Frühe Aktzeichnungen von Warhol

Männer kurz vor ihren 15 Minuten Ruhm

Andy Warhol, ein junger Werbegrafiker, der so gerne Künstler wäre, zeichnet in den 50ern unzählige Männer-Akte. In ihnen ist schon das komplette Menschenbild des späteren Pop-Papstes skizziert. Ein neuer Bildband lädt zum Mitlümmeln ein

Sie würden es einem sicher nicht übel nehmen, diese sauber gescheitelten Herren, wenn man sich erst einmal dem Drumherum zuwendet. Warum, wird man fragen dürfen, geht es ihnen so gut? Da sind Pflanzen, Sessel, Möbel, da sind geschwungene Linien, die nichts Bestimmtes darstellen, außer vielleicht ein generelles Formempfinden im Design der 1950-Jahre. Manchmal bäumt sich so eine unkonkrete Form auf und lässt an irgendwas Sexuelles denken, wächst dem Betrachter als Zweideutigkeit entgegen, als vage Zote.

Der Werbegrafiker Andy Warhol wusste, die Aufmerksamkeit auf Produkte zu lenken und die Beziehung des Konsumenten zu diesen darzustellen. Auch beim Kunststudium in Pittsburgh wurde dem Studenten von seinem Lehrer Robert Lepper beigebracht, darauf zu achten, wie sich die Objekte und Menschen zueinander verhalten. Die Porträtierten in Warhols Kugelschreiber- und Tuschezeichnungen der 50er sitzen, stehen, knien, lehnen in beneidenswerter Behaglichkeit – das zeigt der Band "Andy Warhol Love, Sex & Desire: Drawings", der jetzt im Taschen-Verlag erscheint und Abbildungen von 300 solcher frühen Papier-Arbeiten enthält.

Diese Männer also, sie sind entspannt, und der sie umgebende Raum lässt maximale Intimität und Geborgenheit zu: ein Kissen umläuft wie eine warme Welle den Kopf, eine nackte Figur hat sich einen Schal überworfen, ein wahrscheinlich weicher Teppich lädt ein, sich auf den Boden zu hocken, ein Sessel zum Sitzen. Ein Mann tippt mit dem Finger zum Rand des Blattes; er wird vielleicht Musik anschalten.

Jenseits des Fitness-Modernismus

Es sind moderne Wohnungen, in denen sich die Männer aufhalten. Doch von diesem protzigen Fitness-Modernismus, den der Brite Richard Hamilton zur gleichen Zeit in seiner berühmten Collage "Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?" zusammenbaut, sind Warhols Andeutungen eines Zuhauses weit entfernt – und damit auch vom Beginn der Pop-Art, als dessen erstes Dokument Hamiltons Collage vielen gilt.

Andy Warhol, der, als diese Zeichnungen entstanden, gemeinsam mit seiner Mutter und vielen Katzen in einem chaotischen und streng riechenden Apartment wohnte, zeichnete das Ambiente in eleganten Linen, die abbrechen, ausblenden, andeuten. Raum und Tiefe entsteht durch diese Striche selten. Diese Männerzeichnungen sind wie Zustände des Verliebtseins: Etwas umgibt den Geliebten, Details tauchen auf aus dem rauschenden, stillen Strom des Glücks – ragen aber kaum hinein in die Wahrnehmung. Es zählt allein: dieser eine Mensch.

Das Spiel mit Symbolen und Metaphern ist Warhols zeichnerischem Werk der 50-Jahre eigen: Mal tauchen Birnen als Sexualsymbol neben der begehrten Person auf, mal reiten Frauen auf einem Hahn, kalauernd mit dem englischen Wort "cock". Dann wieder werden Blumen und Pflanzen zur Illustration einer gewissen Noblesse dem Mann zur Seite gestellt: Ein Gewächs streckt seine fingerartigen Blätter aus, Richtung Haut – es wirkt wie eine Geste der Verbrüderung.

Künstlerisches Äquivalent zur Zigarette danach

Und natürlich sind da die Herzen, die herumfliegen als universelles, kindliches, jugendliches Symbol. In ihnen verdichtet sich die Stimmung dieser Arbeiten, das katerhaft umherschweifende Begehren und der schalkhafte Umgang damit. Diese Herzen auf der nackten Haut, als Brustwarze, in den Augen oder als flatternde Blätter sind das Äußerste an Statement, das der Künstler, der nach eigenen Angaben nie verliebt war, sich erlaubt.

Gleichzeitig relativieren sie jede Aussage, denn sie geben der Erotik der Gesten, Haltungen und der Nacktheit eine humoristische Note. Die totale Zuneigung, ausgedrückt in den naiven Herzen, wird zur augenzwinkernden Distanz. Diese paradoxe Technik der negativen Affirmation wird diesen Andy Warhol bald schon berühmt machen.

Doch noch war der blasse Grafiker, der so gerne Künstler werden wollte, ein einsamer Mensch. Meist, so vermutet man heute, blieb es beim stillen Anhimmeln der Porträtierten. Wenn überhaupt. Auch wenn diese Zeichnungen manchmal wirken wie ein künstlerisches Äquivalent zur Zigarette danach – sie sind eher Ausdruck des verschämten Blicks. Und des rettenden Umgangs mit Begehren und Einsamkeit durch karikaturhafte Raffinesse.

