NFT-Hype

Im Moment geht es nur ums Geld

Am Donnerstag hat Christie's ein NFT-Kunstwerk des Digitalkünstlers Beeple für sagenhafte 69 Millionen Dollar versteigert. Die bisherigen Gatekeeper der Kunstwelt sind fassungslos. Damit der NFT-Handel kein reinen Zockermarkt bleibt, braucht es Instanzen für einen inhaltlichen Diskurs. Ein Kommentar

"I'm going to Disney World!" Ob Beeple nach Disney World möchte, oder ob er sich angesichts der Ereignisse gerade auf dem Weg dorthin wähnt, wird nicht ganz klar in dem Youtube-Video, das den Künstler im Wohnzimmer der Familie während der letzten Minute der Christie's-Auktion zeigt. Mit dem Erlös seiner "Everydays: The first 5000 days" könnte er sich, wenn auch nicht Disney World, so doch sicherlich einen kleineren Vergnügungspark kaufen. Die dürften aktuell auch günstig zu haben sein, da in der realen Welt kaum noch etwas stattfindet.

Der ambivalente Satz ist ein schönes Bild für die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Phänomen NFT und Beeple, die seit Donnerstag wohl für immer miteinander verknüpft sein werden.

Die Protagonisten des traditionellen Kunstmarkts finden sich plötzlich als Zaungäste wieder und betrachten das Schauspiel von der Seitenlinie aus mit einer kopfschüttelnden Mischung aus Unverständnis, Verachtung und – ja – durchaus Neid. Denn die Summen, die da für ein Phänomen rausgehauen werden, von dessen Existenz sie bisher oft nicht einmal etwas wussten, sind tatsächlich atemberaubend. Die Reaktionen erinnern an die Erfolge von Damien Hirst und Jeff Koons, Banksy und Kaws – in dieser zeitlichen Reihenfolge – in der jüngeren Vergangenheit oder an die Skandale, die das Auftreten von Impressionsten und Expressionisten im 19. und frühen 20. Jahrhundert hervorgerufen haben.

Ist der Kunstmarkt mit NFT in der Gegenwart angekommen?

Mit den NFT ist digitale Kunst mit einem Mal handelbar geworden; mit dem neuen Markt ist eine Sichtbarkeit verbunden, die weit über Instagram und andere soziale Netzwerke hinausreicht. Aber ist Reichweite gleichzusetzen mit Bedeutung? Die Revolution hält sich bisher in sehr engen Grenzen. Anders als bei den Ismen vergangener Zeiten ist von Inhalten, die zum Tabubruch taugen, bisher nicht viel zu sehen. Kein Wunder, handelt es sich doch nicht um so etwas Umstürzendes wie einen Medienbruch, Buchdruck, Fotografie oder Film - digitale Kunst ist alles andere als neu. Neu und in gewisser Weise revolutionär ist der Umstand, dass der Austausch davon und darüber allen offensteht, ohne die bisherigen Gatekeeper der Kunstwelt. Doch es ist ein Markt, der plötzlich Furore macht. Kurz: Es geht ums Geld, und zwar im Moment anscheinend nur darum.

Die Apologeten von NFT glauben, endlich sei die Jetztzeit angekommen in einem Kunstmarkt, der festhält an überkommenen Modellen, die die Hegemonie seiner Akteure sichern. Da ist absolut etwas dran. Bis auf Christie's natürlich, das wahrlich nicht als Underdog gilt. Das Auktionshaus hat seinen Schnitt gemacht: Rund 9 Millionen Dollar zahlt der Käufer zusätzlich zum Höchstgebot von 60,25 Millionen, und wenn Beeple als Newbie in dem Geschäft schlecht oder nicht beraten wurde, zahlt er noch einmal ungefähr denselben Betrag als Abgeld.

Wie bei vielem, was in der Kunstszene in letzter Zeit Furore gemacht hat, drängen sich vor allem die Zahlen in den Vordergrund – Zombie Formalism anyone? Inhalte werden hoffentlich später noch breiter verhandelt. Die Diskurse bestehen durchaus, doch ist deren Reichweite noch sehr begrenzt. Und nicht ganz unelitär. Die einschlägigen Handelsplattformen sind recht zahlreich und weisen qualitativ eine große Spannbreite auf, oft auf dem Niveau von Ebay oder Affordable Art Fair. Der maßgebliche Marktplatz ist aktuell Foundation, der für Künstler allerdings ausschließlich per Einladung zugänglich ist. Für die muss man sich wiederum über Beiträge auf der Diskussionsplattform Discord qualifizieren. Wer, wann, durch wen und nach welchen Kriterien Aufnahme findet, ist wenig transparent. Das klingt wiederum nach Strukturen, die aus der traditionellen Kunstwelt bekannt sind.

Bitte nicht in alte Muster verfallen!

Um die Konflikte, die dort gerade ausgefochten werden, auch auf die Sphäre der NFTs anzuwenden, bietet sich ein Blick auf den Gender Pay Gap an, der sich in einer Momentaufnahme so heftig präsentiert, wie man es im traditionellen Kunstmarkt gerade zu überwinden geglaubt hatte: Grimes macht mit einem Sale gerade einmal rund 6 Millionen – und Beeple gleich das Zehnfache. Die eine ist Frau, der andere Mann, und beide dazu noch weiß. Sicher, das ist nur ein schlaglichtartiger Ausschnitt einer Kunstszene und eines Marktes, die sich gerade erst formieren.

Ganz so einfach ist das mit der schönen, neuen und egalitären Digitalwelt eben nicht. Um nicht zum reinen Zockermarkt zu werden, braucht es Instanzen und Mechanismen, die einen inhaltlichen Diskurs ermöglichen und befördern. Das hat der traditionelle Kunstmarkt schon nicht unbedingt befördert. Von daher brauchen sich dessen Vertreter nicht zu wundern, wenn die virtuelle Welt ihrem Beispiel folgt. Andererseits gilt: Weil es den NFT an Materialität fehlt, sollten ihre Verfechter nicht in alte Muster verfallen, die schon IRL den Ruf schädigen.

Was NFTs sind, lesen Sie hier