Verpacktes Berliner Nationaldenkmal

Des Bismarcks neue Kleider

Seit den Anti-Rassismus-Protesten vom letzten Sommer diskutiert die Welt über den Umgang mit Statuen fragwürdiger Persönlichkeiten. In Berlin zeigt ein Kollektiv am Reichskanzler Bismarck, wie man sich solchen Denkmälern künstlerisch nähern kann

Otto Eduard Leopold von Bismarck hat imposante Ohrmuscheln, erstaunlich zarte Hände und schätzungsweise Schuhgröße 145. Zumindest in der Ausführung von Bildhauer Reinhold Begas, der den ersten deutschen Reichskanzler von 1897 bis 1901 als gut sechs Meter hohe Bronzestatue für ein Berliner Nationaldenkmal verewigt hat. Der adelige Staatsmann (1815-1898) trägt Pickelhaube, eine Uniform des preußischen Kürassier-Regiments "von Seydlitz" und seinen unvermeidbaren Schnauzbart. Die linke Hand hält einen Säbel, die rechte ruht auf einem Blatt Papier, das die Gründungsurkunde des Deutschen Reiches von 1871 darstellen soll. Als wäre diese Darstellung nicht schon monumental genug, betonen vier weitere Figuren auf dem rötlich glänzenden Granitsockel Bismarcks Übermenschlichkeit. Da sind der von der Weltkugel erdrückte Atlas und der schwertschmiedende Drachentöter Siegfried; eine weise Sybille ruht lesend auf einer Sphinxfigur, und auf der Leopardentöterin Germania sind noch einige rosa Spritzer von der letzten Farbattacke zu erkennen

Obwohl das neobarocke Denkmal (flankiert vom ersten preußischen Kriegsminister Albrecht Graf von Roon und dem Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke) auf einer prominenten Achse von Sehenswürdigkeiten neben der Berliner Siegessäule steht, ist der leicht in den Tiergarten zurückgesetzte Bismarck keine klassische Hauptstadt-Attraktion. Viele Berlinerinnen und Berliner rauschen Kopfhörer-verstöpselt auf dem Fahrrad den großen Stern entlang, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, Touristengruppen mit verschiedenen Transportmitteln verweilen eher kurz vor dem bronzenen Politkoloss, bevor das nächste Monument lockt. 

Seit rund zwei Wochen geht der Blick von Passantinnen und Passenten jedoch öfter nach oben als sonst. Bismarck ist eingerüstet, was in der Baustellen-Stadt Berlin erst einmal nichts Ungewöhnliches ist. Doch irgendetwas Merkwürdiges passiert mit der Statue, das nicht nach gewöhnlicher Denkmalsanierung aussieht. Bismarck wechselt langsam die Farbe, wird zuerst beige und dann bunt, als hätte er seine Patina-grüne Uniform gegen ein Disco-Outfit der 70er-Jahre eingetauscht.

Was massiv war, wird beweglich

Auf dem Gerüst klettert eine Gruppe von jungen Menschen herum, die den Gründervater des Deutschen Kaiserreiches mit immer neuen Lagen kleisternassem Papier bedecken. Lage um Lage hüllt sich das formbare Material um die harten Kanten des Säbels und die von Reinhold Begas filigran ausgearbeiteten Gehrockfalten. Jedes Blatt wird sorgfältig mit den Händen glattgestrichen und in alle Nischen des Denkmals geschoben. Von so vielen Händen wurde die Figur, die eigentlich außerhalb menschlicher Reichweite auf ihrem Sockel thront, sicher lange nicht angefasst. Das Verpacken ist ein äußerst körperlicher Prozess, zuweilen sieht es aus, als würde Otto von Bismarck eine Massage bekommen. "Wir streicheln nur das Papier, nicht Bismarck", stellt die Street-Art-Künstlerin Various klar, während sie in luftiger Höhe und mit spektakulärem Blick auf die goldenen Gewänder der Siegessäulen-Victoria auf dem Baugerüst steht. Hier geht es gerade nicht um Zärtlichkeiten gegenüber einem Bronzeherrscher. Hier geht es um Transformation. 

