Berlin-Roman "Aufprall"

Heteronormativ und freudlos

Bettina Munk, Heinz Bude, Karin Wieland (von links nach rechts), 2019
Foto: Dawin Meckel/Ostkreuz

Bettina Munk, Heinz Bude, Karin Wieland (von links)

Der Berlin-Roman "Aufprall" von Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland zeichnet die 1980er-Jahre härter, als sie waren. Das Androgyne, Queere, Dekadente fehlt

"West-Berlin, 1980er-Jahre: Punk und Straßenschlachten. Aids und Drogen, raue Kunst und wilde Theorien. 'Aufprall' ist der Roman einer Generation." Zu lesen ist das auf dem Cover des autobiografischen Erstlingsromans, den der Soziologe und Philosoph Heinz Bude, die Künstlerin Bettina Munk und die Schriftstellerin Karin Wieland gemeinsam geschrieben haben.

Sie erzählen die Geschichte einer Gruppe von Berliner Hausbesetzerinnen und Hausbesetzern von den anbrechenden 1980er-Jahren bis zum Mauerfall. Durch einen schrecklichen Autounfall bei Prag werden sie völlig aus der Bahn und aus dem Leben geworfen. Das ist der Aufprall. Hört sich toll an. Auch das kollektive Schreiben. Doch das funktioniert nicht toll. Das Buch besteht aus einer Abfolge von historischen Ereignissen (Tunix, Lummer, Reagan, Tschernobyl) und detaillierten Monologen, in denen es um Klassenkampf, das Programm des Merve Verlags, Salomé, Rainer Fetting, Elvira Bach, Abtreibungen, Philosophieseminare von Jacob Taubes, Nazivergangenheit, Dachreparaturen oder die Schaubühne geht.

"Aufprall" kommt betont unsentimental und leicht ironisch daher, strotzt aber immer wieder von banalem, pseudoliterarischem Kitsch: "Elena war ein schutzloses Wesen, dem eine dunkle Schuld eingepflanzt worden war. Wenn sie irgendwo zu Hause war, dann in der Literatur." "Robert gehörte zu den ganz wenigen Männern, die es sich leisten können, im Sommer kurze Hosen, Socken und spitze Schuhe zu tragen." Die einzige Stelle, an der die Sprache präzise und hart wie ein Pflasterstein wirkt, erzählt vom Autounfall und der anschließenden Heilung der Künstlerin Luise, ihren Schuldgefühlen, der Entfremdung vom eigenen Körper. Grandios. Der Rest liest sich wie ein Telefonbuch.

Da bleib ich kühl, kein Gefühl

Da sind all die legendären Orte, die Galerie Endart, die Besetzerkneipe Gott, das Nürnberger Eck. Später wird’s schicker. Man spaziert in die Paris Bar oder das Exil, den Dschungel. Doch der Roman geht fast völlig an der Musik-, Film- und Performance-Szene, an der Mode, an den Genialen Dilletanten vorbei, die damals Berlin so elektrisierten. All das Androgyne, Queere, Dekadente fehlt. Die Sicht auf die Zeit ist erstaunlich heteronormativ und freudlos.

Schwulenlokale sind unheimlich und verführerisch. Der Bahnhof Zoo ist "bis heute ein dreckiger Ort, wo man besser nicht stehen bleibt, es sei denn, man will etwas von der Gier der Freier auf männliches Frischfleisch mitbekommen". Vroni, eine Mitbesetzerin aus Wien, prostituiert sich und stirbt an Aids – wie eine Figur auf einem Schiele-Gemälde, mit Kaposi-Sarkomen und Heurigenliedern. Dann fällt der Inhaber der Heinrich-Heine-Buchhandlung um.

In diesen politisierten Erinnerungen fällt kein Wort über Wut, die politische Dimension dieser Pandemie, die die 1980er geprägt hat. Stattdessen schreibt das Trio: "Zum Glück demonstrierten in der Oranienbar Personal und Gäste heiter und gelassen, wie wunderbar es sich als Lesbe oder Schwuler leben lässt." Spätestens dort verlässt einen dieses aufgeblasene Buch, aus dem bestimmt noch eine Netflix-Serie wird: Da bleib ich kühl, kein Gefühl.