Fotos der Wiedervereinigung

"Meine Bilder zerstören den Mythos des Tages"

Andreas Rost war Hausbesetzer im Berliner Tacheles und fotografierte in der Nacht zum 3. Oktober 1990 die Feiern zur Wiedervereinigung. Ein Gespräch über die Ambivalenz dieser Zeit und die Ähnlichkeit der Bilder zu heutigen AfD-Demonstrationen


Herr Rost, am 3. Oktober 1990 waren Sie 24 Jahre alt und gehörten zu den Besetzern des Tacheles in Berlin. Schon seit Februar 1990 haben Sie die Veränderungen in Berlin fotografiert. Nun erscheint ein Buch mit Fotografien von der Nacht auf den 3. Oktober 1990. Sind diese spontan entstanden oder im forcierten Selbstauftrag?

In dieser Nacht gab es zwei Highlights: Das erste war die Eröffnung des ersten Techno-Clubs in Berlin. Der war im Tacheles und hieß Ständige Vertretung, nach dieser quasi diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik in der ehemaligen DDR. Das andere Highlight war die Wiedervereinigung. Ich hatte eine schicke neue Mittelformatkamera, für die ich viel gejobbt hatte. Meine damalige Freundin war stinksauer, weil ich keine Zeit für sie hatte. Ich wollte diese Kamera unbedingt haben. Nun ging es darum, sie auszuprobieren. Die Wahl fiel eher aus pragmatischen Gründen auf die Wiedervereinigungsfeier, weil man in der Ständigen Vertretung nicht fotografieren durfte.

Das ist heute in Clubs in Berlin üblich.

Damals wollte der Veranstalter die Erinnerung an diesen Club nicht durch Bilder beeinflusst sehen. Er hoffte auf einen Mythos, der sich weitererzählt. Das hat nur bedingt funktioniert, denn heute denken alle, der erste Techno-Club Berlins war der Tresor. Sein Gedanke ist in Bezug auf die Wiedervereinigungsfeier interessant, denn meine Bilder zerstören in gewisser Weise den Mythos des Tages. Sie zeigen nicht nur die Freude über die Wiedervereinigung, sondern auch viel Angst und Unsicherheit, die Reichskriegsflagge, Burschenschaftler, den zum Hitlergruß ausgestreckten Arm. All das, was uns heute beschäftigt, war damals schon angelegt. Die Fotos sind 30 Jahre nicht gezeigt worden und ich bin von meinen eigenen Bildern fasziniert, davon, wie viel sie von dieser Zeit transportieren.

Ohne die Datierung denkt man, es sind Bilder vom Deutschlandspiel einer Fußball-WM oder einer Pegida-Demonstration.

Das war tatsächlich auch mein erster Gedanke, als ich die Negative wiederfand. Vor drei Jahren habe ich für ein Museum Bilder vom Tacheles aus dem Jahr 1990 aus meinem Archiv herausgesucht. Dabei fiel mir ein Päckchen Negative in die Hände, auf denen stand: "2./3. Oktober 90 Wiedervereinigung". Ich habe keine Kontaktbögen mehr, keine Ahnung, wo die sind. Bis zu dem Moment hatte ich wirklich vergessen, dass ich das fotografiert hatte. Zunächst hatte ich die gleiche Assoziation wie Sie und dachte: "Ich hab doch gar nicht bei einer AfD-Demo fotografiert." Ich habe mich mit der Lupe hingesetzt und gesehen, dass auf den Bildern viele Leute den Button "2./3. Oktober" tragen. Da fiel mir langsam alles wieder ein. Ich bin an dem Tag von meinen Eltern zum Brandenburger Tor gelaufen, zusammen mit einem Freund. Es war bis dahin wirklich raus aus meinem Kopf.

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990
Foto: Andreas Rost / Courtesy Wasmuth und Zohlen

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990

Im Buch sind nun 66 Bilder zu sehen, zum Teil mehrfach in verschiedenen Ausschnitten. Wie viele Bilder haben Sie an diesem Tag gemacht?

Ich meine mich zu erinnern, dass ich mir damals vorgenommen hatte, vor allem Porträts zu machen. Das hatte seinen Grund: Die Zeitungsbilder von der Maueröffnung und dem Prozess der Wiedervereinigung zeigten immer große Menschenmengen, Menschen, die Fahnen schwingen und "Wahnsinn" rufen. Der Blick auf diese Ereignisse ist sehr westlich geprägt gewesen. Mir war es wichtig zu zeigen, dass es Individuen sind, die auf dieses Ereignis reagieren. In der Nacht zum 3. Oktober 1990 sind 32 Porträs entstanden. Mehr hätte ich nicht geschafft, nicht mit diesem Impetus. Irgendwann ist die Kraft zu Ende.

