Neue Slowenische Kunst

Apologija Laibach

Im Herbst 1980 pflasterten Jugendliche die Straßen der zentralslowenischen Stadt Trbovlje mit Druckgrafiken, um ein Konzert und eine Ausstellung anzukündigen. Auf einem Plakat prangte ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund, auf einem nächsten ein rotes Kreuz. Ein drittes, ein Holzschnitt, zeigte einen Mann, der sich mit einem Messer am Auge eines anderen Manns zu schaffen macht, Blut fließt, aber das Opfer umklammert den Täter, der eben auch ein wohlgesinnter Arzt sein könnte. Unter jedem Motiv stand das böse Wort „Laibach“ – der deutsche Name der Stadt Ljubljana.

Konzert und Ausstellung wurden nicht genehmigt, und genau diesen Widerstand nahm das Kollektiv als Zeichen dafür, dass es wenig braucht, um viel bewegen zu können. Es kann kein Zufall sein, dass die Gruppe Laibach sich im Todesjahr Titos formierte. Im Rückblick begann hier der Zerfall der Idee Jugoslawien und des realen Landes. An den ersten Rissen durch das Reich wurden Energien frei, die kaum jemand so gut zu kanalisieren wusste wie diese Arbeiter- und Künstlerkinder aus Trbovlje. „Laibach-Kunst markiert das Ende einer Ära des Suchens“, heißt es in einem Manifest, das das Kollektiv 1983 zu seiner Premierenschau in der Galerija Škuc in Ljubljana veröffentlichte.

Im Jahr 34 ihres Bestehens ist Laibach vor allem als Industrial-Band bekannt und wird im Westen genauso geschätzt wie im ehemaligen Ostblock. „Alles kommt, alles geht / Nur wir sind immer hier“, heißt es auf dem Album „WAT“ – Laibach liebt es, sich als übergeschichtliche Konstante zu inszenieren, die sich bei beliebigen Epochen bedient, aber selbst jenseits aller Epochen steht. Es ist deshalb besonders reizvoll, wenn dieses angeblich transhistorische, affirmative Kollektiv mit historisch-kritischen Mitteln auseinandergenommen wird. Der britische Kulturwissenschaftler Alexei Monroe hat 2005 bei MIT Press das Buch „Interrogation Machine“ veröffentlicht, das nun endlich auf Deutsch erscheint, erweitert und aktualisiert: „Laibach und NSK. Die Inquisitionsmaschine im Kreuzverhör“.

Fansein bedeutet Apologetentum

Monroe schreibt aus einer unbedingten Fan-Haltung, und Fansein bedeutet im Falle Laibachs auch immer als Apologet zu sprechen: Von Anfang an wurde dem Kollektiv vorgeworfen, rechts zu sein. Denn Laibach fordern Autoritäten nicht als Individuen heraus (das westliche Modell), sondern als Kollektiv – schließlich versteckt sich auch die provozierte staatliche Gewalt hinter einer Anonymität aus Ämtern und Uniformen. Laibach haben sich immer als Gruppe aus vier fiktiven Figuren inszeniert, die die teutonischen Namen Keller, Dachauer, Eber und Saliger tragen. In Wirklichkeit veränderte sich die Besetzung immer wieder.

Jugoslawien war seit dem frühen Bruch Titos mit der Sowjetunion und dem Ostblock liberaler als andere sozialistische Länder. Selbstverwaltung galt als Ideal, nicht nur in der Wirtschaft. Der sozialistische Jugendbund diskutierte und förderte die Punkbewegung, die um 1980 in Ljubljana und Belgrad aufkam, als Ausdruck von Kraft und Kreativität. Doch Laibachs rustikale Ästhetik und die Bezüge zur vorjugoslawischen Geschichte Sloweniens stießen an die Grenzen der Toleranz. Schon nach der Poster-Intervention verfasste die Jugendorganisation von Trbovlje eine Stellungnahme: „Wir meinen, dass nicht alles – und besonders nicht das, was die Älteren während des Krieges durchmachten – im Namen von ‚Punk‘ an die Mauern geklebt werden kann.“

