Kunstschaffende in Afghanistan

Sie warten immer noch

Menschen, die aus Kabul ausgeflogen worden sind, sitzen im August 2021 auf dem Boden eines Airbus A400 M der Bundeswehr. Noch immer warten jedoch viele Afghaninnen und Afghanen auf Ausreise 
Foto: Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa

Menschen, die aus Kabul ausgeflogen worden sind, sitzen im August 2021 auf dem Boden eines Airbus A400 M der Bundeswehr. Noch immer warten jedoch viele Afghaninnen und Afghanen auf Ausreise 

In Afghanistan warten immer noch zahlreiche Kulturschaffende auf Ausreise. In Deutschland setzen sich Unterstützer-Teams für ihre Aufnahme ein, es geht jedoch schleppend voran. Dabei zeigen andere Länder, wie es gehen könnte

Kurz und heftig war der Schock in der westlichen Welt, als die Taliban in den Sommermonaten binnen weniger Wochen die afghanische Hauptstadt Kabul einnahmen. Als sich verzweifelte Menschen an Flugzeuge klammerten, die einige wenige Glückliche noch ausflogen. Doch die Bilder waren bald wieder von regionaleren überschrieben. Das aufmerksamkeitsökonomische Dickicht ist ohnehin schwer zu durchdringen. Umso schwerer wohl, wenn der Name Afghanistan fällt: Zu unübersichtlich, zu tragisch, zu langwierig scheint die Situation vor Ort.

Auch ein allzu gut meinender Kulturrelativismus mag eine Rolle dabei spielen, dass man nicht so viel genauer hinschauen mochte. In den Talkshows jener Tage wurde die Doppelmoral der hiesigen Kultur- und Medienschaffenden gepflegt, die westliche Werte gern für sich beanspruchen, sie aber lieber nicht universell zusprechen möchten. Hier bereitete man den eigenen Ablass schon einmal ethisch vor – die Menschen in Afghanistan seien eben "anders", lautete ein an Arroganz kaum zu überbietender Tenor, nicht jeder sei schließlich für die Freiheit gemacht. Die Frauen, die bald schon unter Todesdrohungen für ihre Rechte auf die Straße gingen, blendete man dabei ebenso generös aus wie die Ansichten aus dem Afghanistan der 1960er-Jahre, einem optimistischen Land im Aufbruch, in dem man ins Kino oder in die Bar gehen und als Frau offenbar unbehelligt im kurzen Rock durch die Straßen ziehen konnte. Wer aber lieber von zementierten Kulturen als von Individuen oder politischen Zusammenhängen redet, macht religiöse Herrscher zu dem, als was sie sich selbst gern inszenieren: gottgegeben.

Doch es gab auch Stimmen, die auf eine Rettung gefährdeter Menschen im Land drängten. Ehemalige Bundeswehroffiziere versuchten, die sogenannten Ortskräfte in Sicherheit zu bringen. Ein branchenspezifischer Weckruf kam auch aus Wiesbaden: Gerade Künstlerinnen und Künstler hätten keine Lobby, sagte Elke Gruhn, Direktorin des Nassauischen Kunstvereins, in diesem Sommer. Durch Ausstellungen stand sie mit afghanischen Kunstschaffenden in Kontakt. Auch mit Yama Rahimi, der vor einigen Jahren nach Deutschland geflohen war und sein in Afghanistan begonnenes Kunststudium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung fortführte.

"Tag und Nacht erreichbar"

Gruhn fragte den jungen Künstler, ob er sich vorstellen könne, eine Liste schutzsuchender Kunstschaffender zusammenzustellen. Gemeinsam mit Elke Gruhn und einem Berliner Rechtsanwalt kümmert er sich nun um die Koordination der Listen. Und um die Menschen, die das Glück haben, mit ihrem Namen irgendwo draufzustehen. Ehrenamtlich und "Tag und Nacht erreichbar", wie Rahimi beschreibt.

2600 lautet die magische Zahl an Schutzzusagen. Beschlossen hat sie noch die damalige Regierung aus CDU und SPD. An ihr hält man in Deutschland bis dato fest. 2600 gefährdete Menschen, also beispielsweise Richterinnen, Journalistinnen und Übersetzer, Kunst- und Kulturschaffende, die unter der islamistischen Herrschaft besonders großes Leid zu befürchten haben, sollen also in Deutschland aufgenommen werden (lokale Initiativen sind allerdings durchaus möglich: Berlin hat zum Beispiel angekündigt, als Stadt selbst weitere 100 Schutzzusagen auszusprechen).

Seit den Versprechungen des damaligen Außenministers Heiko Maas (SPD) ist nun ein gutes halbes Jahr vergangen. "Wir dachten alle nicht, dass es so lange dauert, dass wir heute noch immer damit beschäftigt sein würden", meint Rahimi ernüchtert. "Aber wir freuen uns, dass es jetzt langsam anzulaufen scheint." Er betont, dass vor allem viele Privatpersonen geholfen hätten – eine Professorin der UdK Berlin meldete sich nach dem Interview mit Rahimi, das im August in Monopol erschien, und bot Unterstützung an. Hinzu kamen rund 100 weitere Personen, die sich für Kulturschaffende, aber auch Journalisten und andere besonders gefährdete Gruppen vor Ort einsetzen wollten.