Die Tagesschau vom 3. Oktober 1990 zeigt, wie voll und laut es gewesen ist.

Ich bin selbst ein bisschen fasziniert davon, dass es mir gelungen ist, in dieser tobenden Menschenmasse so ruhige Porträts zu machen. Ich hatte das Bestreben, ein möglichst großes Spektrum abzubilden zwischen jung und alt, Ost und West und verschiedenen sozialen Schichten. Ein bisschen wie August Sander in nur einer Nacht, wobei der Gedanke natürlich größenwahnsinnig ist. Ich zeige die Bilder jetzt nicht nur so, wie ich sie damals fotografiert habe. Ich habe extreme Ausschnittsvergrößerungen von Rand-Ereignissen auf diesen Negativen gemacht. Im Buch sind diese randabfallend, mal als Ausschnitt, mal als Montage vertreten. Die Porträts hingegen stehen mit viel weißem Rand für sich.

Wie stark ist diese Auswahl von der Entwicklung seit 1990 geprägt? Oder anders gefragt: Hätten Sie, wenn Sie andere Bilder ausgewählt hätten, ein anderes Narrativ generieren können?

Es ist ein Blick in das Archiv von heute aus. Es gibt zum Beispiel das Porträt eines jungen Mannes, der sein Gesicht mit der Deutschlandfahne bemalt hat. Das ist auf den ersten Blick irgendwie lustig und man denkt, 'Ah, diese Art Gesichtsbemalung hat es also schon vor der Fußballweltmeisterschaft gegeben.' An anderer Stelle ist nur sein Gesicht zu sehen, aus dem seine Augen hervorstechen und sein irrer Blick rauskommt. Da wird die ganze Sache plötzlich gruselig.

Überhaupt sind deutlich mehr Männer abgebildet.

Das ist nicht meinem sexistischen Blick geschuldet. Es war eine sehr männlich dominierte Veranstaltung.

Besonders irritiert ein Mann mit Schreckschusspistole in der Hand. Er steht ruhig in der Menge und keiner scheint ihn zu registrieren.

Auch die sogenannte "Friedliche Revolution" war nicht so friedlich. Ab einem gewissen Zeitpunkt gab es auch da viel Wut und Aggression.

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990
Foto: Andreas Rost / Courtesy Wasmuth und Zohlen

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990

Waren an diesem Abend überwiegend Ostdeutsche da?

Ja, es sind vor allem Ostdeutsche gewesen. Die Wiedervereinigung ist in Ostdeutschland natürlich deutlich freudiger begrüßt worden als im Westen. Der Westen dachte eher an die Kosten.

Und mancher West-Berliner war traurig, weil sein Insel-Dasein zu Ende war.

Der verrückte Mann mit dem Stahlhelm, das ist natürlich ein Typ aus dem Westen, das ist klar. Es gibt auch andere. Man sieht das sofort an den Klamotten und dem Habitus.

Wobei diese Zuordnung über äußere Merkmale schwerer fällt, wenn man die Zeit damals nicht selbst erlebt hat. Haben Sie mit den Leuten gesprochen, sie gefragt, wo sie herkommen, warum sie da sind?

Teilweise habe ich mit Leuten geredet. Es wäre toll gewesen, wenn ich damals alles noch notiert hätte. Die Fotos sind zum Teil auch mit ihrem Einverständnis entstanden. Die Kamera war groß, dazu das Blitzlichtgerät. Ich war als Fotograf nicht zu übersehen. Wenn man als Fotograf eine Weile an dem immer selben Ort rumsteht, fangen die Leute an, einen zu ignorieren. Dann kommen die guten Momente.

Einige Bilder sind im vergangenen Jahr im Buch "Das Jahr 1990 freilegen" veröffentlicht worden, an dem Sie mitgearbeitet haben. Hat sich jemand gemeldet, der sich wiedererkannt hat?

Nein, noch nicht. Ich warte drauf. Bertram Kaschek, Kurator am Kupferstich-Kabinett in Dresden, hat sich die Fernsehaufnahmen besorgt und auf ihnen Leute von meinen Bildern wiederentdeckt. Von den älteren werden einige schon nicht mehr leben. Wenn sich jemand von den jüngeren melden würde, würde ich mich wirklich freuen. Dann könnten wir darüber sprechen, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Verstehen Sie sich als Chronist der Wiedervereinigung?