Männer, die nicht "nur aus Ächzen und Keuchen bestehen"

Den Modellen mochte der Witz dieser Blätter gefallen haben. Trotz aller Melancholie und Sensibilität, die sie ausstrahlen, traut man ihnen zu, dass sie an der Erotik mit all ihren Verwicklungen "auch die komische Seite sehen" und nicht "nur aus Ächzen und Keuchen bestehen", so wie Truman Capotes Romanfigur Holly Golightly es sich von den Männern dieser Jahre wünscht.

Andy Warhol zeichnete Freunde und Freundes-Freunde, manchmal aus dem Gedächtnis, häufig saßen sie ihm Modell. 1956 präsentierte er einige Männerporträts in einer Einzelausstellungen in der New Yorker Bodley Gallery. Diese jungen Männer waren halb Jungen, halb Dandys (oder besser die mittellose Variante davon: Bohemiens). Falls sie mit dem Betrachter kokettieren, falls sie Narzissten sind, dann sehr subtil.

Schon der damalige Warhol hatte wahrlich nichts gegen Posen, wie er mit seiner bekannten Zeichnung eines rauchenden James Deans 1957 auf dem Umschlag des "Gold Book" eindrucksvoll bewies: War das wirklich James Dean oder einer seiner Epigonen?

"Jeder und alles ist interessant"

Die Männern in Warhols frühen Akten sind indes noch nicht durchdrungen von der Posenhaftigkeit wie spätere Modelle, die der Pop-Papst, der er dann sein wird, in den 1980er-Jahren mit seiner Polaroidkamera fotografiert und abzeichnet. Unsere Fifties-Bohemiens brauchen nicht den Kopf hysterisch in den Nacken werfen, nicht das gefrorenen Lachen, nicht die weit aufgerissenen Augen.

Ihnen reicht zum effektvollen Auftritt ein aufgestütztes Kinn, schwere, lange Lider, ein Blick, der scharf zur Seite gerichtet ist, so wie bei Warhol Putti und Katzen blicken als Ausweis größter Niedlichkeit und Unschuld. Die Porträtierten strahlen eine Stille und Ruhe aus, die niemals statisch wirkt, sondern sehr gelöst. Kann sein, dass sie gleich zur Gitarre greifen und was Wehmütiges drauf zupfen. Kann sein, sie schenken sich noch einen Gin ein und philosophieren ein bisschen vom sogenannten großen Ganzen. Oder aber sie schweigen weiter und gehen irgendwann schweigend, ohne Abschied.

Etwas hat sich geändert über die Jahre, an denen der Porträtist Warhol immer weiter an einem Bild vom Menschen, an einem Menschenbild arbeitete: Die Inszenierung des Ichs bis zur Ikonenhaftigkeit erlangte immer neue Qualitäten. Warhol wurde Chronist und Protagonist des sich verfeinernden Star-Systems. Doch sein Wunsch nach beiläufiger Kunst wird man wiederfinden im späteren Werk, besonders in den Filmen. Immer wieder wird der Popstar in Interviews Sätze wie diese sagen: "Jeder und alles ist interessant. Vor Jahren saßen die Leute am Fenster und guckten auf die Straße. Oder sie saßen auf einer Parkbank. Sie saßen da stundenlang, ohne sich zu langweilen, obwohl nicht viel passierte."

Menschen, die etwas verkörpern, statt etwas darzustellen

Der Film "Sleep" (1963) etwa, der über Stunden den schlafenden Dichter John Giorno zeigt, offenbart das Bemühen, den Beobachter für den Beobachteten unsichtbar zu halten. Jemanden in ein Bild zu verwandeln, in einen Menschen, der etwas verkörpert und nicht etwas darstellt.

Die Akteure der Factory inszenierten sich als Superstars, in den 50er-Jahre-Zeichnungen aber kann man eine Intimität entdecken, die später der berühmte Künstler kaum noch einzufangen vermag. Die Jungen und Männer auf diesen Blättern lösen sich fast auf vor lauter Träumerei. Der selber unscheinbare Warhol verzichtete in diesen Zeichnungen, in den vielen Porträts, die er in dieser Zeit ausführt, meist auf Schraffur; er gab den Gesichtern und Körpern keine Fülle, keine Tonalität. Die Porträtierten bleiben Umriss – so wie auch die Phantasie sich seine Gegenstände nie zur Gänze ausmalt.

Doch Warhol führte den Kugelschreiber und die Tuschfeder mit einiger Bestimmtheit, die sein Talent und seine Sicherheit zeigt. Der Werbegrafiker wusste genau, was er sich als ernsthafter Künstler zutrauen durfte. Es wird nicht mehr lange dauern: Aus dem Zuhause wird die Factory, aus den Männern Darsteller, die ihre 15 Minuten suchen, aus dem schüchternen, einsamen Andy Warhol der Künstler des Jahrhunderts.

Nur noch einmal zurücklehnen und Luft holen – es wird anstrengend werden.