anders.

Wie könnte ein größeres Museum eine Distanz überbrücken?
Durch eine zielgerichtete Arbeit. Zum Beispiel für Besucher mit Migrationshintergrund. Das ist ein Feld, das sehr viel Engagement erfordert. Auch Flüchtlinge müssen kulturell versorgt werden. Da können die Museen in den Städten viel tun, weil da das Umfeld ein anderes und die Gesellschaft eben vielfältiger ist als auf dem Land. Da sind die Museen sehr aktiv. Sie schaffen Identitäten.

Wie sollten Museen Migranten ansprechen?
Entscheidend ist, dass man in die Milieus der zugewanderten Gruppen reingeht, dass man den Kontakt zu den entsprechenden Verbänden, zu Institutionen sucht. Man muss versuchen, auf diese zuzugehen. Man kann nicht warten, bis die Menschen zu einem kommen. Das müssen die Museen aktiv betreiben. Nicht alle Menschen, die nach Deutschland kommen, sind mit unserer Tradition des Museums vertraut. Man muss mitunter vermitteln, was für ein Ort ein Museum ist. Eine gute Möglichkeit dazu sind Sonderveranstaltungen am Abend, wo es zunächst nicht mal so sehr um Museumsinhalte geht, sondern wo das Museum als Treffpunkt ins Gespräch gebracht wird. Viele haben auch Erfolge damit, dass sie sich öffnen für Volkshochschulen, die Sprachkurse für Ausländer anbieten. Auch der Internationale Museumstag ist ein guter Anlass, Menschen ins Museum einzuladen, die sonst vielleicht noch nicht erreicht wurden.

ZUR PERSON: Prof. Eckart Köhne (48) ist seit 2014 Präsident des Deutschen Museumbunds. Er gehört ihm bereits seit 2010 als Vorstandsmitglied an. Die bundesweite Interessenvertretung der Museen und ihrer Mitarbeiter hat rund 2900 Mitglieder. Köhne studierte klassische Archäologie, Alte Geschichte und Christliche Archäologie in Bonn und Heidelberg. Er war unter anderem als Geschäftsführer der Konstantin-Ausstellungsgesellschaft Trier, Direktor des Rheinischen Landesmuseums in Trier und Direktor und Geschäftsführer des Historischen Museums der Pfalz in Speyer tätig. Seit dem 1. Juli 2014 ist er Direktor des Badischen Landesmuseum in Karlsruhe.

 

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