Verantwortlich für die Verpuppung des Bismarck-Denkmals ist das Projekt "Monumental Shadows. Koloniales Erbe neu denken". Dahinter stehen neben Various und ihrem künstlerischen Partner Gould der Berliner Kunstraum Savvy Contemporary und dessen Programm "Colonial Neighbours". Die Idee ist, Bismarck von seinem Sockel zu holen, dabei aber einen Umweg über ein neues Material zu gehen. Mit einer Pappmaché-ähnlichen Technik wird das Denkmal abgeformt, am Samstag, 21. August, wird das getrocknete Bismarck-Abbild dann (ausdrücklich mit Einladung zum Zuschauen) vom Original gelöst. Im September soll der Papierkanzler dann bei Savvy im Wedding zu sehen sein und mit Performances aktiviert und verändert werden. "Verformance" nennen die Organisatoren und Organisatorinnen das. Was mal massiv und unerschütterlich war, wird fragil und beweglich.

Obwohl Otto von Bismarck seit über einem Jahrhundert reglos auf seinen großen Füßen im Tiergarten steht, hat sich in der Rezeption seiner Person einiges bewegt. So steht Bismarck nicht mehr nur für Sozialreformen und die Gründung des ersten deutschen Nationalstaates, sondern wird auch als maßgebliche Figur des deutschen Kolonialismus gesehen. So fand 1884/1885 auf Bismarcks Einladung hin die "Berliner Konferenz" oder "Kongo Konferenz" in der deutschen Hauptstadt statt. Dort teilten Vertreter von 13 europäischen Staaten sowie der USA und des Osmanischen Reiches faktisch die noch nicht kolonisierten Teile des afrikanischen Kontinents unter sich auf. Für Deutschland markiert dieses Ereignis den Eintritt in die Reihe der Kolonialmächte. Afrikanische Gesandte waren nicht dabei. 

Gespräche mit neugierigen bis empörten Passanten

Antirassistische Initiativen verweisen schon lange auf die Rolle des deutschen Helden Bismarck als "Geburtshelfer" des Kolonialismus. Auch der Kunstraum Savvy, der sich auf den Austausch zwischen europäischen und nicht-europäischen Stimmen spezialisiert hat, treibt seit Jahren den Diskurs über Berlins koloniales Erbe voran. 2018 ging es beispielsweise in der Performance-Reihe "Demythologize that history and put it to rest" um das Nationaldenkmal im Tiergarten. Auch zur "Kongo-Konferenz" gab es 2015 eine Ausstellung. Doch wie es mehrere Beteiligte des Bismarck-Projekts bestätigen, tun sich viele Deutsche noch immer schwer, sich mit diesem gewaltvollen Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen. "Oft fällt es Menschen leichter, über den Nationalsozialismus zu reden als über den deutschen Kolonialismus", sagt die Savvy-Projektassistentin und Mitarbeiterin im Design-Department Lili Somogyi, die am Fuße des verklebten Denkmals mit neugierigen oder empörten Passanten ins Gespräch kommt.

Spätestens seit der weltweiten "Black Lives Matter"-Proteste im vergangenen Jahr stehen auch europäische Denkmäler mit Bezug zum Kolonialismus verstärkt im Fokus von Aktivistinnen und Aktivisten. In Bristol wurde die Statue eines Sklavenhalters vom Sockel ins Hafenbecken gestürzt, die belgische Stadt Antwerpen entschloss sich nach mehrtägigen Demonstrationen, ein Denkmal von König Leopold II. zu entfernen. Auch Otto von Bismarck, der als Statue und Namensgeber für Plätze, Straßen und Türme in vielen deutschen Städten präsent ist, bekam einige Farbattacken und Graffiti-Tags ab.

Die Reaktionen von Behörden auf den neuen Denkmalstreit sind sehr verschieden und reichen von Reformbereitschaft bis zu Strafverfolgung. In Hamburg läuft noch bis Ende des Jahres ein Wettbewerb zur Umgestaltung des umstrittenen Bismarck-Monuments oberhalb des Hafens. Gegen das Künstlerkollektiv Peng! wird dagegen gerade vom Landeskriminalamt Berlin wegen einer Karte zu kolonialen Denkmälern und möglicherweise damit in Zusammenhang stehender Sachbeschädigung ermittelt. Unter dem Titel "Tear This Shit Down" hatte das Kollektiv zusammen mit antirassistischen Initiativen Orte zusammengetragen, die auf das deutsche koloniale Erbe verweisen. "Kolonialismus beseitigen" heißt es auf der Website - offenbar genug, um als Aufruf zu Straftaten gewertet werden zu können. "Künstler*innen, die Dekolonisierung fordern, werden mit Ter­ro­ris­t*in­nen in einen Topf geworfen", sagte ein Mitglied des Kollektivs gegenüber der "Taz".

