Kommentar

Was hat der Bund der Steuerzahler eigentlich gegen Kunst?

Regelmäßig kritisiert der Bund der Steuerzahler staatliche Ausgaben für Kunst und Kultur als Verschwendung - so auch in seinem neuesten "Schwarzbuch". Dabei ist die Frage nach Effizienz in diesem Fall genau die falsche

Ein Märchenwald mit Nebel an einer Hauptverkehrsachse, ein wasserspeiender Geysir mitten in einem Kreisverkehr oder ein Parfum mit Geldgeruch, das für ein Finanzamt entwickelt wurde: Zugegebenermaßen sind viele kulturelle Projekte nicht gerade das, was man sich in betriebswirtschaftlichem Sinne unter "effizient" vorstellt. Und dass Kunstwerke auf einem Markt, der zum großen Teil auf Aura und symbolischem Kapital basiert, irrational teuer werden können, ist ebenfalls unstrittig. Doch dass Investitionen in Kunst immer wieder pauschal als "Verschwendung" und entbehrlich angesehen werden, zeigt mit großem Eifer der Verein Bund der Steuerzahler (BdSt), der sich als "Finanzgewissen der Bundesrepublik" bezeichnet und auf staatlich geförderte Projekte hinweist, die die Mitglieder als überteuert, schlecht gemanaged oder überflüssig bewerten. 

In ihrem sogenannten "Schwarzbuch", das einmal im Jahr erscheint, listet der BdSt besonders prägnante Fälle von fahrlässigem Geld-aus-dem-Fenster-Schmeißen auf. Und die Tatsache, dass sich bei deutschen Großprojekten gerne mal etwas grotesk verzögert, verknotet und verteuert, dürfte den meisten Steuerzahlerinnen und -zahlern durchaus schon begegnet sein. Auffällig oft beziehen sich die Beschwerden jedoch auf kulturelle Projekte, im "Schwarzbuch" 2021 werden neben gefloppten Apps und Verkehrs- und Infrastrukturvorhaben drei künstlerische Initiativen angeprangert: von Künstlern bemalte Treppen in Stuttgart (25.000 Euro), eine geschenkte Skulptur im Auenpark im nordrhein-westfälischen Selm, bei der die Stadt letztendlich doch 28.000 Euro zuschießen musste, und der geplante "Märchenwald" aus Kiefern am Brüder-Grimm-Platz in Kassel, durch den ein geheimnisvoller Nebel wabern soll, und der den Bund und die Stadt Kassel rund zehn Millionen Euro kosten soll. 

Auch in den vergangenen Jahren hat der Verein immer wieder Kunstprojekte gerügt, zum Beispiel nahm er die Geysir-Installation von Künstler Thomas Stricker in Monheim gleich dreimal in sein "Schwarzbuch" auf, da die Kosten von 400.000 auf 600.000 Euro stiegen. Außerdem führten die Ampelanlagen, die bei einem Geysir-Ausbruch zur Regelung des Verkehrs nötig sind, das Prinzip eines Kreisels "ad absurdum" (im ersten Jahr des Betriebs war das 23 Mal jeweils für wenige Stunden der Fall).

Es ist eine Superkraft der Kunst, dass sie nicht effizient sein muss

Im vergangenen Jahr fragte der Bund der Steuerzahler in Baden-Württemberg sogar ganz grundsätzlich, ob in Zeiten von knappen Kassen in der Pandemie "nicht auch bei Projekten im Rahmen von 'Kunst am Bau' der Gürtel etwas enger geschnallt" werden müsste. Stein, oder besser gesagt Flakon des Anstoßes war damals ein Werk der Konzeptkünstlerin Katharina Hohmann, die mit öffentlicher Förderung ein Parfum namens "Ihr Steuerduft" kreiert hatte, das nach Bargeld riechen soll und im Neubau des Finanzamtes Karlsruhe zu kaufen ist. 

Natürlich gibt es auch in der Kulturbranche Geldverschwendung, und man kann sich mit Recht fragen, warum Mammut-Projekte wie die Elbphilharmonie, das Humboldt Forum oder das geplante Museum der Moderne in Berlin finanziell immer so gigantoman aus dem Ruder laufen müssen. Jedoch ist es problematisch, Kunstprojekten ihren ökonomischen Fußabdruck vorzurechnen und nach dessen Legitimität zu fragen. Denn schließlich ist es ein großes Privileg und auch eine Superkraft der Kunst, dass sie eben nicht effizient sein muss, dass sie tun darf, was sich sonst "nicht lohnt".

Im "Schwarzbuch 2021" rechnet der BdSt vor, dass man für die Kosten des Kasseler Märchenwaldes 2600 "normale" Bäume pflanzen könnte (Joseph Beuys schaffte seine 7000 Eichen 1982 übrigens für 3,5 Millionen D-Mark). Als die nordhessische Stadt nach der Documenta 14 über den Ankauf des Obelisken von Olu Oguibe debattierte, wurde genüsslich analysiert, wie viele Schulen, Pflegeheime und Kindergärten man mit dem Geld unterstützen könnte.

Wer soll entscheiden, was unterstützenswert ist?

Man muss keines dieser Werke persönlich mögen, aber die Kultur gegenüber vermeintlich "wichtigeren" Investitionen auszuspielen ist fatal, da auch Kunst in hohem Maße zu einer lebenswerten Umgebung beiträgt - man kann den Nutzen nur nicht in Nachkommastellen ausdrücken. Und eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen, wenn vielfältige, abwegige und auch irritierende Kunst gefördert wird, die nicht allen gefällt. Denn müsste man sich bei öffentlichen Projekten immer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, stünden wohl nur noch unverdächtige Greatest Hits der Gegenwartskunst herum (in Zehner-Auflagen, die sind billiger). 

Viele Länder beneiden das wohlhabende Deutschland um seine relativ großzügige staatliche Kunstförderung, weil diese die Kultur marktunabhängiger macht - und nein, das Geld fehlt dann nicht in Kindergärten. Und was wäre die Alternative? Ohne ausladende Zuschüsse und Kultur als Staatsauftrag würden die privaten Mäzeninnen und Mäzene in verstärktem Maße das Kunstzepter in die Hand nehmen und entscheiden, was unterstützenswert ist und was nicht. Die Staatskasse würde geschont, aber die Superreichen übernähmen auch noch die kulturelle Gestaltungsmacht. Und sie vermeiden bekanntlich oft im großen Rahmen Steuern.