In einer frühen Verteidigung aus den 80er-Jahren – Titel: „Warum Laibach nicht faschistisch ist“ – machte der slowenische Essayist Slavoj Žižek die „Überidentifikation“ mit den herrschenden Verhältnissen als Leitlinie der Gruppe aus. Laibach trugen nicht nur die Uniform des sogenannten Vaterlands, sondern benutzten immer wieder Zitate von Politikern, stellten sie in neue Zusammenhänge, sodass die zugrunde liegenden absoluten Ansprüche zutage traten. Laibach gäben sich „totaler als der Totalitarismus“, schrieb der Kunsttheoretiker Boris Groys.

Von Groys und Žižek über Deluze/Guattari bis Bataille – Monroe präsentiert einen ganzen Fuhrpark europäischer Denker und kann mit ihnen überzeugend und unterhaltsam (aber auch etwas redundant in seiner Begeisterung) die Wichtigkeit Laibachs belegen. Mit großer Geste führt der Brite auch noch einmal das alte, aber einleuchtende Argument auf, dass Laibach in parodistischer Manier auf den versteckten Totalitarismus der Pop-Musik aufmerksam macht. 

Comicartige Darstellung Osteuropas

Das Buch ist aber auch eine perfekte Darstellung der anekdotenreichen Geschichte der Band und in seiner Materialfülle unverzichtbare Quelle für Kunsthistoriker, die über Neue Slowenische Kunst (NSK) arbeiten wollen. NSK wurde 1984 gegründet, unter dieser Bezeichnung gingen mehrere Kollektive auf: die Malergruppe Irwin, die Motivwelten Laibachs aufgriff und mit Volkskunst verband, die Grafiker von Novi Kolektivizem, die in den 80er-Jahren mit einem Pastiche eines Nazi-Propagandaplakats einen staatlichen Posterwettbewerb gewannen (Skandal!), die Theatergruppe Noordung. Laibach selbst und andere.

1991, nach den ersten Bürgerkriegen auf dem Balkan, erklärte man NSK zum Staat ohne Territorium, zum Staat in der Zeit – was einer Auflösung des Kollektivs gleichkam. Jedermann kann heute NSK-Bürger werden und in den in der Welt verstreuten NSK-Botschaften einen Pass beantragen. Bürger dieses fiktiven Staates reisten damit reale Staaten, und vor einigen Jahren bewarben sich angeblich „tausende Nigerianer um die NSK-Staatsbürgerschaft, da sie glaubten, einen einfachen Weg nach Europa gefunden zu haben“, wie Monroe berichtet. „Das slowenische Außenministerium erhielt zahlreiche Anfragen und sah sich 2007 genötigt, auf seiner Website zu verlautbaren, NSK-Pässe seien keine offiziellen Pässe.“

Es sind solche Geschichten, die „Laibach und NSK“ so lesenswert machen. Es ist doch verwunderlich, wie sich die comicartige Darstellung osteuropäischer Wirklichkeit – darin etwa auch Wes Andersons jüngstem Film „Grand Budapest Hotel“ mit seinem amerikanischen Blick aufs alpine Europa sehr ähnlich – mit der realen Realität durchkreuzt. Die dramatischen Inszenierungen von Laibach und NSK finden immer wieder ihre Spiegelbilder in der Realpolitik: ob im sozialistischen Jugoslawien, im postsozialistischen Slowenien und im Balkankrieg, ob in der Bush-Ära oder zurzeit, wo uns totalitäte NSA-Überwachungsszenarien oder die Wiederbelebung altmodischer Territorialkämpfe wie in der Krimkrise bewegen.

Alexei Monroe "Laibach und NSK. Die Inquisitionsmaschine im Kreuzverhör", 2014, Ventil Verlag, 344 Seiten, 24,90 Euro. Kürzlich ist von Laibach das Album „Spectre“ erschienen