Unbeschadet, aber auch unverändert?

Various & Gold, die seit 15 Jahren zusammenarbeiten und unter anderem bereits das Berliner Marx-und-Engels-Denkmal verpackt haben, trugen die Bismarck-Idee schon vor der Debatten-Eskalation des vergangenen Jahres mit sich herum. Doch nun fällt die Realisierung in ein politisch aufgeheiztes Klima. Und nur knapp vier Kilometer Luftlinie vom Nationaldenkmal entfernt sorgt das frisch eröffnete Humboldt Forum mit seiner Preußenfassade und seinen Raubkunstverstrickungen dafür, dass das Thema Kolonialismus auch in der deutschen Mainstream-Kultur inzwischen unausweichlich ist.

Das offiziell genehmigte und unterstützte Projekt "Monumental Shadows", das auch auf andere europäische Städte und Denkmäler ausgeweitet werden soll, ist verglichen mit der Wucht und Wut anderer Aktionen nicht besonders eskalativ. Weil die unterste Lage der Papphülle lediglich aus nassem Zeitungspapier besteht, klebt der bunte "Sarkophag" nicht an der Skulptur selbst und hinterlässt keine Spuren. Bismarck wird "gehäutet", kommt also in seinem Bronzekern unbeschadet aus der Nummer heraus. Aber auch unverändert?

"Uns ist bewusst, dass unser Ansatz nicht so radikal ist wie andere", sagt Künstler Gould. "Aber wir wollen das Denkmal mit künstlerischen Mitteln in Frage stellen. Es ist wichtig, dass Geschichte plötzlich nicht mehr starr erscheint, sondern ihre Form verändert und Perspektive erweitert. Unsere Aktion, Bismarck in Papierform vom Sockel zu holen, ist zwar nur temporär, doch solange dieses Denkmal hier noch steht, fänden wir mindestens eine Schrifttafel nötig, die eben auch an die gewaltvolle Kolonialzeit und seine Rolle darin erinnert." 

"Die Form und Erzählung des Denkmals stören"

Auch zur derzeitigen Bismarck-Verkleisterung gibt es viel Informationsmaterial und weiterführende Lektüre. Aber hier sollen auch die Bilder sprechen. Durch das farbige Papier der letzten Schichten verliert Bismarck etwas von seiner militaristischen Strenge und bekommt fast einen abstrakten Charakter. "Wir müssen aufpassen, dass wir die Figur nicht zu sehr 'anziehen'", sagt Various. "Es geht uns vor allem darum, die Form und Erzählung des Denkmals zu stören und zu überschreiben, sodass ein neuer Blick möglich wird."

Während der gut zweiwöchigen Arbeit haben das Künstlerduo und die Savvy-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter viele Gespräche am Fuße des sich wandelnden Monuments geführt. Die Reaktionen reichten von Erleichterung ("Endlich!") bis zu Empörung ("Finger weg von unserer Geschichte!"). Am Anfang des Projekts wurden die Infotafeln an der Umzäunung des Denkmals beschmiert, viele Beteiligte des Projekts haben sich anschreien lassen müssen. Künstler Gould erzählt jedoch auch, dass die meisten Menschen, mit denen er gesprochen hat, durchaus interessiert und dialogbereit waren. "Wir sind nicht hier, um uns anzuschreien", sagt er. "Wir sind hier, um zu reden."   

Was mit dem hohlen, bunten Bismarck nach seinem Abtransport vom großen Stern passiert, wissen Various & Gould auch noch nicht genau. Ist das sechs Meter hohe Pappdenkmal jetzt ein gruseliger Doppelgänger, der vernichtet werden soll, oder eine Inkarnation alternativer Geschichte, in der der Reichskanzler nicht Eroberer sein muss? Was ein Monument heute sein kann und soll, wird gerade neu verhandelt. Dass es eines nicht soll, scheint jedoch klar: einfach ungerührt stehen bleiben.  

Nach seinem Umzug zu Savvy soll die Figur jedenfalls im Zentrum von Performances, Vorträgen und Workshops stehen. Der Ort könnte passender nicht sein. Wohl keine Institution in Berlin hat mehr Expertise zum Thema koloniales Erbe zusammengetragen als das von Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung gegründete Kulturlabor. Und Bismarck wird vor den neuen Räumen am Nettelbeckplatz im Wedding stehen. Der Namensgeber dieses Platzes, Seefahrer Joachim Nettelbeck (1739-1824), war aktiv am Sklavenhandel beteiligt.