Im Nachhinein ja. Damals war es eher so, dass ich als Bürgerrechtler frustriert war, insbesondere über die Wahl im März 1990. Ich habe das alles gar nicht verstanden. Meine Fotografie war eine klare Suchbewegung: Ich bin auf die Straße gegangen und wollte verstehen, was da los ist. Die Erklärung, dass die Leute nur nach der D-Mark und der Banane gerannt sind, die war mir zu simpel und nicht glaubhaft. Im Rückblick war ich damit ein Chronist, auch wenn ich nicht wie Gerhard Gäbler umfassend ganze Ereignisketten vollständig abgebildet habe. Ich wollte einen Zugang zu den nonverbalen Äußerungen der Menschen finden, zu ihren Gefühlen.

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990
Foto: Andreas Rost / Courtesy Wasmuth und Zohlen

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990

Wie war Ihre Gemütslage an dem Abend?

Ich hatte eine große Ambivalenz in mir. Auf der einen Seite habe ich mich sehr über diese Wiedervereinigung gefreut. Ich bin an dem berühmten 9. Oktober 1989 in Leipzig auf der Straße gewesen und auch an den Montagen zuvor. Und eine Woche später, an dem 16. Oktober, war ich mit Andreas Schurig, dem Geschäftsführer der SDP unterwegs - Sie sehen meinen sozialdemokratischen Background. Ein paar Arbeiter haben gerufen: "Die Mauer muss weg." Wir beide haben uns groß angeguckt und uns ist sofort klar gewesen, dass das richtig ist, weil es überhaupt keinen Sinn gemacht hätte, zwei demokratische Deutschländer nebeneinander zu haben. Insofern kann ich sagen, dass ich die Wiedervereinigung früh wollte, vielleicht auch früher als andere Bürgerrechtler. Nach der Maueröffnung war ich aktiv am "Runden Tisch" in Leipzig. Was ich wirklich nicht wollte, war der Anschluss an die BRD. Ich wollte eine Verfassungsdiskussion.

Stattdessen regelte der Einigungsvertrag vom 31. August 1990 den Beitritt der DDR zur BRD.

Im Oktober 1990 war klar, dass es eine Übernahme geworden ist. Insofern war ich auch frustriert. Die Zeit war extrem hektisch. Mit den Porträts habe ich mich intensiv distanziert, mir so Raum geschaffen, um über die Ereignisse nachzudenken.

Was hat sich für Sie, damals 24-jährig, in diesem Jahr verändert, positiv wie negativ?

Im Grunde genommen ist alles positiv geworden: Als ich angefangen habe zu studieren, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich ein Dokumentarfotograf werden könnte, der durch die Welt reist und politische Prozesse fotografiert. Ich war und bin eine Leseratte. Und plötzlich hatte ich Zugang zu jedem Buch. Ich kam an Kameras ran, konnte mir eine Leica kaufen. Alles wurde irgendwie besser. An diesem 3. Oktober 1990 war ich aus der Politik raus. Ich hatte das Tacheles mit einer Gruppe von Künstlern besetzt. Das war für mich eine unglaublich schöne Geschichte, weil ich aus dieser deutsch-deutschen Gemüsesuppe raus war. Das Tacheles war in dem Sommer schon ein internationales Projekt geworden. Durch meine Arbeit am Runden Tisch war mir jedoch klar, dass es sehr vielen Menschen nach der Wiedervereinigung erstmal schlechter gehen würde, weil sie einen sozialen Abstieg durchlaufen. Das war nicht mein Interesse, auch nicht das Interesse von Bürgerrechtlern.

Gibt es heute, 30 Jahre später, für Sie persönlich negative Folgen der Widervereinigung?

Ich habe dank der Wiedervereinigung das unverdiente Glück eines deutschen Passes und damit eine privilegierte Stellung in dieser Welt bekommen, die ich zum Arbeiten nutzen konnte. Ich habe in Afghanistan und im Sudan fotografiert. Noch im Januar bin ich nach Brasilien geflogen. Da stand ich auf dem Flughafen, und ich dachte: "Wahnsinn, die lassen, dich raus!" Insofern kann ich mich nicht beschweren. Mit einem Westhintergrund würde ich karrieretechnisch irgendwo ganz woanders spielen.

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990
Foto: Andreas Rost / Courtesy Wasmuth und Zohlen

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990

Inwiefern?

Fragen Sie nicht wie oft ich gehört habe: "Ein Schüler von Arno Fischer und noch dazu ein Ossi kommt uns nicht ins Haus!"

Ins museale oder akademische Haus?

Genau. Diese Karrierebeschränkungen für den ostdeutschen Hintergrund habe ich intensiv erlebt. Das war und ist gelegentlich frustrierend, das gebe ich zu. Ich habe in meinem Leben, aus meiner Perspektive, eine wunderbare Karriere gemacht. Vor allem im Vergleich zu dem, was ohne die Wiedervereinigung möglich gewesen wäre.

