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London

Museumsnachbarn klagen gegen Tate Modern wegen mangelnder Privatsphäre

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Bewohner der Neo Bankside, einem teuen Luxusbau direkt neben der Tate Modern, ziehen gegen das Museum vor Gericht, weil man von dessen Aussichtsplattform in ihre Wohnungen gucken kann

Als die Tate Modern im Mai 2000 von der Queen eröffnet wurde, bedeutete das einen enormen Wertanstieg für das bis dahin bei Investoren eher unbeliebte Bankside-Viertel direkt an der Themse. Erwartet wurden damals jährlich um die zwei Millionen Museumsbesucher, doch in den kommenden Jahren kamen zeitweise über fünf Millionen Menschne in die vom Architekturbüro Herzog & de Meuron umgebaute Bankside Power Station. 2016 wurde das Museum durch einen neuen Gebäudeteil um 60 Prozent der Ausstellungsfläche erweitert.

Foto: © Jim LinwoodFoto: © Jim Linwood
Außenansicht des 2016 fertiggestellten Switch House, das nun Blavatnik Building heißt

Kurz nach der Fertigstellung des Backstein-Anbaus, der an eine Pyramide erinnern soll, beschwerten sich die Bewohner des jetzt direkt benachbarten, gläsernen Neo-Bankside-Hauses, das 2012 fertiggestellt wurde und in dem eine Wohnung über 2 Millionen britische Pfund kostet: Von der 360-Grad-Aussichtsplattform des Blavatnik Building kann man geradewegs in die Wohnungen schauen. Jetzt haben fünf Bewohner  gegen das berühmte Museum geklagt. Der Anbau, der in Anlehnung an die Verwinkelungen des Gebäudes bis 2017 Switch House hieß (so genannt, weil dort zuvor das Umspannungswerk stand), steht im Kontrast zum luftigen Glasbau: Mit seinen Ziegelsteinflächen und breiten Fensterschlitzen wirkt er wie eine undurchsichtige Festung.

 

Nach Meinung der Kläger greife die Aussichtsterrasse stark in ihre Privatsphäre und die Nutzung ihrer Wohnungen ein. In einer schriftlichen Zeugenaussage an das Gericht beschwerte sich ein Nachbar: "Wenn unsere Jalousien oben sind und die Aussichtsplattform in Benutzung ist, stehen wir eigentlich unter ständiger Beobachtung. Die Menschen auf der Plattform winken, fotografieren und filmen uns." Ein anderer beschwerte sich, dass bereits ein Foto von ihm in seiner Wohnung auf einem Instagram-Account mit über 1.000 Followern geteilt worden sei und er in einem Zeitraum von anderthalb Stunden 84 Personen gezählt habe, die von der Aussichtsplattform die Wohnungen in der Neo Bankside fotografierten oder filmten. Die Kläger verlangen nun, dass das Museum einen Blickschutz in Richtung des Wohngebäudes errichte.

Foto: © Oliver Dixon Foto: © Oliver Dixon
Blick vom Vorplatz der Tate Modern auf die Neo Bankside, im Volksmund auch "Neo Blingside" genannt

Das sieht die Tate-Leitung anders. Anwohner könnten Jalousien und Gardinen zuziehen, um sich vor den Blicken zu schützen, denn Wohneigentum beinhalte schließlich nicht das Recht auf Ausblick. Sich vor Schaden zu schützen, liege in der Hand der Bewohner des Hauses, nicht in der des Museums. Zudem trage das Museum maßgeblich zu dem Wert der Wohnungen bei. Der Anwalt des Museums, Guy Fetherstonehaugh, unterstellte den Anwohnern laut der Presseagentur Associated Press zudem, die Tate Modern zwingen zu wollen, "der Öffentlichkeit das Recht zu verweigern, die Aussichtsplattform für ihren angedachten Zweck zu gebrauchen, bloß um den Klägern das ungerechtfertigte Recht auf ihren privaten Ausblick zuzusprechen." Im Gegensatz zum freien Eintritt für das Museum inklusive Zugang zur Terasse kosten Tickets besipielsweise für das London Eye, das große Riesenrad an der Themse, rund 25 britische Pfund und für die St. Paul’s Cathedral 16 Pfund.

Am Freitag begaben sich beide Parteien gemeinsam mit dem Richter des des High Court of Justice Sir George Anthony Mann, der den Fall betreut, zu den betreffenden Orten: den Wohnungen und der Aussichtsplattform selbst. Die Anhörung der Zeugen ist für den heutigen Montag angesetzt.

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