Neuer Film über Bob Ross

Dunkle Wolken in Happyland

Ein neuer Netflix-Film verspricht, das "düstere Geheimnis" von Bob Ross zu lüften. Doch Fans des harmoniebedürftigen TV-Malers dürfen aufatmen: Ihr Idol wird nicht zerlegt. Vielmehr geht es um die Kommerzialisierung eines Mythos  

Bis vor wenigen Wochen war Bos Ross`s Nachruhm in ein ähnlich sanftes Licht gehüllt wie jene Landschaften, die er auf abertausende Leinwände zauberte. Mit seiner Sendung "The Joy of Painting", in der er mit Prediger-Stimme die Freuden des Pinselns auf Leinwand verkündete, war der Fernsehmaler nicht nur äußerst erfolgreich – zwischen 1983 und 1994 entstanden mehr als 400 Episoden, die in neben den USA auch in Ländern wie die Niederlande, Deutschland, Türkei, Iran, Mexiko oder Japan ausgestrahlt wurden. Er war auch ein darling der internationalen Popkultur. Ross‘ Haarpracht und Kleidung, sowie Kalenderspruch-Zitate "Alles, was wir brauchen, ist ein Traum in unserem Herzen und der Wunsch, ihn auf die Leinwand zu bringen" oder "Es gibt keine Fehler. Nur glückliche Unfälle" machten ihn zu einer ikonischen Figur: verehrt von Marlon Brando und den Slackern der Generation X, zu Gast in der Comedyshow "Saturday Night Live", beim Musiksender MTV und, posthum, in der Zeichentrickserie "Family Guy".

Google ehrt ihn zum 70. Geburtstag 2012 mit einem Doodle-Logo, und in den Niederlanden soll eine Blume nach ihm benannt worden sein. Hierzulande widmen ihm der Schriftsteller Christian Kracht und der Lebenskünstler Rafael Horzon ein Theaterstück. Auch postmoderne Zyniker finden bei Bob Ross Trost.

Für Unruhe sorgt jetzt die neue Netflix-Dokumentation "Bob Ross: Glückliche Unfälle, Betrug und Gier", in der der Streamingdienst "das düstere Geheimnis von Bob Ross" zu lüften verspricht. Was insofern etwas irreführend ist, als es vor allem um Bob Ross' Vermächtnis geht, genauer gesagt: seine posthume Vermarktung. "The Joy of Painting" war ein gigantischer TV-Erfolg, den Ross genoss. Begleitend zu den TV-Malkursen vertrieb die 1982 von Ross und seinen Geschäftspartner Annette und Walter Kowalski gegründete Firma Bob Ross Inc. Farben, Pinsel, Videos und Bücher. Ross selbst sei es dabei darum gegangen, möglichst vielen Menschen das Kunstmachen zu  ermöglichen – seinen Geschäftspartner hingegen nur um Kommerz. Das jedenfalls ist die zentrale These der Netflix-Doku, die sich hauptsächlich auf lange Interviewpassagen mit Ross' Sohn Steve Ross und alten Freunden stützt.

Aufbau eines riesigen Lizenzimperiums

Als bei dem Künstler Anfang der 90er-Jahre eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde – vermutlich in Folge übermäßigen Kontakts mit Farben und Lösungsmitteln –, sollen die Kowalskis die Erkrankung ihrer cash cow so lange wie möglich verheimlicht haben, selbst seine Beerdigung im Juli 1995 wurde im kleinsten Kreis abgehalten. Vor allem aber soll sich das Paar durch dubiose Vereinbarungen und Verträge, teils durchgesetzt mit Klageandrohungen, sämtliche Rechte am Namen Bob Ross und seiner Vermarktung gesichert haben. In den Jahrzehnten seit dessen Tod haben die Kowalskis ein riesiges Bob-Ross-Lizenzimperium aufgebaut, das von Kaffeebechern über T-Shirts bis zu Jutebeuteln reicht. Steve Ross behauptet, dass er aus dem Geschäft ausgeschlossen wurde, obwohl sein Vater wollte, dass sein Sohn sein Erbe weiterführt. 2017 hat er Klage gegen das Unternehmen Bob Ross Inc. eingereicht, erfolglos.

Ist der Dokumentarfilm sein Rachefeldzug? Fraglos beleuchtet Regisseur Joshua Rofé den Fall sehr einseitig, was auch mit der Weigerung der Kowalskis zu tun haben könnte, vor die Kamera zu treten. Nach der Premiere des Films auf Netflix warfen die Kowalskis dem Filmemacher in einem Statement eine "ungenaue und stark verzerrte Darstellung unseres Unternehmens" vor. Sie gaben außerdem an, dass Bob Ross Inc. nach Medienberichten über die Veröffentlichung des Films im Sommer 2021 erfolglos versucht hat, die Filmemacher zu kontaktieren, um eine Stellungnahme abzugeben.

Bob-Ross-Fans können die Doku bedenkenlos schauen, ihr Idol wird nicht zerlegt, kein "düsteres Geheimnis" gelüftet. Der Film flüchtet sich, nachdem viel angedeutet, viel gemutmaßt wurde, am Ende in ziemlichen Kitsch: Da erzählen Menschen, wie ihnen Ross' Malkurse buchstäblich das Leben rettete, da sehen wir, wie sein Sohn in kleinen Community Centers Kunstunterricht erteilt. Das wahre Erbe von "The Joy of Painting", so die Botschaft, kann niemand zerstören. Wie der  Moderator seine Zuschauer zum Abschluss einer jeden Sendung verabschiedete: "From all of us here: I'd like to wish you happy painting and God bless, my friend!"