Die Liste wird immer länger

Das Dilemma des langsamen Vorankommens mag nicht allein am Thema Afghanistan liegen. Die Pandemiejahre haben gezeigt, wie in Deutschland noch immer vielerorts organisiert wird: Schleppend, im schlechtesten Sinne analog, und oftmals nur auf ausdrückliche Initiative Einzelner. Am Anfang standen 102 Menschen auf der Liste. "Inzwischen ist sie immer größer geworden,“ erklärt Rahimi. Heute stehen 394 Personen auf der Liste schutzbedürftiger Kunstschaffender, die wiederum einen Teil der insgesamt 2600 Schutzzusagen ausmachen.

Rund 40 Menschen seien bereits in Deutschland, erzählt Rahimi, einige weitere auf Zwischenstation in Islamabad in Pakistan, von wo aus sie mit Hilfe der Luftbrücke ausgeflogen werden sollen. Der Rest warte noch immer in Afghanistan oder überhaupt auf Rückmeldung. 284 der gelisteten Personen hätten bis dato keine Schutzzusage erhalten.

Immerhin, die neue Außenministerin Annalena Baerbock habe versprochen, "das jetzt ein bisschen ernsthafter zu betreiben", wie Rahimi formuliert. Aktuell versuchen er und seine Mitstreiter, die Listen zu aktualisieren – einige Menschen haben es glücklicherweise bereits auf anderem Wege außer Landes geschafft. "Aktuell sind wir dabei, Verzichtserklärungen zu sammeln. Eine Künstlerin lebt inzwischen in den USA, mehrere sind nach Frankreich geflohen," erklärt Rahimi. Das Abgleichen der Listenplätze und die Suche nach bereits geflohenen Künstlerinnen und Künstlern ist mühselig, aber nötig. Wenn ein Platz frei wird, kann jemand anderes womöglich eine Schutzzusage erhalten. Laut Rahimi gibt es noch etliche Kunst- und Kulturschaffende, darunter auch Lehrende, die bis jetzt keinerlei Listenplatz haben. Einige haben von der Möglichkeit zu spät erfahren, andere waren weniger gut vernetzt oder hatten vielleicht gehofft, sich noch auf anderem Wege in Sicherheit bringen zu können. Die Listen wurden mit dem Stichtag am 31. August 2021 geschlossen. Eine offizielle Möglichkeit, sich nachzutragen, gibt es derzeit nicht.

"Wir profitieren davon, dass ihr da seid"

Im Dezember erreichte die neue Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, ein Schreiben: Eine Erinnerung an die lange Zusammenarbeit deutscher und afghanischer Kulturverbindungen, die rund 100 Jahre zurückreichen. Heute undenkbar, befand sich immerhin noch 2012 ein Außenstandort der Documenta in Kabul. Unterzeichnet ist das Schreiben von Rahraw Omerzad, Gründer des Zentrums für Zeitgenössische Kunst Afghanistan (CCAA), an dem auch Yama Rahimi studierte und arbeitete, von Mariam Ghani, der Tochter des ehemaligen afghanischen Staatspräsidenten, von der Künstlerin Sara Nabil sowie von Rahimi selbst. Vielleicht ist eine solch staatstragende Sprache jetzt der richtige Ansatz, um die Sache in Gang zu bringen? Um ins Bewusstsein zu rufen, dass Kunst und Kultur nicht aus dem Äther kommt, sondern von Menschen geschaffen wird, die unter aktuellen Bedingungen um ihr Leben fürchten?

Portugal beispielsweise nutzte die Aufnahme afghanischer Kulturschaffender schon ganz gezielt für einen Imagetransfer in eigener Sache. 237 Studierende, Musikerinnen und Musiker des Afghanistan National Institute of Music, fanden Mitte Dezember Zuflucht im südeuropäischen Land, ihre Ankunft wurde von einigem Presserummel begleitet. Portugals Regierung hat eine 180-Grad-Wende hingelegt: Das vormals eher migrationsskeptische Land fördert Einwanderung inzwischen immer gezielter. Auch aus ökonomischen Gründen. Die Botschaft lautet heute: Wir wertschätzen euch nicht nur, wir profitieren davon, dass ihr da seid. Ein Gewinn für beide Seiten, findet Rahimi. "Gleich eine ganze Musikschule zu evakuieren – das ermöglicht den Menschen neben persönlicher Sicherheit ein Fortführen ihrer Arbeit im Exil." Tatsächlich hoffen viele Kulturschaffende, eines Tages nach Afghanistan zurückkehren und dort weitermachen zu können.

In Deutschland wird aktuell noch nicht mit positiven Nachrichten um sich geworfen. Rahimi persönlich freut sich erst einmal im Stillen, dass einige seiner ehemaligen Wegbegleiter in Sicherheit sind. Wenn die Ankunft in Deutschland überhaupt erstmal klappt, geht die Arbeit für ihn weiter. Sieben Studierenden und einem Professor konnte er einen Platz an seiner ehemaligen Kunsthochschule, der HfG in Offenbach, vermitteln. Am Abend unseres Gesprächs wird Rahraw Omerzad mit seiner Familie am Frankfurter Flughafen landen. Ein gutes Dutzend weiterer Mitglieder des CCAA sollen in den nächsten Monaten nach Deutschland kommen. Dann, hofft Yama Rahimi, könne man vielleicht wie früher wieder im Team künstlerisch zusammenarbeiten.