Anne-Imhof-Album

Faust aufs Ohr

Anne Imhofs preisgekrönte Venedig-Performance "Faust" gibt es jetzt auch als Album. Zwischen Wagner und Noise-Rock zitiert es die Apokalypse herbei

Noch bevor die Jury der Venedig-Biennale Anne Imhofs "Faust" mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet hatte, nahm die Schlangen vor dem deutschen Pavillon Berghain-Dimensionen an. Kunststudenten in schwarzen Hoodies schlichen sich durch die Hintertür hinein, Kritiker und Sammler nahmen stundenlange Wartezeiten auf sich, um dem Performance-Epos beizuwohnen, den Imhofs junge und wunderschön kaputte Akteure mit einer hypnotisierenden Apathie darboten. Imhof hatte den Nazi-Bau, an dem sich die Vertreter Deutschlands jede Biennale aufs Neue abarbeiten, mit doppeltem Glasboden ausgestattet und mit einem von Dobermännern bewachten Zaun umrandet. Es war 2017, das Jahr, in dem die AfD erstmals ins Parlament einzog, und Deutschland präsentierte sich als Festung.

Imhof bezeichnete "Faust" als Oper, und tatsächlich unterbrachen die Performer ihre zwischen Gewalt und Begehren changierenden Zeitlupen-Kämpfe und ihr Hantieren mit rohen Brathähnchen immer wieder durch chorale Gesänge. Dazu ertönten aus dem im Raum verteilten Soundsystem und den Smartphone-Lautsprechern der Performer in unregelmäßigen Abständen dissonante Klänge.

Verantwortlich für das Klanggerüst der fünfstündigen Performance war der Musiker Billy Bultheel, mit dem Imhof auch für  "Angst" (2016)  und "Sex" (2019) kollaborierte und der in ihren Werken als Performer auftaucht. Seine "Faust"-Kompositionen hat er nun in Zusammenarbeit mit der Künstlerin, ihrer Partnerin Eliza Douglas und Franziska Aigner, die ebenfalls zum Performer-Kernteam gehört, zu einem Album kondensiert. Erschienen ist das Ganze bei PAN, einem der spannendsten Berliner Labels für experimentelle elektronische Musik, abgemixt wurde es mit der Hilfe von Labelkollegen und Amnesia Scanner-Mitglied Ville Haimala, die Booklet-Fotografien stammen von Nadine Fraczkowski, die Imhofs Performer seit Jahren in intimen Bildern porträtiert.

Musik für das Ende aller Zeiten

Ähnlich wie Imhofs Gesamtkunstwerk ist auch das Album bevölkert von widersprüchlichen Botschaften und Referenzen. Inspiration fand Bultheel im "Quatuor pour la fin du temps", das der französische Komponist Olivier Messiaen 1941 in deutscher Kriegsgefangenschaft verfasste. Messiaens Stück wiederum basiert auf der Offenbarung des Johannes, dem einzigen prophetischen Buch des Neuen Testaments, in dem immer wieder apokalyptische Motive auftauchen, und tatsächlich klingt Bultheels "Opening March" mit seiner schweren Blas- und Streichmusik und seinen sakralen Chören, als solle er das Ende der Zeit einläuten.

Die Tracks verweben dröhnende Fanfaren und schwer stampfende Trommeln mit verzerrten Soundeffekten, es sind Stücke mit bleiernen Titeln wie "Trauermarschmusik", die klingen, als hätte Wagner den Noise-Rock für sich entdeckt. Vereinzelt finden akustische Relikte der Performance ihren Weg in die Studioaufnahmen. Hier das Rascheln der Adidas-Trainingshosen, dort der Hall des kargen Pavillons.

Kakophonie der Zitate

Unterbrochen werden die instrumentellen Stücke immer wieder von Gesangseinlagen. "Pale and young / I am your leader" singt Douglas düster und langgezogen, und auch wenn sie sich dabei bemüht zu klingen wie die Goth-Wave-Ikone Nico, büßen die faschistoid angehauchten Zeilen aus dem Kontext der Performance gelöst einen Großteil ihrer ambivalenten Sogkraft ein. Bei jenen, die es 2017 in die Festung Germania schafften, wird "Faust" bildgewaltige Erinnerungen auslösen.

Man sieht die leeren Blicke der Performer, wenn sie mit einem in die verlängerte Adoleszenz weitergetragenen Teenager-Weltschmerz vom Suizid singen, sieht, wie Douglas mit "Anne"-Tattoo und E-Gitarre über der nackten Brust in diesem Zoogehege-Kubus steht, umgeben von einem tropfenden Wasserschlauch, an der Wand zerplatzten Eiern und den smartphonezückenden Zuschauern hinter der Glasscheibe. Man muss sich den Pavillon dazudenken, sonst kippt "Faust" in eine allzu theatralische Kakophonie der Zitate.

Interessant bleibt das Album dennoch, weil es gerade zum Ende hin perfekt Imhofs Zeitdiagnostik einfängt. "Fausts Last Song" ist ein Kanon an Schreien, mehr Höllenfeuer als Death Metal, der langsam zum kollektiven kathartischen Brüllen einer Herde mutiert. Im zweiten Teil des Stückes wächst das beunruhigende verzerrte Rauschen noch einmal zu einem monotonen Strudel heran, dann endet das Album und so aprupt, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Mit seinen Endzeiterzählungen und seinen Ausschlußmechanismen, seinem apathischen Taumeln und seinen verheißungsvollen Gesängen, die ins Nichts führen, beschreibt "Faust" treffsicher einen düsteren Zeigeist - sowohl in Performance- als auch in Albumform.