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Vom Blauen Reiter keine Spur

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In Berlin und München widmen sich zeitgenössische Künstler dem verschollenen "Turm der blauen Pferde" von Franz Marc

"Es geht um mehr als ein verschwundenes Kunstwerk", sagt Michael Hering, Leiter der Staatlichen Graphischen Sammlung München, die mit dem Berliner Haus am Waldsee kooperiert: Die doppelte Schau "Vermisst" kreist um den "Turm der blauen Pferde", 1913 gemalt von Franz Marc, der drei Jahre später 36-jährig bei Verdun fiel. Das Bild ist verschollen, es existieren Farbreproduktionen: Vier Pferde recken ekstatisch ihre Köpfe zur Seite, was ihre Aufmerksamkeit erregt, sehen wir nicht, nur die gelb-braun-rote Landschaft. Im Ersten Weltkrieg witterte Marc eine Notwendigkeit, schrieb er 1914 in der "Vossischen Zeitung": "Europa ist krank am alten Erbübel und will gesund werden, darum will es den furchtbaren Blutgang."

Ein Gespenstergemälde, imprägniert von Geschichte, ein Phantombild, das zwei Städte verbindet. 1913 bei München gemalt, wird der "Turm" im gleichen Jahr in Berlin vorgestellt. Ab 1919 gehört das Werk zur Sammlung der Nationalgalerie, 1937 wird es an den Pranger der NS-Ausstellung "Entartete Kunst" in München gestellt, kritische Stimmen sorgen aber dafür, dass es aus der Diffamierungs-Schau entfernt wird. Aus einem Berliner Sammellager heraus zieht es Hermann Göring in seine Privatsammlung ein. Womöglich übersteht es den Krieg: Zeitzeugen wollen das Original im Sommer 1945 und sogar 1948/49 noch in Berlin gesehen haben. Unter anderem im Haus am Waldsee: Katja Blomberg, Leiterin der heutigen Kunstinstitution in der Villa, hat minutiöse Recherchen zum kurzzeitigen Wiederauftauchen des Gemäldes angestellt, die im "Vermisst"-Katalog nachzulesen sind.

"Bloß Gerüchte aufkochen" will Blomberg aber nicht, vielmehr lässt sie zwölf Künstler antreten, die über das Verschwinden des Meisterwerks und Verlust schlechthin reflektieren, darunter Martin Assig, Birgit Brenner, Christian Jankowski. Norbert Bisky hat den zwei Meter hohen "Turm" noch einmal gemalt, "so präzise, wie ich kann, auf grober Leinwand wie damals Marc", erklärt der Berliner Maler. Für ihn ein Akt der Entzauberung: "Das Inhaltliche ist mir fremd geblieben", sagt Bisky, der seine Nachschöpfung in einem performativen Akt schließlich zerstörte und nun die Ruine aus Stoff, Farbe und Holz als Skulptur ausstellt. Die Fotografin Johanna Diehl beschäftigt sich mit dem umfassenderen Thema des Verstummens, der Scham im Nachkriegsdeutschland. "Über das Verschwinden des Bildes wurde kaum gesprochen. Das Schweigen war sehr präsent", sagt Diehl, die sich von den Tagebüchern ihrer Großmutter zu einer Serie abstrakter Fotografien anregen ließ. Im Farblabor hat sie die Farben der Leder- und Plastikeinbände der Tagebücher auf Fotopapier rekonstruiert. Fast lückenlos dokumentieren die 73 Hefte den Alltag der Großmutter zwischen 1936 und 2009, doch Emotionen, traumatische Erlebnisse gar, kommen nicht zur Sprache.

Verdrängung ist ebenso ein Thema für die acht Künstler in München. Allerdings scheint Marcs Ikonografie in den Werken von Sławomir Elsner oder Tatjana Doll eine größere Rolle zu spielen. Was vielleicht an einem historischen Original in der Graphischen Sammlung liegt, Marcs farbiger Vorzeichnung des "Turms" auf einer Postkarte an Else Lasker-Schüler. Die Fotos von Viktoria Binschtok präsentieren acht aus dem Internet bestellte Objekte, darunter ein Puzzle und eine Smartphone-Hülle mit dem Gemälde-Motiv. "Mich interessiert", sagt Binschtok, "wie ein Bild sich verselbständigt und in die Massenproduktion eingeht." Jana Gunstheimer bringt das Figurative wiederum zum Verschwinden: Die Künstlerin stellt eine Leinwand aus, die vielfach übermalt wurde. Nur noch Reste von Figuration sind zu erkennen. Deutlicher die Farbränder, die zeigen, dass der Stoff auf verschieden großen Keilrahmen bearbeitet wurde. "Die Idee war", so Gunstheimer, "dass ein Bild ein Nomade sein kann." Oder ein Geisterwesen, möchte man hinzufügen, solange das vermisste Kunstwerk nicht doch wieder auftaucht.

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