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Jonathan Meese

Pointe ohne Witz

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Wenn diese Woche in der Münchner Pinakothek der Moderne die große Werkschau Jonathan Meeses eröffnet, werden viele wieder den kindlichen Blick loben, mit dem der Berliner Künstler auf Mythen und Macht schaut. Doch ist der naive Flirt mit totalitärer Ästhetik noch zeitgemäß? Georg Diez hat da seine Zweifel

Jonathan Meese ist die Pointe ohne Witz, er ist die Obsession ohne Reflexion, er gibt sich naiv, aber was soll diese Naivität vor dem Monster, das er wieder und wieder beschwört?

Thomas Mann nannte Hitler einen Bruder, weil er ergründen wollte, wie das Deutsche mit dem Verbrechen zusammenhängt. Jonathan Meese will nichts ergründen. Er sieht nur das Deutsche und reduziert es auf Comicformat und bläht es gleichzeitig auf und verbreitet damit den scheußlichen Odem, geruchsbefreit.

Er ist immer noch der freundliche Zottelbär in Trainingsjacke, der es in den 90er-Jahren womöglich zu Weltruhm ­gebracht hat. Aber die Welt war kleiner damals und augenscheinlich harmloser, die 90er-Jahre sind vorbei, und es ist unklar, ob es gute Jahre waren oder doch viel eher verlorene, verschenkte, falsche Jahre, in denen die eigene Beschränktheit im Blick auf das Monster irgendwie interessant schien, weil eh schon alles gesagt war, nur noch nicht von allen.

Jonathan Meese ist damit ein Zeugnis jener Zeit, als die Gedankenlosigkeit chic war, in der die Gegenwart sich so un­endlich auszustrecken schien, dass eine gewisse Fadheit die plausibelste Reaktion war und die Vergangenheit ein Fundus für die eigene Verlorenheit.

Die Traurigkeit war das Überzeugend­ste an seiner Kunst, die verzweifelte Kindlichkeit, die einen nur dann zu Tränen rührt, wenn man sie überlebt hat. Der ganze schwerdeutsche Mythenquatsch schien eine Weile nur Mittel zum Zweck. Es ist leider alles, was von seiner Kunst bleibt.

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