Matthias Flügge beendet sein Vorwort zu Ihrem Buch mit der Feststellung, die Operation deutsche Einigung sei nicht abgeschlossen. Ein Satz, den sie unterschreiben würden?

Das ist ein Satz, den ich unbedingt unterschreiben würde. Leute, die nach 1989 geboren sind, sagen noch immer von sich: "Ich bin Ossi." Das kann doch nicht das Ziel der Wiedervereinigung gewesen sein, dass sich Leute, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben, noch immer gedanklich in dieses Ghetto begeben.

Diese Generation wurde in Familien hineingeboren, die 40 Jahre DDR erlebt haben, von diesem Staat geprägt wurden. Diese Prägung verschwand ja nicht mit dem 3. Oktober 1990. Je nachdem, welche Erfahrungen die Familien in der DDR, aber auch nach der Wiedervereinigung gemacht haben, prägt das auch die nächste Generation. Viele haben nach 1989 die Biografien einzelner Familienmitglieder brechen sehen.

Klar, viele Kinder haben in den der 90er-Jahren Eltern erlebt, die in permanenter Sorge um ihren Job lebten, nicht wussten, ob sie ihre Wohnung würden halten können. Das sind extrem frustrierende Erfahrungen und Kränkungen.

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990
Foto: Andreas Rost / Courtesy Wasmuth und Zohlen

Andreas Rost, "Wiedervereinigung", 1990

Das Bedürfnis, sich als "ostdeutsch" zu bezeichnen, rührt sicher auch aus dem Bedürfnis, der Unterschiedlichkeit zu Gleichaltrigen aus den alten Bundesländern Ausdruck zu verleihen, die sich etwa im finanziellen Background oft deutlich zeigt.

Ich sehe schon auch, dass Leute, die sich heute als "Ossis" bezeichnen, eine gewisse Stärke aus dieser Bezeichnung ziehen und darin eine neue Qualität entdecken. Anders als der jahrelang negativ konnotierte "Jammer-Ossi". Dennoch bin ich erstaunt über diese Prozesse. Ich hatte die optimistische Hoffnung, dass 20, 30 Jahre später keiner mehr drüber nachdenkt.

Trotz aller Schwierigkeiten sind viele Dinge auch gut gelaufen. Das wird in der Debatte manchmal unterschlagen. Die nach 1989 in den neuen Bundesländern Geborenen haben das Geschenk der deutschen Staatsbürgerschaft, der Demokratie und Freiheit qua Geburt mit auf den Weg bekommen.

Deswegen versuche ich, diese Wiedervereinigung differenziert darzustellen. Es geht mir nicht darum, dass ich als großer Foto-Künstler gefeiert werde, sondern darum, Diskussionsprozesse zu begleiten. Ich freue mich, wenn Leute vor meinen Bildern stehen und darüber sprechen, so wie wir es gerade tun.

Haben Sie bei Pegida-Demos fotografiert?

Ja, ich habe auch jetzt bei den Corona-Demos fotografiert. Auch da werde ich eine Weile warten, ehe ich die zeige. Ich kann da sehr schnell Fotos machen, die in meiner sozialen Peer-Group, im linken, demokratisch gesinnten, intellektuellen Niveau erfolgreich sind. Dieser Erfolg ist zu einfach, weil er nicht erklärt, was dahinter steht. Das ist immer mein Bestreben. Ich versuche, die Geschichte hinter der Geschichte zu finden, die Motivation oder die Gefühle. Bei Pegida und den Hygienedemos ist das noch schwieriger. Deshalb sammeln sich diese Fotos sehr langsam zusammen.

Jetzt stellen Sie die Fotos in Dresden im Kupferstich-Kabinett aus, das den Werkkomplex jüngst angekauft hat. Die Fotos gemeinsam mit Ihren Bildern vom 3. Oktober 1990 zu präsentieren wäre Ihnen zu platt und zu didaktisch gewesen?

Ja. So einfach ist der Schnitt auch nicht. Es gab 1990 und demzufolge auch auf meinen Bilder auch Leute, die sich gefreut haben und zwar völlig zu Recht, weil vieles einfacher geworden ist. Es gibt dieses schöne Bild mit Vater und Sohn. Der Sohnemann hat eine Büchse "Sprite" in der Hand und Papa eine Büchse Bier. Auf einem sehr menschlichen Niveau freuen die sich einfach und das ist wunderschön. Ich bin kein Journalist und kein Agitator in irgendeiner Propaganda-Schlacht. Ich möchte das in aller Ambivalenz und Differenziertheit dargestellt wissen.