Aktivisten der Klimabewegung Extinction Rebellion haben am Wochenende die Gewässer des Canal Grande in Venedig sowie Flüsse und Brunnen in zehn weiteren italienischen Städten grün gefärbt. In Venedig nahm auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg an der Aktion teil. Sicherheitskräfte griffen ein, identifizierten mehrere Teilnehmer und beschlagnahmten Musikinstrumente sowie ein ausgerolltes Banner. Die Polizei verhängte gegen alle 37 Aktivistinnen und Aktivisten, darunter Thunberg, ein 48-stündiges Aufenthaltsverbot für das Stadtgebiet.
Die Aktivisten wollten nach eigenen Angaben auf "ökologische Verbrechen" der italienischen Regierung aufmerksam machen und Orte markieren, an denen Umweltzerstörung bereits sichtbar sei, berichteten italienische Medien. Gefärbt wurden zudem das Meer vor Triest und das historische Hafenbecken La Cala in Palermo. Die Umweltbewegung Extinction Rebellion weist darauf hin, dass es sich bei der Farbe "um völlig ungefährliches Uranin" handele, welches "etwa die Toxizität von Speisesalz hat." Dieser Stoff kam auch bei früheren Aktionen der Gruppe zum Einsatz.
Extinction Rebellion (übersetzt: Rebellion gegen das Aussterben) macht mit zivilem Ungehorsam auf die Klimakrise aufmerksam. Mehr noch als die Demonstranten von Fridays for Future benutzt sie dabei performative und gestalterische Strategien, die an Kunst erinnern. Es ist kein Zufall, dass das Londoner Victoria and Albert Museum (V&A) schon vor einigen Jahren Flaggen, Flyer, Stempel und Manifeste der 2018 gegründeten Bewegung für die Sammlung akquiriert hat.
Uriburu und Eliasson lassen grüßen
Bei den Aktionen in Venedig und anderen Städten sind die künstlerischen Vorbilder nicht zu übersehen. Zum einen hatte der 2016 gestorbene argentinische Aktionskünstler und Maler Nicolás García Uriburu 1968 zur Biennale in Venedig den Canal Grande unerlaubt grün gefärbt. Uriburu wiederholte seine Aktion gegen die Verschmutzung der Gewässer unter anderem im East River in New York, auf der Seine unter den Pariser Brücken, vor dem Antwerper Hafen und 1981 gemeinsam mit Joseph Beuys auf dem Rhein in Düsseldorf.
Beide Künstler stellten anschließend Flaschen mit dem verschmutzten Rheinwasser aus. Zuletzt wurde das Spektakel 2011 in der Weser vom Weserburg-Museum in Bremen aufgeführt.
Sein Material: Uranin! Dabei handelt es sich um das wasserlösliche Natriumsalz des fluoreszierenden Farbstoffs Fluorescein. Es wird in der Seefahrt zur Markierung des Aufenthaltsorts von Schiffbrüchigen benutzt, außerdem seit Langen zum Einfärben von Kosmetika und zur Dekoration. Dabei sieht Uranin giftig aus, irgendwie radioaktiv – was es für Klima-Aktivisten gerade attraktiv macht.
Das Gleiche in noch grüner
Auch der Künstler Ólafur Elíasson färbte Flüsse ein, zwischen 1998 und 2001 in Bremen, Stockholm, Los Angeles und Tokyo. Er benutzte ebenfalls Uranin. Mit seinen Aktionen wollte er auf die Anwesenheit von Natur in der Stadt aufmerksam machen: "Für einen Moment wurde die Stadt real", erklärte Elíasson. "Der Punkt war nicht einmal der grüne Fluss. Der Punkt war, wie er vorher und nachher aussah. Das Verständnis von Vergangenheit und Zukunft hatte sich verändert, und das Vehikel für dieses Umdenken ist grün."
Es muss wohl immer diese Farbe sein – und es muss Uranin sein. Aber auch Nicolás García Uriburu und Ólafur Elíasson waren nicht die ersten, die Flüsse mit dem Fluorescein färbten. Seit 1962 verwandelt die Klempner-Gewerkschaft von Chicago jedes Jahr zum St Patrick’s Day den Chicago River in eine grüne Brühe.